Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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18. April 2001
Osteroktave


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

«Haben Sie nicht gemerkt, welch lichtvoller Nimbus die heiligen Priester einhüllt und alles um sie herum erleuchtet? Welche Veränderungen sie bewirken durch die stille Predigt ihres heiligen Lebens! Wie viele Nachahmer sie in ihre Nachfolge ziehen, indem sie sie in ihr priesterliches Ideal mit einbinden! Möge Jesus uns die Gnade erweisen, dass wir mit einem solchen Priester in Kontakt treten!» Der Verfasser dieser Zeilen, Pfarrer Eduard Poppe (1890-1924) - den Papst Johannes-Paul II. am 3. Oktober 1999 seliggesprochen hat -, ahnte nicht, dass diese Worte sich auch auf seine eigene Geschichte anwenden lassen werden.

Eduard Poppe wurde am 18. Dezember 1890 in der Kleinstadt Temse in der Nähe von Gent (Belgien) geboren. Sein Vater, Désiré, war Bäcker von Beruf und arbeitete hart für den Lebensunterhalt der Seinen. In schweren Zeiten pflegte er zu sagen: «Man muss immer mit dem Willen Gottes zufrieden sein.» Josefa, seine Mutter, führte ihren Haushalt mit Warmherzigkeit und strenger Disziplin zugleich. Sie besuchte jeden Tag die Messe, sofern sie konnte, denn die Familie wuchs rasch. Elf Kinder sollten ihr Heim erfreuen: Drei von ihnen starben jedoch früh, die beiden Söhne wurden Priester, fünf Töchter Nonnen, und eine einzige Tochter blieb bei der Mutter.

Ein übermütiges und eigensinniges Kind

Von seinen ersten Lebensjahren an legte Eduard ein ebenso glückliches wie rühriges Wesen an den Tag. Doch er war nicht leicht zu ertragen: Er tobte viel und riskierte dabei, dass viele Sachen kaputt gingen und er sich verletzte. Er war übermütig und eigensinnig, so dass er seine Schwestern nicht in Ruhe lassen konnte. Eduard ging gern zur Schule, blieb jedoch noch lieber zu Hause, wo er seinem Übermut leichter freien Lauf lassen konnte. Mit zwölf Jahren empfing er die Erstkommunion, danach die Firmung. Unter dem wohltuenden Einfluss der Sakramente wurde Eduard danach ernsthafter: Streiche und Neckereien kamen nun seltener vor.

Im Frühjahr 1904 eröffnete Herr Poppe seinem Sohn, er trage sich mit dem Gedanken, sein Geschäft zu erweitern; er wünschte, dass dieser eine Konditorlehre beginne. Eduard blieb zunächst stumm, da er beschlossen hatte, Priester zu werden. Schließlich erwiderte er seinem Vater, er wolle nicht Bäcker werden. Einige Zeit später äußerte ein befreundeter Priester eine günstige Meinung über die Berufung Eduards. Herr Poppe sagte daraufhin zu seiner Frau: «Ich möchte, was Gott will. Wir dürfen ja nicht egoistisch sein. Gott hat uns unsere Kinder nicht für uns allein geschenkt.» So kam es, dass der Junge im Herbst in das kleine Sankt-Nikolaus-Seminar in Waas eintrat. Am 10. Januar 1907 starb Herr Poppe an Erschöpfung. Der damals sechzehnjährige Eduard erwog, für einige Zeit seine Studien abzubrechen und die Bäckerei zu übernehmen, doch seine Mutter sagte: «Vor seinem Tod hat Papa mir das Versprechen abgenommen, dass ich dich weiterstudieren lasse. Ich will mein Versprechen halten.»

