Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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3. September 2001
Hl. Gregor d. Große


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Gott beherrscht die Kunst, das Böse zum Guten zu wenden, wie die folgende Geschichte zeigt. An einem Abend des Jahres 1924 verbrannte sich in Auberive in Ostfrankreich eine junge Nonne, Schwester Marie-Louise Durand, schwer am Gesicht, als ein metallener Kessel voll kochenden Wassers zu schnell auf eine kalte Marmorunterlage gestellt wurde und explodierte. Ihr wurde das Fleisch am Kinn, an den Lippen und an den Augenlidern regelrecht abgerissen. Der sofort herbeigerufene Arzt gab ihr eine Beruhigungsspritze und versah ihr ganzes Gesicht mit einem Verband. «Das ist sehr ernst», sagte er. «Rufen Sie mich, wenn die Nacht zu schlimm wird.» – «Werden diese Verbrennungen Narben hinterlassen?» – «Wie sollten sie nicht?» Der Leiter des Hauses, Pfarrer Ghika, betete lange Zeit am Fuße des Krankenbettes und erhob die Hand zum Segen über die Verletzte, bevor er sich schließlich zurückzog. Am nächsten Tag stellte der Arzt erstaunt fest, dass das Gewebe sich geschlossen hatte, dass die Augen sich öffnen ließen und die Augenlider abgeschwollen waren. Drei Tage später war die Verletzte völlig geheilt. Ihre Schwester Suzanne sagte dreißig Jahre nach dem Unfall: «Für mich besteht kein Zweifel an einem Wunder.» Beim Tode von Schwester Marie-Louise im Jahre 1974 waren deren Bäckchen immer noch so rosig und glatt wie bei einem Kind.

Wer war der Priester, dessen Glaube diese übernatürliche Heilung bei Gott erwirkt hatte?

«Um noch orthodoxer zu sein»

Vladimir Ghika wurde als fünftes Kind des Fürsten Joan Ghika und seiner Frau, Alexandrine Moret von Blaremberg, am 25. Dezember 1873 in Konstantinopel geboren. Die Sakramente der Taufe und der Firmung empfing er in der orthodoxen Kirche, der seine Eltern angehörten. Seit 1657 hatten zehn Fürsten Ghika über Moldawien bzw. die Walachei geherrscht; der Letzte in diesem Amt war der Großvater Vladimirs, Gregor V.

1878 konnte sich der junge Staat Rumänien endlich vom osmanischen Joch befreien und wurde zu einem Königreich. Joan Ghika wurde zum Botschafter in Paris ernannt und starb dort 1881. Fürstin Alexandrine ließ ihre Söhne Vladimir und Demeter im Gymnasium von Toulouse einschreiben. Da es in dieser Stadt keine orthodoxe Gemeinde gab, wurden die Kinder einer Gouvernante anvertraut, die sie jeden Sonntag in eine protestantische Kirche führte. Von der Kälte des reformierten Gottesdienstes abgestoßen, entdeckte Vladimir durch seine Freunde am Gymnasium die katholische Religion; er brannte darauf, zusammen mit ihnen zur Erstkommunion zu gehen, doch seine Mutter war empört: «Denk an deine Vorfahren! Du, der Nachkomme griechisch-orthodoxer Fürsten, willst zum Verräter werden?» Später bekannte Vladimir: «Ich habe sechzehn Jahre lang gewartet, bevor ich mich entschieden habe; je länger ich wartete, desto mehr fing meine Seele Feuer. Selbst nachts war dieser Ruf in mir gegenwärtig!»

