Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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1. August 2001
Hl. Alfons-Maria von Liguori


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

FRÜHJAHR 1805. Kurz nach der Französischen Revolution macht Papst Pius VII., nachdem er Napoleon in Paris zum Kaiser gekrönt hatte, auf der Rückreise nach Rom Rast in Lyon. Antoine Jaricot, ein Lyoner Seidenhändler, nützt die Gelegenheit, um seine Familie auf dem Weg des Papstes zu postieren und bittet um einen besonderen Segen. Pius VII. legt seine Hände auf das Haupt der kleinen Pauline. Das vom Stellvertreter Christi gesegnete Kind zeichnet sich schon sehr früh durch seine Liebe zu Jesus und seine Zuneigung zu allen Notleidenden aus.

Pauline Jaricot wurde am 22. Juli 1799 in Lyon geboren. Ihre Eltern, Antoine Jaricot und Jeanne Lattier, waren zutiefst christlich geprägt. Pauline schrieb später: «Glücklich, wer von seinen Eltern die ersten Saatkörner des Glaubens empfangen hat. Sei gelobt, Herr, denn du hast mir einen gerechten Mann zum Vater und eine Frau voller Tugend und Liebe zur Mutter gegeben.» Als Pauline auf die Welt kam, bestand der Kreis der Familie bereits aus sechs Kindern.

Im Hof des Hauses, in dem die Jaricots wohnten, befand sich ein tiefer Brunnen. Eines Tages, als die Mutter einen Eimer Wasser aus dem Brunnen schöpfen wollte, zeigte sich die siebenjährige Pauline beunruhigt: «Sag mal, Mama, bleibt noch Wasser im Brunnen?» – «Aber ja, die Quelle versiegt nicht.» – «Oh! Wie gern hätte ich einen Brunnen voll Gold, um es den Notleidenden zu geben, damit es keine Armen mehr gibt und damit niemand mehr weint.» Mit zehn Jahren wurde das Kind in ein Pensionat gegeben. «Ich hatte das Pech», erkannte es, «mich mit einer Mitschülerin anzufreunden, die weder die Unschuld noch die Einfachheit besaß, die ihrem Alter angemessen gewesen wären, sondern bereits die Berechnung und die Kunstgriffe der Koketterie kannte. Sie erzählte mir von all ihren 'Eroberungen', die sie über die Herzen gemacht zu haben glaubte.» Zunächst erschrocken und verwirrt, fühlte Pauline bald das Bedürfnis in sich entstehen und wachsen, anderen zu gefallen und geliebt zu werden. Glücklicherweise trennte sie sich vor ihrer Erstkommunion von ihrer zweifelhaften Kameradin: «Jesus Christus triumphierte damals in meinem Herzen», schrieb sie, «und als beschlossen wurde, dass ich Ihn bald empfangen würde, dachte ich nur noch daran, Ihm eine Bleibe zu bereiten, die Seiner nicht allzu unwürdig sein sollte.» Nach einer langen Gewissenserforschung legte sie eine umfassende Beichte ab und empfing bald den Leib Jesu mit unermesslicher Freude. Noch am selben Tag wurde sie durch das Sakrament der Firmung gestärkt.

Doch das gesellschaftliche Leben blieb eine Versuchung für sie. Sie schätzte elegante Kleider und erfreute sich gern an Schmeicheleien. Unter den jungen Mädchen ihres Umkreises stach sie als das eleganteste hervor. Sie war trotzdem nicht glücklich: «Mein Herz empfand einen brennenden Durst, der durch nichts gelöscht werden konnte, weil dieses arme Herz, stets ein Sklave der Schöpfung, in seiner vergänglichen Vorliebe nur unendliche Leere und in seinem Widerstand gegen den Ruf Gottes nur unerhörte Qual fand.»

