Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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23. Mai 2001
Marien-Monat


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

«Die technisierte Gesellschaft hat die Gelegenheiten zu Vergnügungen vervielfacht, doch sie tut sich schwer, Freude zu erzeugen. Denn die Freude kommt von anderswoher. Sie ist geistig. Oft fehlt es nicht an Geld, Bequemlichkeit, Sauberkeit oder materieller Sicherheit; und doch bleiben leider Langeweile, Verdrossenheit und Traurigkeit das Los von Vielen. Man kann von der Traurigkeit der Ungläubigen sprechen, wenn der menschliche Geist, der nach dem Bild und in der Ähnlichkeit Gottes erschaffen und folglich instinktiv auf Ihn hin ausgerichtet ist als sein höchstes, einziges Wohl, ohne Ihn klar zu erkennen bleibt, ohne Ihn zu lieben» (Papst Paul VI., Apostolisches Schreiben Gaudete in Domino, GD, Über die christliche Freude, 9. Mai 1975).

Das Erkennen Gottes und die Liebe zu Ihm erweitern das Herz des Menschen und können ihn soweit bringen, dass er mit Freuden sein Leben hingibt für das Heil seiner Mitmenschen, wie das Beispiel des heiligen Just de Bretenières zeigt.

«Ich sehe die Chinesen»

Just de Bretenières wurde am 28. Februar 1838 in Chalon-sur-Saône im französischen Burgund geboren. Er verbrachte seine Kindheit im Familienschloß von Bretenières bei Dijon. Frau von Bretenières, die sich um das künftige Schicksal ihres Sohnes sorgte, vertraute ihn den Händen der Seligsten Jungfrau Maria an: «Du Königin der Engel, erinnere dich daran, dass du die Mutter dieses Kindes bist. Ich weihe ihn dir für immer!» Mit sechs Jahren spielte Just mit seinem um zwei Jahre jüngeren Bruder im Park des Schlosses von Bretenières; sie gruben mit ihren kleinen Schaufeln in der Erde. «Sei still!», sagte plötzlich Just zu seinem Bruder. Er beugte sich über das Loch, das er gerade gegraben hatte, und rief, als er sich wieder aufrichtete: «Ich sehe die Chinesen!. Oh! Ich höre sie. Sie rufen mich! Ich soll kommen, um sie zu retten!» Diese Episode hinterließ in seinem Denken tiefe Spuren, die niemals verblassten. Als sein Bruder einige Jahre später bemerkte: «Das Schloss wird eines Tages dir gehören, denn du bist der Ältere», antwortete er: «Oh nein, ich werde es nicht haben; es wird für dich sein, weil ich Priester werde.» Das grösste Glück Justs bestand darin, entweder bei der Messe zu ministrieren oder das Allerheiligste Sakrament in Weihrauch zu hüllen. Er wetteiferte mit seinem Bruder, um dem Marienmonat Mai soviel Schönheit wie möglich zu verleihen.

In der Familie von Bretenières gab es für die Kinder vom Nötigen reichlich, doch für Luxus oder für Verweichlichung hatte man nichts übrig. Im Oktober 1851 wurden die beiden Knaben einem Privatlehrer anvertraut. Dieser stellte bei Just eine Neigung fest, nach einer etwas radikalen Logik zu urteilen, so dass er keine gemäßigten Ansichten zulassen konnte; wenn es um die Übung von Tugenden in seinem Sinne ging, so durften weder Unvollkommenheiten noch Abstufungen vorkommen. Justs Charakter war reizend, gewöhnlich sehr ausgeglichen. Als er sich eines Abends dennoch beklagte, weil ein Kartenspiel, das er sehr gern mochte, ausfallen musste, wurde zur Strafe für seine Ungeduld auch an den folgenden Tagen nicht gespielt.