Nach dem glänzenden Abschluss seiner Studien in Paris erkrankte Vladimir 1895 an Angina Pectoris und musste auf eine diplomatische Laufbahn verzichten. 1898 schloss er sich seinem Bruder Demeter an, der an die rumänische Botschaft in Italien berufen wurde. Die sechs in Rom verbrachten Jahre nannte er später «eine Zeit der Besitzergreifung des katholischen Glaubens über seinen Geist und sein Herz». Er begriff, dass die Einheit der Christen nur unter der Autorität des Papstes, des Nachfolgers Petri, möglich war. «Nein», dachte er, «ich bin kein Abtrünniger; ich glaube an diese katholische Kirche, die meine Vorfahren verlassen haben, ohne an einen Bruch zu denken, ohne an den Schatz zu denken, den sie verloren haben.» Am 13. April 1902 wurde er durch Kardinal Mathieu, den Erzbischof von Toulouse, in Rom offiziell in die katholische Kirche aufgenommen. Die rumänischen Zeitungen verdammten allerdings diesen Schritt und beschuldigten Ghika des Verrats, «was mir», wie er bekannte, «großen Schmerz bereitete». Als er später von einem orthodoxen Mönch gefragt wurde, warum er Katholik geworden sei, antwortete er schlicht: «Um noch orthodoxer zu sein!»

Die Liturgie des Nächsten

1904 lernte Vladimir in Saloniki eine bewundernswerte, aus Italien stammende Ordensschwester des heiligen Vinzenz von Paul kennen, Schwester Pucci. Diese ließ ihn an ihrem Apostolat bei Kranken und Sterbenden Anteil nehmen. Bald richtete er in Bukarest von seinem eigenen Vermögen ein medizinisches Ambulatorium der Schwestern der Nächstenliebe ein, deren erste Oberin Schwester Pucci wurde. Eine etwa hundertköpfige Gruppe von «Damen der Nächstenliebe» aus der rumänischen Oberschicht beteiligte sich an diesem von missionarischem Geist beseelten Werk. Doktor Paulesco, ein sehr fähiger junger Arzt und eifriger Katholik, stellte unentgeltlich seine Dienste zur Verfügung, während der Fürst bei den Kranken das Amt des Katecheten ausübte. Mehr als 200 Patienten wurden täglich bei den Sprechstunden versorgt, ohne die Hausbesuche mitzuzählen. Bevor Ghika zu einem Kranken oder Armen aufbrach, sprach er folgendes Gebet: «Herr, ich besuche jetzt einen von denen, die du als dein anderes Selbst bezeichnet hast. Mach, dass die bei ihm verbrachte Zeit, die ihm Gutes tun soll, für ihn wie für mich Früchte des ewigen Lebens tragen möge.»

1913 richtete Fürst Ghika mit Schwester Pucci ein Lazarett, das Sankt-Vinzenz-Hospital, für die Opfer der Cholera ein. Er ging damals den Kranken bis in die benachbarten Donauregionen entgegen und kümmerte sich ungeachtet der ständigen Gefahr einer Ansteckung aufopferungsvoll um alle. Um eine Hauttransplantation am verbrannten Gesicht und Körper eines Unfallopfers zu ermöglichen, spendete er sogar seine eigene Haut: «Wer sich für andere entblößt, der zieht sich Christus über; nichts bringt einen Gott so nah wie unser Nächster», pflegte er zu sagen. Für Vladimir Ghika stellte die Armenfürsorge nicht bloße Philantropie dar: Wird sie aus Liebe zu Gott geübt, so wird sie zu einem wahrhaften Akt des Glaubens, den er die «Liturgie des Nächsten» nannte. »

Der Wert der heiligen Messe

Nach dem Ersten Weltkrieg ließ sich Vladimir in Paris nieder, wohin sein Bruder als rumänischer Botschafter entsandt worden war. Seine Mutter, die Fürstin Alexandrine, war 1914 verstorben. Der Fürst stand vor der Frage, ob er Priester werden sollte; Ghika zögerte: Konnte er dadurch nicht mehr Gutes bewirken, dass er das Bespiel eines christlichen Laien vorlebte? Die Erleuchtung kam ihm durch die Worte von Violette Sussmann, einer frommen Seele: «Eine einzige von Ihnen gelesene Messe wird unendlich mehr für die Seelen tun als alles Gute, das Sie durch Ihre Tätigkeit bewirken können, wenn Sie in der Welt bleiben.» Jean Daujat, einer seiner Schüler, bemerkt: «Was den Fürsten Ghika zu dem Entschluss brachte, Priester zu werden, war einzig und allein sein Glaube an die unendliche Wirkung der Messe, des Sakraments unserer Erlösung, für die Bekehrung und die Heiligung der Seelen; der Glaube an die Überlegenheit der Messe über jede andere Form des Handelns.» An den unschätzbaren Wert der heiligen Messe wird durch das zweite Vatikanische Konzil erinnert: «Sooft das Kreuzesopfer, in dem Christus, unser Osterlamm, dahingegeben wurde, auf dem Altar gefeiert wird, vollzieht sich das Werk unserer Erlösung» (Konstitution Lumen gentium, Nr. 3). Der Katechismus der Katholischen Kirche fügt in Bezug auf die Priester hinzu: «Aus diesem einzigen Opfer schöpft ihr ganzer priesterlicher Dienst seine Kraft» (Nr. 1566).