Die Illusion der Eitelkeit

An einem der letzten Sonntage in der Fastenzeit 1816 hielt ein frommer Priester, Jean Wendel Würtz, der Pfarrer der Gemeinde Saint-Nizier in Lyon, die Predigt. Pauline war in ihrem schönen Frühlingskleid gekommen, um ihn zu hören. Die Worte des Predigers über die Gefahren und Illusionen der weltlichen Eitelkeit überwältigten das junge Mädchen. Es erkannte sich in jeder Einzelheit der Predigt wieder. Nach Beendigung der Messe ging Pauline in die Sakristei und vertraute sich dem Geistlichen an. Nach einer Generalbeichte strahlte sie tränenüberströmt und war von Grund auf verwandelt. Sie zog sich ein ganz gewöhnliches violettes Kleid an und setzte sich ein weißes Häubchen auf den Kopf. «Doch es war mir so schrecklich», schrieb sie später, «mit meinen luxuriösen und eleganten Gewohnheiten zu brechen, dass ich in den ersten Monaten meiner Bekehrung jedesmal grausam litt, wenn ich mich in meiner lächerlichen Aufmachung in der Öffentlichkeit zeigte. Ich vermied es damals, die schönen Kleider meiner Freundinnen anzusehen; denn diese Dinge übten immer noch eine so starke Anziehungskraft auf mich aus, dass ich diese Eitelkeit nie hätte besiegen können, wenn ich sie geschont hätte.»

Nachdem ihre Seele geläutert war, vernahm Pauline deutlich die Berufung zu einem vollkommeneren Leben. Sie widmete sich hingebungsvoll dem Gebet und der Buße, besuchte die Armen und Kranken und pflegte mit viel Zartgefühl selbst die abstoßendsten Wunden. Für arbeitslose junge Mädchen richtete sie eine kleine Werkstatt zur Herstellung künstlicher Blumen ein. In der Weihnachtsnacht begab sich Pauline vor den Altar der Schwarzen Jungfrau in der Wallfahrtskapelle von Fourvière und bot durch das ewige Keuschheitsgelübde ihr Leben Gott dar. Nachdem sie mit zahlreichen himmlischen Gnadengaben und mit einem hohen Grad der Versenkung und der innigen Verbundenheit mit dem Herrn bedacht worden war, vernahm sie den Ruf Gottes, sich dem Dienst an ihren Nächsten zu weihen. Beim Kontakt mit Christus in der heiligen Eucharistie wurden ihr tiefe Einsichten in das Mysterium des Erlösers eröffnet; diese wollte sie an Andere weitergeben. Tatsächlich scharten sich fromme Mädchen aus dem Arbeiter- bzw. Dienstbotenmilieu um sie, die ihren Wunsch teilten, dem verkannten und missachteten Herzen Jesu Wiedergutmachung zu leisten.

Die Verbreitung des Glaubens

Die Wirren der Revolution hatten die Mittel und den Nachwuchs der Missionskongregationen zum Versiegen gebracht. Nachdem Pauline gebetet und nachgedacht hatte, hatte sie im Herbst 1819 die Eingebung, ein Hilfswerk zugunsten der Mission zu gründen: «Als ich eines Abends bei Gott Hilfe suchte, d.h. einen ersehnten Plan, sah ich auf einmal diesen Plan wie ein Geschenk klar vor Augen, und ich begriff, wie einfach jede Person aus meinem Freundeskreis zehn Verbündete finden könnte, die jede Woche einen Sou für die Verbreitung des Glaubens geben würden. Gleichzeitig erkannte ich, dass es zweckmäßig wäre, unter den Fähigsten der Verbündeten diejenigen auszuwählen, die am vertrauenswürdigsten erscheinen, und diese sollten dann von jeweils zehn Anführern von je zehn Verbündeten das eingesammelte Geld kassieren; es sollte ein Oberhaupt geben, das dann die Kollekte bei den zehn Anführern von je hundert Leuten einsammelt und das Ganze dann an das gemeinsame Zentrum weiterleitet.» Als sie Pfarrer Würtz konsultierte, sagte dieser: «Pauline, Sie sind zu einfach, um einen solchen Plan auszuhecken. Offenbar kommt er von Gott. So erlaube ich Ihnen nicht nur, ich beschwöre Sie nachdrücklich, ihn auszuführen!»