Im September 1910 wurde Eduard zum Militärdienst in die Kompanie der Universität einberufen, wo er sein Philosophiestudium beginnen sollte. Sobald man in der Kaserne von seinem Wunsch, Priester zu werden, erfuhr, war er Spott und Provokationen ausgesetzt. Die Derbheit und die Ausschweifungen seiner Gefährten wurden ihm unerträglich, eine «Hölle», wie er später sagte. Zudem konnte er unter der Woche nicht zur Messe gehen. Diese Entbehrung kam ihn hart an. Die Erfahrung des Soldatenlebens öffnete ihm jedoch die Augen für das menschliche Elend und kam ihm später zustatten, als ihm 1922 die Verantwortung für die im Militärdienst befindlichen Seminaristen und Ordensleute übertragen wurde. Nach einigen Monaten fand er seinen inneren Frieden wieder und schöpfte Kraft aus der Eucharistie, die er wieder empfangen konnte, um diese Prüfung als Gelegenheit zum Apostolat zu nutzen. Er verstand das Leben und die Schwierigkeiten der Soldaten nun besser und wollte allen zu Diensten sein. Er stellte fest, wie sehr auch eigenwillige Menschen der Freundschaft bedürfen; dank seiner netten Art, seiner Hilfsbereitschaft und seiner guten Laune gelang es ihm, die Herzen zu öffnen und die Seelen zum geistlichen Leben zu führen.

Eines Tages entdeckte er die Lebensgeschichte der Schwester Therese von Lisieux: «Dieses Buch hat mir mehr Freude und Gewinn gebracht als jedes philosophische Werk», schrieb er. «Ich habe darin Dinge gelernt, die mich Jahre des Studierens nicht hätten lehren können.» Was ihn bei der jungen Karmelitin faszinierte, war ihre Art, die Versenkung zu verstehen, da sie seinen eigenen Neigungen so gut entsprach: ein ganz schlichtes, vertrautes, praktisches Gebet, das sich allen Ereignissen und allen Beschäftigungen anpasst, das alles heiligt. Der heilige Ludwig-Maria Grignion de Montfort brachte ihm das mütterliche Lächeln Marias nahe, doch der Lieblingsheilige von Pfarrer Poppe scheint der heilige Franziskus von Assisi wegen seiner Liebe zum Kreuz Jesu gewesen zu sein.

«Lieber sterben als Gott nur halb dienen»

Nach Ableistung seines Militärdienstes legte Eduard am 13. März 1912 mit tiefer Freude am Seminar von Leuven die Soutane an. Er würdigte die Unterweisung seines Oberen: «Nach dem Plan Gottes muss sich die Tat aus dem Gebet nähren: Das innere Leben ist die Quelle des Apostolats... Glauben Sie nicht an den Leitsatz: ,Der Priester heiligt sich, indem er Andere heiligt', das ist ein Trugbild. Die richtige Formel lautet: ,Sich heiligen, um Andere zu heiligen'.» Doch Eduards Ideal der Heiligung wurde nicht von allen Mitbrüdern geteilt. Er bekam eines Tages zu hören: «Ihre Begeisterung ist bei jungen Seminaristen üblich. Alle beginnen, als müsste der Eifer ewig währen. Nach zehn Jahren

Priesteramt ist diese Illusion durch die Lebenswirklichkeit völlig ausgelöscht.» Solche Überlegungen verunsicherten Eduard zutiefst; er schrieb an seine Schwester Eugénie, die Nonne geworden war: «Stimmt es, dass der Eifer nur zu Anfang eines Priester- oder Ordenslebens vorhanden ist, solange man die Schwierigkeiten dabei nicht kennt? Stimmt es, dass ich eines Tages irgendein beliebiger Priester sein werde und alle meine übernatürliche Kraft eingebüßt habe? Ich kann und will vor allem nicht daran glauben. Lieber sterben als Gott nur halb dienen.»

Doch die entmutigenden Überlegungen, die Eduard zu hören bekommen hatte, stürzten ihn in Ungewissheit und Zweifel. War das Ideal der Heiligkeit ein Trugbild? Das Beten fiel ihm jetzt schwer, er wurde von Kälte übermannt, selbst wenn er zur Seligsten Jungfrau betete. In seinem Leben erblickte er nur noch Egoismus, Verzagtheit und eitle Gefühlsduselei, bis ins Gebet hinein. «Wie soll ich glauben, dass Gott ein so nichtswürdiges Wesen liebt?» Und ausgerechnet er hatte ein Heiliger werden wollen! Aus einer guten Eingebung heraus sprach er diese Gedanken seinem Beichtvater gegenüber aus; dieser antwortete: «Sagen Sie oft: ,Herr, ich glaube, aber hilf mir.' Lassen Sie sich vor allem nicht entmutigen. Blicken Sie auf das Kruzifix: Dort werden Sie den freudigen Frieden des Opfers finden.» Eduard befolgte diese wertvollen Ratschläge, und nach und nach unter dem barmherzigen Einfluss Marias lichtete sich der dichte Nebel, der ihn eingehüllt hatte. Beim Betrachten des Kreuzes empfand er das lebhafte Bedürfnis, das Leiden Christi zu teilen, und konnte die geheimnisvolle Verbindung zwischen Leiden und Liebe erahnen.