Vladimir Ghika wurde am 7. Oktober 1923 vom Erzbischof von Paris zum Priester geweiht und erhielt das Privileg, nach beiden Riten, dem lateinischen und dem byzantinischen, die Messe zu zelebrieren. Auf der Rückseite seines Ordinationsbildes stand ein Gebet für die Vereinigung der Orthodoxie mit der römischen Kirche. Pfarrer Ghika erregte überall Aufsehen: Er war sehr mager, mit tiefem Blick, langen, wallenden Haaren und einem dichten weißen Bart, so dass er mit 50 Jahren wie ein Greis aussah. Er sei «ein Heiliger wie auf einem Glasfenster, eine lebende Ikone», sagten die, die ihm begegneten. Seine Messe erschütterte die Teilnehmer: Er schien dabei die Schmerzen Jesu Christi am Kreuze nachzuempfinden. Er wurde zum Seelsorger der Kapelle für Ausländer in der Rue de Sèvres in Paris ernannt und legte dabei einen grenzenlosen, verzehrenden Eifer an den Tag; für ihn war «jede auf unserem Wege angetroffene Not ein Besuch Gottes». Sein Programm lautete: «Suche den auf, der nicht zu warten wagte. Gib dem, der dich nicht fragt, liebe den, der dich zurückweist.» Bei der Beichte wurde er zum Werkzeug zahlreicher Bekehrungen, sogar unter Teufelsanbetern und Okkultisten; sein Amt versetzte ihn in Erschütterung über die Hässlichkeit der Sünde, aber auch in Verwunderung über die Macht der barmherzigen Gnade Christi.

Von der Gefängniszelle von Auberive in die Baracke von Villejuif

Pater Ghika wollte eine Ordensgemeinschaft stiften. Die Gründung wurde 1924 von Papst Pius XI. genehmigt. Man ließ sich in einer ehemaligen Zisterzienserabtei in Auberive in der Diözese Langres (Champagne) nieder. Die bis kurz zuvor von einem Strafgefangenenlager benutzten Gebäude waren am Verfallen. Der Gründer überließ die besten Räumlichkeiten den drei ersten Postulantinnen und begnügte sich mit einer ehemaligen Gefängniszelle.

Doch das Experiment von Auberive scheiterte: Die Lebensbedingungen waren dort zu hart. Zudem gelang es dem Gründer, dessen Gesundheitszustand wiederholt Sanatoriumsaufenthalte notwendig machte, nicht, der Gemeinschaft dauerhaft Leben einzuhauchen. Sie wurde 1931 aufgelöst; ihre Mitglieder ließen die in Auberive empfangene Gnade in anderen religiösen Einrichtungen Früchte tragen. Über diesen Misserfolg betrübt, verlor Pfarrer Ghika trotzdem nicht den Mut. Er schrieb: «Es zählt nicht so sehr, was man macht, sondern wie man es macht; nicht was passiert, sondern wie man es aufnimmt.»

In der Zwischenzeit hatte er sich einem neuen Projekt verschrieben: dem Missionarsleben am heruntergekommensten Ort in der Umgebung von Paris, dort, wo die «Abwesenheit Gottes» am tragischsten war. 1927 hatte er ein Grundstück in Villejuif, einem von Lumpensammlern bewohnten Elendsviertel, gefunden; die nächste Kirche lag zwei Kilometer entfernt. Er errichtete dort eine neun mal drei Meter große, unbeheizte Baracke, die als Kapelle dienen konnte. Die Übersiedlung Ghikas war beschlossene Sache; zu einer seiner Mitarbeiterinnen sagte er allerdings im Vertrauen: «Mir graut es schrecklich; aber Gott will, dass ich es tue.» Zwar musste er zunächst Beleidigungen und schlechte Behandlung einstecken, doch nach und nach gewann er das Vertrauen der Bevölkerung, beginnend bei den Kindern, wobei er seine Identität und sein apostolisches Ziel nie verhehlte: «Wir bringen die Gute Nachricht; darüber darf nicht der geringste Zweifel bestehen.»