Trotz mancher Einwände und Missverständnisse breitete sich das Werk zur Verbreitung des Glaubens blitzschnell in Frankreich aus, dann auch in der ganzen Welt, und verhalf der Mission zu beträchtlichen Mitteln. Es wurde ein Verwaltungsrat ins Leben gerufen. Pauline zog sich nun in den Hintergrund zurück: «Die Ehre für diese göttliche Gründung, die auf eine Eingebung des Himmels zurückging, überließ ich dem, der sie haben wollte.» Sie dankte Gott durch ihr Gebet: «Du hast deine Augen auf den Kleinsten gerichtet, den du hier auf Erden hast finden können, um ihn zum Werkzeug deiner Vorsehung zu machen.»

Der eifrige Einsatz Paulines für die Mission leitete sich direkt aus dem Evangelium her. Bevor unser Herr Jesus Christus in den Himmel aufgestiegen ist, entließ er seine Jünger mit den Worten: Geht hin in alle Welt und verkündet das Evangelium aller Kreatur. Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht gläubt, wird verdammt werden (Mk 16,15-16). Dieser Missionsauftrag offenbart die Güte Gottes, der will, dass alle Menschen die Wahrheit erkennen und gerettet werden (vgl. 1 Tim 2,4). Denn «das Heil liegt in der Wahrheit. Wer dem Antrieb des Geistes der Wahrheit gehorcht, ist schon auf dem Weg zum Heil; die Kirche aber, der diese Wahrheit anvertraut worden ist, muss dem Verlangen des Menschen entgegengehen und sie ihm bringen. Weil die Kirche an den allumfassenden Heilsratschluss Gottes glaubt, muss sie missionarisch sein» (Erklärung Dominus Jesus, Kongregation für die Glaubenslehre, 6. August 2000, Nr. 22).

Warum Mission?

Doch der Papst stellt auch heute noch fest: «Und dennoch fragen sich einige: Ist die Mission unter den Nicht-Christen noch aktuell? Schließt nicht die Achtung vor dem Gewissen und vor der Freiheit jeden Bekehrungsversuch aus? Kann man nicht in jeder Religion gerettet werden? Wenn wir zu den Ursprüngen der Kirche zurückgehen, so finden wir dort die klare Aussage, dass Christus der alleinige Erlöser von allen ist, jener, der allein Gott auszusagen und zu ihm zu führen vermag... Denn es ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen (Apg 4,12). Diese Aussage (des heiligen Petrus vor dem Hohen Rat) hat universale Bedeutung, weil für alle das Heil nur von Jesus Christus kommen kann... Und diese endgültige Selbstoffenbarung Gottes (in Jesus Christus) ist der tiefste Grund, weshalb die Kirche ihrer Natur nach missionarisch ist. Sie kann nicht davon abstehen, das Evangelium, d.h. die Fülle der Wahrheit, die Gott uns über sich selbst zur Kenntnis gebracht hat, zu verkünden. Christus ist der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen (vgl. 1 Tim 2,5-7)... Die Menschen können demnach mit Gott nicht in Verbindung kommen, wenn es nicht durch Jesus Christus unter Mitwirkung des Geistes geschieht. Durch seine einzigartige und universale Mittlertätigkeit, weit entfernt davon, Hindernis auf dem Weg zu Gott zu sein, ist er der von Gott selbst bestimmte Weg» (Johannes-Paul II., Enzyklika Redemptoris Missio, RM, 7. Dezember 1990, Nr. 4 und 5). Auf die Frage «Warum Mission?», antwortet der Heilige Vater: Nur in Christus, «und in ihm allein, werden wir befreit von jeder Entfremdung und Verirrung, von der Sklaverei, die uns der Macht der Sünde und des Todes unterwirft» (RM, Nr. 11).

Mit den Heiligen aller Zeiten hatte Pauline die Notwendigkeit der Mission erkannt. Das von ihr gegründete Werk lebt heute noch fort: Die Propagation de la Foi (Verbreitung des Glaubens) unterstützt mehr als 900 Diözesen in Afrika, Asien, Lateinamerika und Ozeanien. Das Geld stammt aus Sammlungen und Spenden auf der ganzen Welt, die in Rom zusammengeführt werden.