Im September 1913 nahm er sein Theologiestudium am Genter Seminar auf. Bald brach der Erste Weltkrieg aus, und Eduard wurde am 1. August 1914 als Sanitäter mobilisiert. Am 4. befand er sich bereits in Namur, wo der Kampf wütete. Am 25. zog sich die belgische Armee in Richtung Süden zurück. Von Übermüdung erschöpft, wurde Eduard halbtot auf einen Lazarettwagen geladen. Im Dorf Bourlers nahm ihn der dortige Pfarrer Castelain bis Dezember in Pflege. Dieser

Priester hatte ein grenzenloses Vertrauen auf den heiligen Josef. Eduard wollte auch die Erfahrung machen. Eines Tages nahmen die Deutschen ein Dutzend junge Leute aus dem Dorf mit: Eduard bat den heiligen Josef um ihre Freilassung noch am selben Tag. Einige Stunden später kehrten sie mit Ausnahme eines Franzosen alle heim. Eduard erneuerte seine Bitte und wurde auch diesmal erhört. Von diesem Tage an blieben Maria und Josef im Herzen des Geistlichen Poppe untrennbar miteinander verbunden.

Nach vielem Hin und Her erreichte Eduard dank Kardinal Mercier die Befreiung vom Militärdienst und kehrte im April 1915 ins Seminar zurück. Am 1. Mai 1916 wurde er zum Priester geweiht. Er war sehr bewegt und andächtig und bot sich dem Herzen Jesu in der Eucharistie gleich ihm als Opfer für die Sünder dar.

Auf der Suche nach den verlorenen Schafen

Am 16. Juni wurde er zum Vikar in der in einem Arbeiterviertel in Gent gelegenen Gemeinde Sainte-Colette ernannt. Die erst vor kurzem gegründete Pfarrgemeinde war nicht gerade blühend: Gute Christen waren dünn gesät, das kirchliche Leben lag darnieder. Die Sommerzeit erlaubte Eduard, sein Apostolat auf der Straße in Angriff zu nehmen. Er trat liebenswürdig auf, schenkte den Kindern Bilder, begrüßte die Arbeiter abends auf dem Heimweg aus der Fabrik: «Sie werden mich schon kennenlernen; sie müssen spüren, dass ich sie liebe», dachte er. Nach und nach kam man miteinander ins Gespräch, er erhielt Zugang zu den Häusern, insbesondere zu den schmutzigsten. Das Elend dieser armen Leute zerriss ihm das Herz; der Krieg hatte tragische Situationen heraufbeschworen. Er machte seine Geldbörse auf und gab alles, was er konnte. Angesichts seines offensichtlichen Wohlwollens schwand die antiklerikale Voreingenommenheit der Leute dahin; er konnte von Christus sprechen und die alten christlichen Wurzeln zu neuem Leben erwecken. Er war glücklich, voller Hoffnung und Eifer.

Doch er wurde oft vom Kreuz der Erlösung heimgesucht. Eines Tages sagte sein Pfarrer zu ihm: «Ich mag nicht, dass Sie mit diesen Leuten verkehren. Sie sind zu jung, um sich so zu exponieren. Es ist außerdem unnütz: Sie machen sich Illusionen und vergeuden Ihre Zeit. Sparen Sie sich ihre Kraft für die Betreuung der frommen Seelen auf.» Eduard durfte allerdings Kranke und Sterbende besuchen Der Entschluss seines Pfarrers, den er befolgte, machte ihn betroffen. «Menschlich gesprochen», schrieb er, «ist das entmutigend für ein Priesterherz ... Ach! Mein Gott, hilf mir Du!»