Nah bei der Baracke hauste ein wild antiklerikal eingestellter Anarchist, damals schwer krank. Seine Frau war Stuhlflechterin. Als Pater Ghika nach einem Vorwand suchte, um sie anzusprechen, fand er bei Freunden einen Stuhl, der erneuert werden musste, und ging damit zu seinen Nachbarn. Als der Anarchist ihn erblickte, explodierte er geradezu in einer Sturmflut von Beschimpfungen gegen «die Pfaffen». Der Priester hörte ihn ruhig an und legte, als sein Beleidiger verstummte, ihm freundlich die Hand auf die Schulter. «Rühren Sie mich nicht an!», schrie der Anarchist. «Wenn uns jemand sieht, könnte man glauben.» – «Was denn?» – «Dass wir Freunde sind!» – «Mehr als das: Wir sind Brüder!» mit diesen Worten wandte sich der Priester zum Gehen und ließ seinen Gesprächspartner sprachlos zurück. Er kam mehrere Male wieder, erkundigte sich nach seinem Stuhl. und unterhielt sich mit seinem Anarchisten, den er allmählich besänftigte und der bald diskret von einer Schwester von der Himmelfahrt Mariä gepflegt wurde. Einige Zeit später ließ der Kranke Pater Ghika rufen und bat ihn um die letzten Sakramente.

Doch der Missionar musste Villejuif nach zwei Jahren aus Gesundheitsgründen verlassen. Bald erhob sich an der Stelle seiner ehemaligen Baracke eine große Kirche.

Allen alles

1931 wurde Pater Ghika von Pius XI. der Titel «Apostolischer Protonotar» verliehen; der bescheidene Priester wurde ungewollt zum Prälat. Seine weitere apostolische Tätigkeit führte ihn je nach dem Ruf der göttlichen Vorsehung bis nach Japan und Argentinien. Im September 1939 erhielt er vom Pariser Erzbischof die Erlaubnis, nach Rumänien überzusiedeln, wo eine Flut polnischer Flüchtlinge auf der Flucht vor der sowjetischen bzw. deutschen Besetzung Aufnahme suchte. Während des ganzen Zweiten Weltkriegs wirkte er unermüdlich in Bukarest für die Flüchtlinge, die Kranken, die Gefangenen und die Bombenopfer. Da er nicht alle Leiden lindern konnte, bemühte er sich, allen begreiflich zu machen, dass «der Schmerz für den Christen in erster Linie ein Besuch Gottes ist, ein sicherer Besuch».

Sein Apostolat erstreckte sich auch auf den griechisch-orthodoxen Klerus, den er in Vorträgen mit dem Katholizismus und insbesondere mit der rumänischen griechisch-katholischen Kirche bekannt machte, die 1698 aus der Vereinigung der orthodoxen Kirche Transsylvaniens mit Rom hervorgegangen war; am 23. März 1991 wurde diese Vereinigung von Papst Johannes-Paul II. als «ein glückliches und gesegnetes Ereignis» gewürdigt. Die griechisch-katholische Kirche hielt an der in rumänischer Sprache zelebrierten Liturgie nach griechischem Ritus fest. Sie zählte 1948, vor der kommunistischen Verfolgung, sechs Bischöfe, 1700 Priester, 2500 Gotteshäuser und mehr als anderthalb Millionen Gläubige. Heute erlebt sie eine wahre Renaissance.