Zwischen 1822 und 1826 sah sich Pauline durch Krankheit sowie durch das Bedürfnis nach größerer Nähe zum Herrn gezwungen, sich in Schweigen zurückzuziehen. Die göttliche Erleuchtung, die sie dabei empfing, drängte sie schließlich erneut zum Handeln. Da sie sehr innig am Rosenkranz hing, wollte sie dessen Verehrung verbreiten. Da sie feststellte, dass nur wenige Leute Zeit und Eifer genug besaßen, um ihn ganz zu beten, hatte sie die Idee, ihn unter fünfzehn Personen aufzuteilen, die täglich jeweils nur ein Gesätz zu beten und über das entsprechende Geheimnis zu meditieren hatten. «Mir schien die Stunde gekommen zu sein», schieb sie später, «um den seit langem gefassten Plan einer für alle offenen Vereinigung zu verwirklichen, die mit dem Gebet Einheit herstellen könnte und deren einzige und kurze, für niemanden abschreckende Übung den Gläubigen die Gewohnheit der täglichen Betrachtung, selbst wenn sie nur einige Minuten dauert, über die Geheimnisse des Lebens und des Sterbens Jesu Christi erleichtern könnte.» So wurde 1826 der Lebendige Rosenkranz gegründet. Mit Hilfe eines Jesuitenpaters verband Pauline dieses Werk mit der Verteilung religiöser Objekte und guter Bücher zur Erweckung und Unterstützung des Glaubens. Durch sein Gebet und die Verbreitung der guten Lehre trug der Lebendige Rosenkranz im Folgenden zu unzähligen Bekehrungen bei.

Das Elend wahrnehmen

Um den jungen Mädchen, die sich um sie geschart hatten, einen Lebensrahmen zu geben, gründete Pauline auf dem Hügel von Fourvière ob dem alten Lyon, in einem kleinen Haus, das sie «Nazareth» nannte, das Institut der Töchter Mariä, die sich der Krankenpflege widmen sollten. Dann kaufte sie ein großes benachbartes Anwesen namens «Lorette», das zum offiziellen Sitz des Lebendigen Rosenkranzes wurde. Im April 1834 erkrankte Pauline so schwer, dass sie die Letzte Ölung bekommen musste. Desungeachtet reiste sie nach Italien und bat, von Papst Gregor XVI. ermutigt, die heilige Philomena erfolgreich um Heilung. Der Heilige Vater empfing sie, angesichts der Nachricht über dieses Wunder von Bewunderung und Freude erfüllt, im Vatikan. Nach ihrer Rückkehr nach Lyon 1836 sah Pauline, dass «Lorette» zu einem immer beliebteren geistlichen Begegnungsort wurde, an dem die Gäste mit Achtung und Herzlichkeit aufgenommen wurden. Zu diesen zählten der heilige Pierre-Julien Eymard, der heilige Jean-Marie Vianney, die heilige Thérèse Couderc, die heilige Claudine Thévenet. Pauline war stets zur Stelle, hörte zu, tröstete, erklärte und öffnete ihr Herz ebenso wie ihre Geldbörse.

Bereits seit langem war Pauline auf das durch die industrielle Revolution hervorgerufene Elend der Arbeiter aufmerksam geworden. Die Lage der Arbeiter in den Lyoner Seidenwebereien war besonders tragisch; manche waren bei dem Besitzer der sie beschäftigenden Werkstatt untergebracht und wurden von diesem ernährt; sie wohnten mit ihren Familien in engen Behausungen zusammengedrängt und verdienten eine lächerliche Summe für einen sechzehn Stunden langen Arbeitstag. Pauline notierte: «Beim Arbeiter schwächt das Elend nach und nach den Mut und die Tugend. Die reichen Leute ahnen in ihrem Überfluss und in ihrer Sicherheit gar nicht, was ein Vater und eine Mutter empfinden, wenn die Kinder nach Brot verlangen, während es an Arbeit mangelt oder eine Krankheit jede Arbeit unmöglich macht. Brot!... Aber um Brot zu haben, muss man betteln; und nicht alle haben die Kraft dazu. Mir scheint, ich bin zu der Gewissheit gelangt, dass man dem Arbeiter erst seine Menschenwürde wiedergeben müsste, indem man ihn der Sklaverei einer pausenlosen Arbeit entreisst; dann seine Würde als Vater, indem man ihn die Freuden und die Reize der Familie wiederfinden lässt; schließlich seine Würde als Christ, indem man ihm zusammen mit den Freuden des Familienheims auch den Trost und die Hoffnung des Glaubens wiederschenkt.» Nach langem Beten beschloss Pauline, ihr Vermögen für die Gründung eines Industriezentrums zu opfern, in dem eine mit Bedacht geregelte und gerecht entlohnte Arbeit es Jesus ermöglichen würde, über die Herzen zu herrschen. Sie nutzte eine günstige Gelegenheit und gründete ein Unternehmen, das von 1841 bis zu ihrem Tod zwanzig Jahre später zu ihrem persönlichen Kreuzweg wurde.