Die Eucharistie: die Sonne seines Lebens!

Um die Kraft zu finden, die er benötigte, verbrachte Eduard viel Zeit vor dem Tabernakel. Mitunter seufzte er auf: «O Jesus, die Menschen lieben dich so wenig! Lass uns zwei wenigstens einander lieben.» Am Abend vor Allerheiligen, nach einem schweren Tag, angefüllt mit Beichten, fand ihn einmal ein Freund vor dem Allerheiligsten Sakrament wieder: «Eduard, was machen Sie denn da?» - «Oh! Ich tue nichts; ich leiste einfach unserem Herrn Gesellschaft. Ich bin zu müde, um mit ihm zu sprechen, aber ich ruhe mich in seiner Nähe aus.»

Seit seiner Ankunft in der Gemeinde war dem jungen Priester die Betreuung der Knaben anvertraut. Er wollte die Kinder in den Schulferien beschäftigen. Am Ende des Schuljahres suchte er die Schule der Brüder der Nächstenliebe auf und hielt folgende Ansprache an die Schüler: «Nun sind Ferien; ihr werdet euch amüsieren, und das ist sehr gut. Vergesst aber unseren Herrn Jesus nicht. Er ist so gütig und er liebt euch, in den Ferien genauso wie in der Schulzeit. Zeigt ihm, dass auch ihr ein Herz habt: jeden Morgen bei der Sieben-Uhr-Messe und abends bei der Andacht!... Ich werde sehen, wer von euch zu den Tüchtigsten gehört, und für diese gibt es einen Lohn.» Dieselbe Ansprache hielt er in der Mädchenschule. Am nächsten Tag folgten dreißig Kinder dem Ruf. An den Tagen danach erst fünfzig, dann hundert, zweihundert... Eduard erteilte ihnen eine mit Geschichten und lustigen Einfällen ausgeschmückte Unterweisung. Dann gab er ihnen ein kurzes Stoßgebet auf, das sie im Laufe des Tages oft wiederholen sollten. Um Unruhe zu vermeiden, rief er die ungestümsten Kinder zusammen und machte sie für die Ordnung verantwortlich.

In der Absicht, die Kinder durch die Eucharistie zu heiligen, plante er eine Kommunionsliga, die «eine Vereinigung von Kindern» sein sollte, «die Jesus lieben und die sich heiligen wollen, indem sie sich gegenseitig bestärken und überall mit gutem Beispiel vorangehen.» Bei den Versammlungen der Liga ging Eduard von dem Grundsatz aus, dass man den Kindern nicht nur das halbe Evangelium predigen darf, wie das manche tun aus Angst, sie vor den Kopf zu stoßen, sondern das ganze Evangelium: die christliche Vollkommenheit. Dafür kann jeder auf die Gnade zählen, die uns vor allem durch die Eucharistie zuteil wird. Im Juni 1917 zählte die Kommunionsliga bereits 90 Mitglieder. Die Frömmigkeit blühte in der Gemeinde wieder auf. Eduard war überglücklich. Am Herz-Jesu-Fest empfingen 21 kleine Kinder die Erstkommunion. Sie stammten aus armen Familien, und ihre Mütter weinten vor Freude.

Zum Ende des Monats Juli war Eduard, von seinem unermüdlichen Einsatz erschöpft, am Ende seiner Kräfte. Es wurde ihm für einen Monat völlige Ruhe verordnet. Er verbrachte diese Zeit bei den Schwestern der Nächstenliebe in Melle. Bei seiner Rückkehr nahm er seinen täglichen Dienst wieder auf, doch sein Vorgesetzter, der sich um seine Gesundheit sorgte, entzog ihm die Versammlungen der Kommunionsliga, die Kinderseelsorge und die Katechismusstunden. Eduard gehorchte schweren Herzens; ohne ihn würde sein Werk langsam abbröckeln. Er schrieb später: «Leiden und gehorchen! Steht der Knecht etwa über seinem Meister? Wir sind intelligent, wir verstehen uns darauf, unsere Werke zu entwerfen und zu verwirklichen; wir besitzen Voraussicht und Initiative; wir brennen sogar vor Eifer. Doch Jesus war intelligenter und eifriger, vorausschauender und erfahrener als wir! Sein Eifer war ein verzehrendes Feuer. Er wusste sein Leben viel besser zu ordnen als wir ... Und dennoch gehorchte Jesus Josef und Maria in Allem. Er lässt das letzte Wort der Autorität: Dreißig Jahre lang erkennt er den Wert der Autorität an und lehrt ihn. Der Preis für den Gehorsam steigt ins Unermessliche, wenn wir bedenken, dass Jesus, der sich ihm unterwirft, Gott ist. Sein ganzes Leben, sein Leben als Kind und als Jüngling, seine Mission und sein Tod - ein Tod am Kreuze - waren ein großer Akt des Gehorsams.»