Unter dem roten Stern

Im August 1944 marschierte die sowjetische Armee in Rumänien ein, und nach und nach wurde ein kommunistisches Regime errichtet; im Dezember 1947 wurde eine «Volksrepublik» ausgerufen. Im folgenden Jahr beschloss Stalin, sich die orthodoxe Kirche gefügig zu machen und die griechisch-katholische Kirche abzuschaffen, die unter Zwang dem orthodoxen Patriarchat Rumäniens unterstellt wurde. Noch 1948 wurde die geltende Währung ohne jede Entschädigung für ungültig erklärt; das bedeutete den völligen Ruin der Besitzenden und Rentiers; Hungersnot breitete sich aus. Der in Armut gestürzte Fürst Demeter Ghika ging ins Exil. Doch sein Bruder Vladimir wollte sich nicht damit abfinden, dass er die verfolgten rumänischen Christen im Stich lassen sollte: «Wenn Gott mich hier will, so werde ich hier bleiben», sagte er, wohl wissend, welches Schicksal ihn über kurz oder lang erwartete.

Erst aus seinem Haus, das geplündert wurde, dann auch aus dem Sankt-Vinzenz-Hospital vertrieben, zog sich Ghika in eine Mansarde zurück und setzte sein apostolisches Wirken fort: Er tröstete, bekehrte und taufte trotz der engen Überwachung durch die Polizei. Er nahm viele Orthodoxe in die katholische Kirche auf, während katholische Bischöfe und Priester, einer nach dem anderen, verhaftet wurden. Er taufte auch viele Juden. In dieser Zeit hatte er kaum etwas zum Essen, und sein Gesundheitszustand verschlechterte sich merklich. Dennoch setzte er, von der Nächstenliebe beseelt, den Rat in die Tat um, den er früher selbst erteilt hatte: «Vor allem, wenn du dich von einer schweren Last erdrückt fühlst, ist es gut, jemand anderen in seinem Leid zu trösten. Sich in solchen Stunden hinzugeben, in denen man selbst nichts ist, in denen man nichts mehr in sich hat, ist wirklich so, als gäbe man ein wenig von Gott. und als fände man Ihn».

«Ich glaube mehr an Deine Güte als daran, was mich leiden lässt»

Am 18. November 1952 wurde Pfarrer Ghika auf der Straße heimlich verhaftet; man sperrte ihn in einem Militärgefängnis ein, wo am folgenden Tag zwanzig weitere «Verdächtige», Priester wie Laien, eingeliefert wurden; alle wurden der Spionage für den Vatikan beschuldigt! Mgr. Ghika blieb fast ein ganzes Jahr dort, in Unterwäsche und ohne die Möglichkeit, sie zu wechseln. Bei mehr als vierundzwanzig nächtlichen Verhören wurde er geohrfeigt, geprügelt und so gefoltert, dass er zeitweise blind und taub wurde. In seinem Herzen wiederholte der Märtyrer immer wieder die Worte: «Herr, ich glaube mehr an Deine Güte als an die Wirklichkeit selbst, die mich leiden lässt, mehr als an meine Qual.» Dann wurde wieder eine andere Tonart angeschlagen, die Henker versprachen ihm die Freiheit, wenn er sich von der Einheit mit Rom lossagt, ein «Priester des Friedens» wird und mit dem Regime zusammenarbeitet: Er lehnte entschlossen ab.

In seinem Gespräch über das Leid hatte er geschrieben: «Man leidet proportional zu seiner Liebe. Die Kraft zu leiden ist in uns die gleiche wie die Kraft zu lieben. Doch Gott wacht nachts über seine Kinder. Er ist der große Wächter über alle Nächte, die Nächte des Fleisches, des Verstandes, des Herzens, die Nächte des Bösen, dessen Schatten sich zu jeder Zeit über die schmerzbewegte Menschlichkeit breiten. Wer kann sagen, mit welcher Liebe Er über uns wacht? Diese Liebe hat einen Namen und eine Eigenschaft. Sie ist eine unendliche Liebe.»