Nervös und sensibel, legte Just von frühester Kindheit an extreme Furcht vor Schmerzen an den Tag. Doch das Verlangen nach dem Leben eines Missionars spornte ihn an, Mühen, Hitze und Durst frohgemut zu ertragen, sich an das Tragen von Lasten zu gewöhnen und bei Gebirgswanderungen in den Ferien sich mit wenig zu begnügen. 1856 legte er das Abitur in Lyon ab und begann Literatur zu studieren, denn seine Eltern hielten ihn für zu jung, um seiner Berufung zu folgen. Auf den Rat seines Beichtvaters und seiner Eltern trat er hin in das Seminar von Issy bei Paris ein. Dort verstärkte sich der Ruf Gottes in die Mission: «Wir sprachen eines Tages vom Allerheiligsten Sakrament», sagte später einer seiner Kommilitonen, «und wir stöhnten darüber, wie wenig Platz die Erinnerung an diese Wohltat im Leben der Christen einnimmt. – 'Die geweihte Hostie betrachten', sagte Just, 'ihren göttlichen Ruf hören, der zur Eroberung von Seelen in der Ferne einlädt, wie könnte man da zurückweichen?'» Der junge Seminarist verbrachte zwei Jahre in Issy.

Im Mai 1861 beschloss Just, in das Seminar der Missions Étrangères (für Missionen im Ausland) in Paris einzutreten. Herr und Frau von Bretenières stimmten zu, selbst wenn es sie schmerzte: damals war eine Reise als Missionar ohne Rückehr-Perspektive. Am 28. Juni schrieb Just: «Ich fühle wohl, dass der von mir eingeschlagene Weg hart und schwer ist, ich täusche mich weder über die Hindernisse noch über die Leiden und Gefahren hinweg, die mir begegnen werden; aber ich gebe mich noch einmal ganz in die Hände Gottes.»

Im Herbst 1861 wurde Just im Missionsseminar wie ein lange erwarteter Bruder empfangen: «Gestern Abend, als wir aus dem Refektorium kamen», schrieb er, «haben mich alle umarmt. Unser Herr verbreitet eine außerordentich große Nächstenliebe hier. Wir sind mehr als Brüder, wir bilden ein einziges Ganzes, ein einziges Herz, eine einzige Seele.» Das Jahr begann mit den Exerzitien des heiligen Ignatius. Just war danach voller Inbrunst. Er schrieb an seinen Bruder: «Das Wichtigste, was ich dir zu sagen habe, ist und wird immer das sein, was der heilige Ignatius dem heiligen Franz-Xaver immer wieder gesagt hat, als dieser eifrig dafür arbeitete, sich in Paris Wissen anzueignen: Was wird es einem Menschen nützen, wenn er die ganze Welt gewinnt, an seiner Seele aber Schaden leidet? (Mt 16,26). Um möglichst schnell den Platz finden zu können, den die Vorsehung für dich bestimmt hat, erinnere dich daran und verliere das nie aus den Augen: Außer Gott wird nichts, von dem du glaubst, dass es dich zufriedenstellen könnte, dich jemals zufriedenstellen. Alles ist Eitelkeit, außer: Unseren Herrn zu lieben.»

Eine sprichwörtliche Heiterkeit

Am Ende des Jahres erwartete Just, die niederen Weihen zu empfangen, doch er stand nicht auf der Liste der Kandidaten. Er wusste nicht, dass die Regeln des Seminars ein volles Jahr vorsahen, bevor man geweiht werden durfte. Da er folglich glaubte, dass seine Vorgesetzten ihn als für die Missionsarbeit ungeeignet beurteilten, war er zutiefst erbittert: «Zwei Tage schon leide ich unter dem Schlag dieser Maßnahme, die mir unerklärlich erscheint», schrieb er an seinen Bruder, «denn wenn ich mein Herz erforsche, kann ich an meiner Berufung in keiner Weise zweifeln. Doch bevor ich meinen Beichtvater frage und ihm mein Leiden anvertraue, will ich, wenn es sein muss, meine Bestrebungen voll und ganz Gott zum Opfer darbieten und mich seinem Willen anvertrauen. In den Nächten kann ich nicht schlafen; aber wenn ich mich zu verwirrt fühle, beginne ich ganz leise eine Hymne an die Gottesmutter zu singen, in deren Hände ich meine Interessen gelegt habe; das tut mir gut und schenkt mir wieder Mut.» Bald wurde er von seinem Oberen, Pater Albrand, beruhigt: Er sei sehr wohl zum Missionarsleben berufen.