Ein beredtes Vorbild

Trotz aller Erleichterungen und der Fürsorge, die man ihm angedeihen ließ, wurde der junge Vikar immer schwächer; er sah sich gezwungen, seine Arbeit immer mehr einzuschränken. Unter Befürwortung seines Beichtvaters bat er den Bischof im Juli 1918 um eine Versetzung. Am 4. Oktober wurde er zum Seelsorger im Hause der Schwestern des heiligen Vinzenz von Paul im Dorfe Moerzeke ernannt. Das Haus beherbergte neun Ordensschwestern, alte Leute, einige Kranke und mehrere Waisen, insgesamt um die fünfzig Bewohner. Jeden Donnerstag Abend hielt Eduard Poppe in der Kapelle des Klosters eine Stunde der Anbetung des Allerheiligsten Sakramentes ab. Durch ihr Vorbild mitgerissen, kamen bald die Bewohner des Hauses hinzu; dann zog der Priester Kinder an, die ihrerseits ihre Eltern mitbrachten. Bald war die Kapelle voll, und Pfarrer Poppe nutzte das, um eine kurze Predigt zu halten, gefolgt von Lesungen und Gesängen.

Wenn der eifrige Apostel sich für eine Seele in Gefahr interessierte, so wandte er sich zunächst an den Schutzengel der betreffenden Person, erinnerte ihn an seine Mission und entwarf gemeinsam mit ihm einen Rettungsplan. Wenn er eine Schule oder eine Versammlung betrat, so begrüßte er die Schutzengel der Anwesenden. Vor allem unterhielt er sich aber mit seinem eigenen Schutzengel. Da er in diesem den Boten sah, der seine Seele mit Jesus und Maria verband, nannte er ihn den «kleinen Gabriel» nach dem Namen des Engels der Verkündigung.

Am 11. Mai 1919 empfing Eduard nach einem Herzanfall die Letzte Ölung in großem Frieden: «Ich habe den Herrn nie darum gebeten, alt zu werden», erklärte er einem Freund, «sondern nur darum, dass die Menschen ihn lieben und die Priester sich heiligen.» Gegen alle Erwartung erholte er sich wieder, so dass der Arzt Besuche gestattete: Das Zimmer Eduards leerte sich nie. Am 8. Juni wurde er von einem erneuten, schwereren Herzanfall niedergestreckt; keine Besuche mehr, keine Messe. Sein Gesundheitszustand besserte sich noch einmal, doch er schwebte fortan zwischen Leben und Tod und war von Tag zu Tag auf das Ende gefasst. In den Erholungsphasen nahm er, so gut er konnte, sein Apostolat wieder auf. Quer über seinem Bett ließ er ein Brett anbringen, damit er vor allem an seine Priesterbrüder schreiben konnte. Er hielt sich über die sozialen Fragen auf dem Laufenden, für die er sich immer wieder erwärmen konnte, und sorgte sich um den Glauben und die Religionsausübung der Arbeiter, indem er für sie Leiden und Gebete darbrachte. Einem seiner Freunde, der Abgeordneter geworden war, versuchte er die Bedeutung seiner Rolle bei der Suche nach einer gerechten Lösung der Arbeiterfrage begreiflich zu machen. «Ich bete zu Gott», schrieb er ihm, «er möge Ihnen dazu verhelfen, Ihre politischen und

sozialen Überzeugungen nach dem Evangelium auszurichten. Ich wäre glücklich, wenn auch nur ein Abgeordneter auf Gott zählen würde, um ein seinen Anstrengungen angemessenes Ergebnis zu erzielen.»