Um die Fabrik zu starten, vertraute Pauline Leuten, die ihr empfohlen wurden, die Summe von 700 000 Gold-Franc an. Zunächst schien das Unternehmen zufriedenstellend zu funktionieren: Die vorgelegten Geschäftsberichte waren optimistisch. Doch die Geschäftsleute, denen sie vertraut hatte, unterschlugen das Kapital zu ihren eigenen Gunsten. «Ich war», schrieb Pauline, «wie der Mann auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho Dieben in die Hände gefallen.» Pauline verlor ihr Vermögen, wurde mit Schulden belastet und von Gläubigern bedrängt. In dieser dramatischen Situation galt ihre Sorge zunächst den vielen Armen, die ihr für die Fabrik kleine Geldbeträge geliehen hatten; sie war fest entschlossen, ihnen ihr Geld zurückzuzahlen, um sie nicht ins Elend zu stürzen, und begann zu diesem Zweck zu betteln. Doch die Affaire hatte sie um ihren guten Ruf gebracht. Die Leitung des von ihr selbst gegründeten Hilfswerks zur Verbreitung des Glaubens beschied ihr Hilfeersuchen folgendermaßen: «Da ihr die Eigenschaft der Gründerin, die sie für sich in Anspruch nimmt, kaum zuzuerkennen ist, lehnt der Rat es ab, eine finanzielle Unterstützung zu gewähren.»

Papst Paul VI. sagte später: «Mehr als Andere musste Pauline eine Summe an Anfeindungen, Misserfolgen, Demütigungen und Treuebrüchen in Liebe erleben, hinnehmen und überwinden; diese verliehen ihrem Werk das Zeichen des Kreuzes und eine geheimnisvolle Fruchtbarkeit.» Tatsächlich verschlossen sich alle Türen vor ihr, die so viele Türen für Andere geöffnet hatte; bei jeder neuen Zurückweisung wiederholte sie: «Mein Gott, vergib ihnen und schenke ihnen desto mehr Segen, je mehr Schmerzen sie mir zufügen.» Der heilige Pfarrer von Ars sagte eines Tages von der Kanzel: «Meine Brüder! Ich kenne jemanden, der sein Kreuz wohl auf sich zu nehmen weiß, selbst die schwersten Prüfungen, und der es mit großer Liebe trägt. Dieser Jemand, meine Brüder, ist Fräulein Jaricot aus Lyon!»

Das wahre Glück

Bald existiert die Fabrik nicht mehr: Sie war zu Gunsten der Gläubiger verkauft worden. Dem Anschein nach war Pauline also gescheitert. In Wirklichkeit jedoch hat sie durch ihre bereitwillig angenommenen Leiden andere Hilfswerke der gleichen Art, die später ins Leben gerufen wurden, befruchtet. Innerhalb der Kirche war sie eine der Ersten gewesen, die ihre Stimme gegen die Auswüchse der industriellen Revolution erhoben und dadurch die Enzyklika Rerum Novarum (1891) von Leo XIII. über das Recht der Arbeiter auf gerechte Bezahlung und angemessene Lebensbedingungen vorbereiteten. Die Kirche, die heute mit neuen Situationen konfrontiert wird, betont nach wie vor die Pflicht zur Gerechtigkeit und zur Solidarität. Am 4. November 2000 erklärte Papst Johannes-Paul II. vor den politisch Verantwortlichen bei deren Treffen zum Jubeljahr in Rom: «Mit dem Phänomen der weltweiten Ausdehnung der Märkte tendieren die reichen und entwickelten Länder dazu, ihre wirtschaftliche Situation weiter zu verbessern, während die armen Länder in immer drückendere Formen der Armut zu verfallen drohen. In der Welt muss der Geist der Solidarität wachsen, um den Egoismus von Einzelpersonen und Nationen zu besiegen. Die Christen, die sich von Gott zum politischen Leben berufen fühlen, haben die Aufgabe, die Gesetze des 'wilden' Marktes den Gesetzen der Gerechtigkeit und der Solidarität zu unterwerfen. Das ist das einzige Mittel, um unserer Welt eine friedliche Zukunft zu sichern, indem die Ursachen von Konflikten und Kriegen an der Wurzel beseitigt werden: Der Friede ist die Frucht der Gerechtigkeit.»