In Treue zu Gott bis zum Märtyrertod

Am 24. Oktober 1953 erschien der achtzigjährige Prälat Ghika vor seinen Richtern: aufrecht, unbeugsam, bei einer Körpergröße von 1,76 Meter weniger als 50 Kilo schwer. Nach einem Schauprozess wurde er zu drei Jahren Zuchthausstrafe verurteilt und in einen vor Feuchtigkeit triefenden Kerker des Gefängnisses von Jilava geworfen, in dem 240 Gefangene zusammengepfercht waren. Manche boten ihm ihre Kleidungsstücke an, alle bemühten sich um ihn und profitierten von seinem Amt. Er predigte, erzählte seine Erinnerungen, und auf den Gesichtern der Umstehenden leuchtete ein wenig Freude auf. Er hatte geschrieben: «Wenn du den Schmerz deines Nächsten auf dich zu nehmen weißt, wird der Herr deinen auf sich nehmen und ihn sich zueigen machen, d.h. heilswirksam. Glücklich sind die, die Gott lieben, denn sie denken nicht einmal mehr daran, sich zu fragen, ob sie glücklich oder unglücklich sind.» Er betete täglich den Rosenkranz und brachte seinen Mitgefangenen bei, wie man «in der Gesellschaft Marias mit Freude diesen menschlichen und zugleich göttlichen Rosenkranz betet, der ein Abbild unseres Lebens ist: der Rosenkranz unseres Heiles, geformt aus unseren täglichen Heimsuchungen, unseren Gnadengeschenken und unseren Siegen». Im Allgemeinen verschenkte er die Hälfte seiner mageren Ration an die Hungrigsten. Oft sprach er vom Sinn des Leidens: «Wenn Gott uns hierher geführt hat, so nur, um unsere Sünden zu vergeben und uns als bessere Menschen hier hinausgehen zu lassen.» Der düstere Gefängnisraum war zu einer Kirche geworden. Die Wächter konnten nicht verstehen, woher die Freude und der Friede kamen, die auf den Gesichtern leuchteten. Ein Zeuge erinnert sich: «In diesem Menschen habe ich die wahre Freiheit gesehen. Nie habe ich sie in diesem Ausmaß bei jemand anderem gesehen. Für ihn existierten die Gefängnismauern nicht. Er war frei, weil er den Willen Gottes tat.»

Das Fehlen frischer Luft in dem übervölkerten Raum, der Mangel an elementarer Hygiene und Nahrung sowie der eisig kalte Winter 1953/54 erschöpften seine Kräfte, nicht aber seinen Mut. Im Januar 1954 wurde der Gefangene Ghika als arbeitsunfähig eingestuft und auf die Krankenstation verlegt, wo er langsam, in ständigem Gebet erlosch. Man hörte ihn sagen: «Herr, verlass mich nicht. An deine Liebe klammere ich mich, um über den Hass meiner Feinde zu triumphieren.» Er brachte sein Leben für die Kirche und für Rumänien zum Opfer dar. Am 17. Mai entschlief er im Herrn. «Unser Tod», hatte er geschrieben, «muss der größte Akt unseres Lebens werden. Aber das wird vielleicht nur Gott allein wissen.»

Der Seligsprechungsprozeß für Vladimir Ghika läuft. Der Fürst wird – wie wir hoffen – zusammen mit den 1945 amtierenden katholischen Bischöfen Rumäniens, die alle in der Gefangenschaft oder im Exil verstorben sind, ohne ihren Glauben verleugnet zu haben, bald zur Ehre der Altäre erhoben.

Auf seiner Rumänienreise feierte Papst Johannes-Paul II. am 8. Mai 1999 eine Messe nach byzantinisch-rumänischem Ritus; in seiner Predigt erklärte er: «Ich bin hier, um euch zu ehren, Söhne der griechisch-katholischen Kirche, die ihr seit drei Jahrhunderten unter dem Preis mitunter unerhörter Opfer von eurem Glauben an die Einheit Zeugnis ablegt. Ich komme zu euch, um euch den Dank der katholischen Kirche auszusprechen. Ihr habt Zeugnis von der freimachenden Wahrheit abgelegt.»

In Zukunft gibt es für all diese Märtyrer weder Mauern noch schwere Tore mehr. Sie genießen für immer die vollkommene und sichere Freiheit, die man gewinnt, wenn man Gott von Angesicht zu Angesicht schaut. Sie mögen unsere Fürsprecher sein, damit wir es wie sie verdienen, in die endlose Glückseligkeit zu gelangen.

Dom Antoine Marie osb

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