Einige Monate lang ging es ihm besser, obwohl er weiterhin schwach blieb. Die Krankheit leistete sogar einen Beitrag zur Mission, wie der Heilige Vater bei der Seligsprechung sagte: «Pater Poppe, der die Heimsuchung kennengelernt hat, richtet eine Botschaft an die Kranken und erinnert sie daran, dass das Gebet und die Liebe zu Maria für das missionarische Engagement der Kirche wesentlich sind.»

Der Apostel Marias

Am 1. Januar 1924 folgte eine weitere Herzattacke und nach einer kurzen Ruhepause am 3. Februar ein noch schwererer Rückfall. In einem an seine Priesterfreunde gerichteten Brief verriet er das Geheimnis seines Herzens: «Maria wird euch mit ihrem Schatten bedecken, und ihr werdet ruhig und zuversichtlich sein. Sie wird sich mit euch auf den Weg machen und euch über geheime Abkürzungen führen. Vom Leiden werdet ihr nicht verschont bleiben, doch Sie wird euch danach hungern lassen wie nach einer unerlässlichen Nahrung. Ach, Maria! Maria! Ihr Name wird auf euren Lippen wie Honig und Balsam sein. Ave Maria! Wer kann dem widerstehen? Wer also, sagt, sollte mit dem Ave Maria verdammt werden?»

Nach und nach begriff Eduard, dass sein irdischer Auftrag beendet war, dass Jesus ihn aus dieser Welt abberufen wollte und er sterben musste, sein Leben opfern für seine Schafe, wie das in die Erde gesäte Weizenkorn, das reiche Frucht trägt. Von da an bereitete er sich gefasst auf das erhabene Zeugnis des völlig angenommenen Todes vor und bat die Nonne, die ihn pflegte, ihm oft folgende Worte zu wiederholen: «Ich weiß nicht, ob der liebe Gott mit mir zufrieden ist; ich gebe mich Ihm ganz hin. Oh! Wie süß es ist, im letzten Augenblick an nichts zu denken, weder an die eigenen Sünden noch an die Tugenden, sondern nur an das Erbarmen! Das ist wirklich der Tod der kleinen Opfer der Liebe.» So wurden seine letzten Tage zur Illustration folgender, am Anfang seines Amtes niedergeschriebener Worte: «Brüder, wir haben nur ein vergängliches Leben. Wir sind Reisende; es ist Wahnsinn, hier auf Erden seine Bleibe und seine Ruhe zu suchen.»

Im Frühjahr kamen trotz seines Schwächezustandes Viele ihn besuchen. Manchmal mussten sie sehr lange warten, bis sie an die Reihe kamen, doch sie waren von seinem trostspendenden Empfang nie enttäuscht. Am 10. Juni wurde er beim Aufstehen von einem letzten Schlaganfall niedergestreckt. Er empfing die Letzte Ölung, dann warfen seine halboffenen Augen einen letzten Blick auf die Statue des Heiligsten Herzens Jesu, seine Hände öffneten sich, wie für eine letzte Opfergabe, und er gab seine Seele im Alter von 33 Jahren an Gott zurück.

Mögen wir uns folgendes Gebet merken, das aus seinem priesterlichen Herzen kam: «Erinnere dich an deine Leiden, Jesus. Erinnere dich an deine Liebe und an die Unschuld der Kleinen! Schicke uns Priester!»

Dieses Gebet hallte in den Worten des Heiligen Vaters in der Predigt wider, die er bei der Messe anlässlich der Welttage der Jugend (20. August 2000) hielt: «Möget ihr immer, in jeder Gemeinschaft, einen Priester haben, der die Eucharistie feiert!... Die Welt darf der süßen und befreienden Gegenwart des in der Eucharistie lebenden Jesus nicht beraubt werden. Seid selbst eifrige Zeugen für die Gegenwart Christi auf unseren Altären. Möge die Eucharistie euer Leben gestalten und das Leben der Familien, die ihr gründen werdet! Sie möge alle eure Entscheidungen im Leben lenken.»

In diesem Sinne beten wir für all Ihre Anliegen und gedenken Ihrer Verstorbenen.

Dom Antoine Marie osb

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