Die Jahre vergingen mit Gebet, Studium und Heiligungsarbeit: «Es gibt Punkte, die mich mehr beschäftigen als die Perspektive des Missionarslebens», schrieb er, «nämlich die eigene Vervollkommnung, die jeder Priester nötig hat. Daran muss ich am meisten arbeiten und mich sehr anstrengen.» Die fleißige Beschäftigung mit den Werken des heiligen Johannes vom Kreuz wies ihm den Weg, dem er zu folgen hatte. Jeden Morgen widmete er lange Zeit dem Beten. Tagsüber stärkte er seinen Glauben durch mehrfache längere Anbetung vor dem Tabernakel; seine Verehrung für die Eucharistie hielt ihn sein ganzes Leben lang aufrecht. Um dem armen Jesus Christus nachzueifern, bemühte er sich, in seiner Kleidung, in der Einrichtung seines Zimmers usw. ärmlich zu leben. Mit Leidenschaft widmete er sich dem Dienst an den Armen in der Umgebung, zu denen die Seminaristen entsandt wurden. Aus Gehorsam unterbreitete er alles, was er tat, dem Urteil seines Vorgesetzten. Trotz seiner asketischen Lebensführung war seine Fröhlichkeit sprichwörtlich; während des Unterrichts brachte er seine Mitbrüder oft zum Lachen. Er scherzte gern und machte hinreißend das Krähen des Hahnes nach; mehr als einmal brachte er den Geflügelhof in Aufruhr, wenn er mitten in der Nacht das morgendliche «Kikeriki» anstimmte. Die äußere Freude war bei ihm die Frucht eines tiefen spirituellen Lebens.

Er weiss sich geliebt

Über die geistliche Freude schreibte Papst Paul VI: «Weil Christus unser Menschsein in jeder Hinsicht durchlebt hat, außer der Sünde, hat Er die affektiven und geistigen Freuden als ein Geschenk Gottes empfangen und empfunden. Doch es ist hier wichtig, das Geheimnis der unergründlichen Freude, die Jesus innewohnt und die Ihm eigen ist, richtig zu erfassen. Wenn Er einen solchen Frieden, eine solche Freude, eine solche Offenheit ausstrahlt, so ist das wegen der unbeschreiblichen Liebe, mit der Er sich von seinem Vater geliebt weiß. Die Jünger und alle, die an Christus glauben, sind aufgerufen, an dieser Freude teilzuhaben, dieser Frucht des Heiligen Geistes: Sie besteht darin, dass der menschliche Geist Frieden und innere Befriedigung im Besitz des dreieinigen Gottes findet, der durch den Glauben erkannt und mit der von Ihm kommenden Liebe geliebt wird».

Doch, «die spirituelle Freude hier auf Erden wird stets in einem gewissen Maße die schmerzliche Erfahrung der kreißenden Frau und eine gewisse scheinbare Verlassenheit mit einschließen, ähnlich der eines Waisen: Weinen und Wehklagen, während die Welt eine falsche Zufriedenheit zur Schau trägt. Doch die Trauer der Jünger, die nach Gott und nicht nach der Welt beschaffen ist, wird prompt in spirituelle Freude verwandelt, die ihnen niemand nehmen kann (vgl. Joh 16,20-22)» (GD). Manchmal empfand Just Trostlosigkeit. Er war gelegentlich niedergeschlagen, wenn er an die für den Missionar notwendigen Tugenden und an die von seinen Vorgängern ertragenen Leiden dachte. Eines Tages hielt er es nicht mehr aus und ging zum Pater Superior. «Ich kann nicht länger hier bleiben; mein Gewissen zwingt mich, zu meiner Familie zurückzukehren», sagte er traurig. Pater Albrand hörte ihm mit einem Lächeln zu: «Ist das alles, was Sie mir sagen wollen?» – «Ja, Vater.» – «Dann gehen Sie wieder in Ihr Zimmer hinauf und denken Sie nicht mehr daran!» Die Versuchung verschwand augenblicklich.