Nach einer Pause von 35 Jahren verschlimmerte sich das Herzleiden Paulines. Nach mehreren Monaten des Leidens musste die Dienerin Gottes am ersten Adventssonntag 1861 erneut die Letzte Ölung empfangen. Am 9. Januar danach hörte man sie kurz vor Tagesanbruch murmeln: «Wie wir vergeben unseren Schuldigern. Maria! Maria! Ja, ja, fiat!», und dann: «Maria, meine Mutter, ich gehöre dir ganz!» Das waren ihre letzten Worte. Um fünf Uhr morgens tat Pauline mit einem Lächeln auf den Lippen ihren letzten Atemzug und ging, ganz jung, ganz schön, ganz strahlend, in das wahre Leben, das ewige Leben, ein. Am 25. Februar 1963 wurde vom seligen Papst Johannes XXIII. die Heldenhaftigkeit ihrer Tugenden öffentlich anerkannt, was ihr den Titel «Ehrwürdige» verlieh.

Sechs Jahre vor ihrem Tod hatte Pauline ein geistliches Testament verfasst, in dem Folgendes zu lesen steht: «Mein einziger Schatz ist das Kreuz! Wenn ich mich dir überlasse, Herr, besiegele ich mein wahres Glück; ich bemächtige mich meines einzigen wahren Gutes. Was kümmert es mich also, oh geliebter und liebenswürdiger Wille meines Gottes, wenn du mir die irdischen Güter, meinen guten Ruf, meine Ehre, meine Gesundheit, mein Leben genommen hast, wenn du mich durch die Demütigung bis in den tiefsten Brunnen und Abgrund hast hinabsteigen lassen. Ich nehme deinen Kelch an. Von dir erhoffe ich mir Beistand, Verwandlung, Einheit und die Vollendung des Opfers zur Mehrung deiner Ehre und zum Wohle meines Nächsten.»

Vom 17. bis 19. September 1999 fanden in Lyon und Paris Feierlichkeiten zu Ehren des zweihundertsten Geburtstages von Pauline Jaricot statt. Aus diesem Anlass richtete Papst Johannes-Paul II. einen Lobesbrief über die Ehrwürdige an den Erzbischof von Lyon: «Durch ihren Glauben, ihr Vertrauen, ihre Seelenkraft, ihre Sanftmut und die stets gefasste Annahme ihres Kreuzes erwies sich Pauline als wahre Jüngerin Christi. Die Ehrung dieser schon sehr früh von einem unerhörten Unternehmungswillen geprägten Gestalt muss die Liebe zur Eucharistie, die Bereitschaft zum Beten und die missionarische Tätigkeit der ganzen Kirche beflügeln, deren eigener Zweck in der Vereinigung mit dem Erlöser, in seiner Verkündigung und im Hinführen aller Menschen zu ihm besteht. Indem sich die Kirche in die Schule Paulines begibt, muss sie eine Ermutigung finden, um ihren Glauben zu festigen, der in die Nächstenliebe mündet, und um auf vielfältigste Art und Weise ihre missionarische Tradition weiterzupflegen.»

Möge der heilige Josef, der Beschützer der Kirche und ihrer Mission, für uns die Gnade erwirken, dem Beispiel der ehrwürdigen Pauline nacheifern und unermüdlich für das Heil der Seelen kämpfen zu können.

Dom Antoine Marie osb

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