Am 21. Mai 1864 wurde Just zum Priester geweiht. «Betet für mich um die Gnade des Märtyrertodes», schrieb er an einen Freund. Er wartete nur noch auf seine Entsendung in die Mission. Die Bewerber um eine Missionarsstelle erfuhren ihren Bestimmungsort erst im letzten Augenblick. Sie mussten bereit sein, die Mission, zu der sie entsandt wurden, aus der Hand Gottes anzunehmen, ganz gleich, um welche es sich handelte. Da er sich voll und ganz selbst als Opfer dargeboten hatte, verhielt sich Just in dieser Frage völlig gleichgültig. Am 13. Juni wurde er von seinem Superior gerufen: «Welche Missionsstelle möchten Sie? – Es ist mir gleich. – Nun, dann schicke ich Sie nach Tibet. Sind Sie zufrieden? – Sehr zufrieden, mein Vater. – Nein, Sie werden nach Tongking fahren. – Wie Sie möchten. – Ist es Ihnen also gleichgültig? – Ja, mein Vater. – Jetzt wollen wir ernsthaft reden. Sie werden nach Korea gehen.» Just schrieb sofort an seinen ehemaligen Lehrer: «Ich glaube, der Herr hat mir das beste Stück gegeben. Es lebe Korea, das Land der Märtyrer!» In der Tat war in den hundert Jahren davor die Erde Koreas mit dem Blut vieler Christen getränkt worden.

Am 19. Juli 1864 schifften sich Just und neun seiner Mitbrüder in Marseille nach dem Fernen Osten ein. Es gelang ihnen am 29. Mai 1865 heimlich nach Korea einzureisen (der Eintritt ins Land war allen Ausländern streng verboten). Just wohnte in der Hauptstadt Seoul in der Nähe Bischofs Siméon Berneux, des apostolischen Vikars für Korea: «Nun bin ich Bürger Seouls, der 'Stadt der Wonnen', geworden. Doch lasst euch von diesem großartigen Namen nicht blenden. Stellt euch eine riesige Siedlung aus irdenen Hütten vor, alle so eng zusammengedrängt, dass zwischen ihnen als Straßen nur schmale Passagen bleiben, in denen zwei Leute schon Mühe haben, aneinander vorbeizukommen. Diese Gassen dienen zugleich als Abwasserkanal. Ihr könnt euch denken, worin man zu gehen gezwungen ist!»

Unter seinem Hut

Er war bei Christen in einem sehr ärmlichen Zimmer untergebracht: Als Stuhl diente die Erde; als Tisch ebenfalls; als Bett ein einfaches Stück Holz unter dem Kopf. Ging er aus – was wegen der Verfolgungen nur nachts möglich war –, so legte er ein Trauergewand an mit einem «Hut, der wie das Dach eines Taubenschlags aussieht, so dass er einen einhüllt und bis zu den Ellenbogen hinabreicht: ein gutes Mittel, um von niemandem gesehen zu werden und auch selbst nichts zu sehen: Man kann unter dem Hut sogar Andachten abhalten!» Seine Tage waren mit Gebet und dem Erlernen der koreanischen Sprache ausgefüllt. Dank der Hilfe eines jungen Christen war der Missionar nach sechs Monaten in der Lage, sich auf koreanisch ausreichend verständlich zu machen, um zu predigen und die Beichte zu hören.

Die Katechumenen kamen von weit her (150 km und mehr), um sich taufen zu lassen oder die heilige Kommunion zu empfangen: «Ich habe siebzigjährige Frauen gesehen», schrieb Just, «die 240 km zurückgelegt hatten, um zur Kommunion zu gehen. Arme Menschen, die nur an einem einzigen Tag im Jahr einen Priester sehen können und die es doch so nach dem Wort Gottes dürstet! Wenn man bedenkt, dass die Gläubigen in Europa über diese Reichtümer im Überfluss verfügen und sie nicht immer so nutzen, wie sie eigentlich sollten!» Just war glücklich, unter dem Namen «Pater Paik» seinen Mitbrüdern endlich helfen zu können: In den letzten Monaten des Jahres 1865 nahm er Beichten ab, bereitete mindestens 40 Erwachsene auf die Taufe vor und taufte sie, segnete mehrere Ehen, spendete einige Male die Firmung und häufig die Letzte Ölung. Es zeichneten sich viele Bekehrungen ab.

Dann brach der Sturm los. Nach einer ruhigen Periode wurde die Verfolgung der Europäer und der Christen energisch wieder aufgenommen. Der Verrat eines Hausangestellten des Bischofs zog die Verhaftung mehrerer Priester nach sich. Bischof Berneux wurde am 23. Februar 1866 festgenommen. Am Morgen des 26. wurde das Zimmer Justs in dem Augenblick gestürmt, als er sich anschickte, die Messe zu feiern; er wurde mit einer roten Schnur, die großen Verbrechern vorbehalten war, gefesselt und abgeführt. Auf die ihm gestellten Fragen antwortete Just immer wieder: «Ich bin nach Korea gekommen, um eure Seelen zu retten. Ich werde mit Freuden für Gott sterben.»

Daraufhin wurde er der Folter «Shien-noum» unterworfen: Der an einen Stuhl gefesselte Gefangene wurde mit einem dreieckig zugeschnittenen Holzstock auf die Schienbeine und Füße geschlagen. Vier Tage lang musste der Missionar vor verschiedenen Instanzen erscheinen. Nach jedem Verhör wurde sein Körper mit einem armdicken, spitzen Pfahl misshandelt. Während seiner Qualen betete der Märtyrer still. Jeden Abend wurde er erschöpft ins Gefängnis zurückgebracht, wo man seine Wunden mit geöltem Papier verband. Mit Pater de Bretenières zusammen wurden auch Bischof Berneux sowie die Patres Beaulieu und Dorie gefoltert und dann zum Tode verurteilt.

Freudensprünge

Ihre Liebe zur menschlichen Seele führte sie zur völligen Selbsthingabe. 1862 hatte Just seinem ehemaligen Lehrer, der zwar eifrig für das Heil der Seelen kämpfte, die Entbehrungen jedoch fürchtete, die die Berufung zum Missionar für ihn mit sich brächte, folgende Zeilen geschrieben: «Oh! Wer den Preis einer Seele kennt und nichts mehr schätzt, als für ihre Rettung zu arbeiten, der schaut kaum darauf, was er alles dafür wird tun müssen; er würde vor Überraschung lachen, wenn einer zu ihm sagte: 'Bedenken Sie, dass Sie ihre regelmäßigen Gewohnheiten haben: Trinken, essen, aufstehen, sich hinlegen. Auf diese Gewohnheiten müssen Sie dann verzichten.' Käme es ihm auch nur in den Sinn, dass ihm, wenn er darauf verzichtet, etwas fehlt? Die Liebe zum Wohl der Seelen trägt seine Gedanken woanders hin; er fährt über die Meere, ohne an die Gefahren zu denken, die ihm begegnen; er wird Freudensprünge machen, wenn Gott ihn an einen Ort führt, wo alles lebensbedrohlich ist; er wird seinen Jubel nicht unterdrücken können, wenn er sich Verfolgungen ausgesetzt, vom Schwert bedroht sieht, wenn er pausenlos fast vor Hunger, Müdigkeit, Elend und Angst stirbt; und bei all dem wird er glauben, dass er nicht genug leidet, weil er immer noch Seelen vor sich hat, die der Gnade gegenüber taub sind.»

8. März 1866 - Da sich die Verurteilten nicht mehr aufrecht halten konnten, wurden sie – jeder an einen Stuhl gefesselt – zum Richtplatz getragen. Als Staatsverbrecher sollten sie auf einem der großen Sandstrände etwa 5 km von Seoul entfernt hingerichtet werden. Vierhundert bewaffnete Soldaten hielten die Menge in Schach. Als die Gefangenen von einigen Umstehenden beschimpft wurden, antwortete der heilige Bischof entschieden: «Spottet nicht und lacht nicht so; ihr solltet lieber weinen. Wir waren gekommen, um euch den Weg zum Himmel zu lehren, und wir werden das nun nicht mehr tun können. Wie ihr zu beklagen seid!» Unterwegs hielten die Träger mehrmals an. Bischof Berneux nutzte das, um mit seinen Märtyrergefährten zu sprechen. Auf ihren Gesichtern leuchtete die Freude, die Gott denen schenkt, die sich selbst vergessen und sich für Ihn opfern, und erstaunte die Heiden. «Sterben ist süß!», sagte Just zu ihnen und wandte ihnen sein vor Frieden strahlendes Antlitz zu.

Just kam nach seinem Bischof als Zweiter an die Reihe. Nachdem er auf den Boden gesetzt worden war, wurden ihm die Kleider vom Leibe gerissen. Seine beiden Ohren wurden zusammengefaltet und mit einem Pfeil durchbohrt. Unter seinen auf dem Rücken gefesselten Armen schob man einen dicken, langen Stock durch: Er wurde von zwei Soldaten hochgehoben und in dieser schmerzhaften Körperhaltung lange in Spiralen hin- und hergetragen, um ihn der versammelten Menge vorzuführen. Dann wurde er auf Knien auf den Boden gesetzt, so dass sein Kopf nach vorne gestreckt war. Auf das Zeichen des Mandarins hin begannen sechs Henker im Kreis um den Märtyrer zu tanzen, wobei sie ihre Säbel schwenkten und ununterbrochen wilde Schreie ausstießen: «Tod ihm! Tod ihm!» Schließlich hieben sie auf ihn ein: Beim vierten Hieb fiel der Kopf. Für die Zuschauer war alles vorbei; doch die Seele Justs befand sich bereits in der ewigen Freude des Himmels. Er war 28 Jahre alt. Bei der Nachricht vom Tode ihres Sohnes fielen die Eltern von Just auf die Knie und dankten, trotz ihr unsäglichen Leides, dem lieben Gott: Ihr Sohn war im Himmel.

Eine Saat von Christen

Aus menschlicher Sicht erscheint der Tod Justs de Bretenières, der seinem allzu kurzen Apostolat ein Ende setzte, als Scheitern. Doch der Glaube lehrt uns, dass das Weizenkorn., wenn es stirbt, viele Frucht bringt (Joh 12,24). Bei der Heiligsprechung von 103 Märtyrern in Korea – darunter auch von Just de Bretenières und seinen Gefährten – am 6. Mai 1984 sagte Papst Johannes-Paul II.: «Der Tod der Märtyrer ist dem Tod Christi am Kreuze ähnlich, weil ihr Tod wie seiner der Beginn eines neuen Lebens wurde. Dieses neue Leben hat sich nicht nur in ihnen – in denen, die für Christus den Tod erlitten haben – manifestiert, es hat sich auch auf andere ausgedehnt. Es wurde zur Triebfeder der Kirche als lebendige Gemeinschaft der Jünger und Zeugen Jesu Christi. 'Das Blut der Märtyrer ist eine Saat von Christen': Dieser Satz aus den ersten Jahrhunderten des Christentums findet vor unseren Augen seine Bestätigung.»

In der Tat hat die katholische Kirche in Korea einen erstaunlichen Aufschwung genommen, und dieser setzt sich auch heute noch fort. Jährlich empfangen mehr als 100 000 Katechumenen die Taufe (150000 im Jahr 2000). Von 1990 bis 1996 stieg die Zahl der Katholiken in Korea von 2,7 auf 3,5 Millionen; sie stellen 7,7 % der Bevölkerung dar. Es gibt über tausend koreanische Priester, die von 18 Bischöfen geleitet werden; viele Priester, Ordensleuten und Nonnen sind als Missionare ins Ausland entsandt worden.

Die Märtyrer haben ihr Blut nicht umsonst vergossen. Sie «sind in die Freude Marias eingegangen, die am Fuße des Kreuzes an der Passion und am Tode ihres Sohnes und Heilands Anteil nahm. Die Königin der Märtyrer freut sich mit uns!» (Johannes-Paul II., Ibid.). «Nach Maria», schrieb Paul VI., «treffen wir den Ausdruck reinster, brennendster Freude dort, wo das Kreuz Jesu mit der treuesten Liebe umarmt wird, bei den Märtyrern, denen der Heilige Geist mitten in der Heimsuchung eine leidenschaftliche Hoffnung auf das Kommen des Bräutigams eingibt» (GD). Bitten wir den heiligen Just de Bretenières, er möge uns selbst inmitten der schmerzlichsten Heimsuchungen des Lebens die Freude erwirken, die der Heilige Geist spendet.

Dom Antoine Marie osb

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