Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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14. März 2001
Hl. Mathilde


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Das Vertrauen in die Barmherzigkeit Gottes ist heute in einer Welt, die sich durch naturwissenschaftliche und technische Erfolge auszeichnet, die aber gleichzeitig von einer tiefen moralischen Krise gekennzeichnet ist, besonders wichtig; diese Krise kommt in der Befragung unserer Zeitgenossen durch den Kardinal A. Rouco Varela, den Erzbischof von Madrid, während der Synode der europäischen Bischöfe zum Ausdruck: «Worauf soll man das Leben und das Gemeinwesen aufbauen? Auf welche Wahrheiten, welche moralischen Werte, welche lebenswichtigen Motivationen?» Heute scheint die Antwort «mit besorgniserregender Häufigkeit» folgendermaßen zu lauten, stellt der Kardinal fest: «Auf keiner Wahrheit, auf keinem beständigen Wert, auf keinem Ideal, außer auf dem des unmittelbaren Gewinns dessen, was das Leben an Angenehmem zu bieten hat» (8. Oktober 1999).

Dieser Verlust der Orientierungspunkte und des Lebenssinns erzeugt Furcht und Angst. «Wenn wir uns über die Wurzeln dieser heutigen Situation der Verzweiflung befragen», sagte Kardinal Rouco Varela im Weiteren, «so müssen wir die moderne Konzeption vom Menschen betrachten. Sie macht diesen zum absoluten Mittelpunkt der Wirklichkeit und rückt ihn fälschlicherweise an den Platz Gottes. Sie vergisst, dass nicht der Mensch Gott, sondern Gott den Menschen gemacht hat. Das Vergessen Gottes hat zur Verlassenheit des Menschen geführt. Außer in Jesus Christus wissen wir nicht, was Gott, das Leben, der Tod oder auch wir selbst sind. Es ist nicht erstaunlich, dass eine Kultur ohne Gott schließlich auch eine Kultur ohne Hoffnung wird, weil das Herz des Menschen nur in Ihm, der die ewige und schöpferische Liebe ist, seinen Ursprung und seine wahre Bestimmung findet.»

Wie lange wirst du Mich warten lassen?

Dieser in Not geratenen Welt wollte Jesus Christus durch die Stimme einer bescheidenen, unbekannten Frau, die in ihrem Kloster die Ämter der Köchin, Gärtnerin und Pförtnerin versah, die Liebe seines mitfühlenden Herzens in Erinnerung rufen. Diese demütige Ordensfrau, Schwester Faustina Kowalska, wurde am 30. April 2000 von Papst Johannes-Paul II. heiliggesprochen.

Helena Kowalska wurde als das dritte von zehn Kindern am 25. August 1905 in Glogow (Polen) geboren. Helena war lebhaft, ausgelassen und fröhlich wie ein kleiner Vogel und vergnügte sich wie alle anderen Kinder im Dorf. Mit sieben Jahren wurde sie von Gott namentlich berufen: «Zum ersten Mal», schrieb sie später, «vernahm ich die Stimme Gottes deutlich in meinem Herzen: Sie lud mich zum geweihten Leben ein. Doch ich erwies mich nicht immer als folgsam» (Kleines Tagebuch). In der Schule zeichnete sie sich durch ihre Intelligenz aus. Ihre Hilfe wurde jedoch bald zu Hause benötigt, und so tauschte sie bereits mit neuneinhalb Jahren ihren Schulranzen gegen einen Hirtenstab ein. Mit vierzehn Jahren ging Helena auf einem benachbarten Bauernhof zur Arbeit. Nach einem Jahr zuverlässigen, liebenswürdigen und gewissenhaften Dienstes erklärte sie ihrer Mutter: «Mama, ich muss Nonne werden!» Die Antwort war ein kategorisches «Nein». Die Kowalskis konnten die Anschaffungskosten für die Mitgift, die damals für den Eintritt in ein Kloster notwendig war, nicht aufbringen. Helena nahm in der Stadt Lodz eine neue Stelle an. Als sie 18 Jahre alt wurde, flehte sie ihre Eltern erneut um deren Erlaubnis an, ihrer Berufung folgen zu dürfen. Sie wurde ihr erneut verweigert.

«Als meine Eltern mir verboten, ins Kloster zu gehen», schrieb sie später, «versuchte ich mich mit Nichtigkeiten zu zerstreuen und verschloss meine Ohren vor der Stimme der Gnade. Ich ging Gott aus dem Weg und wandte mich den Geschöpfen zu. Doch die Gnade obsiegte. Eines Tages ging ich mit meiner Schwester zu einem Ball. Das Fest war in vollem Gange, doch meine Seele litt unter einem seltsamen Unbehagen. Als ich gerade zu tanzen begann, erblickte ich plötzlich Jesus neben mir: entblößt, gefoltert, mit Wunden übersät. Er sagte zu mir: «Wie lange soll ich dich noch gewähren lassen? Wie lange wirst du Mich noch warten lassen?» Gleich darauf wurde es ganz still, ich hörte die Musik nicht mehr, und die fröhliche Gesellschaft verschwand vor meinen Augen. Es gab nur noch Jesus und mich. Ich setzte mich neben meine Schwester und schützte eine Migräne vor. Im Nu verließ ich unbemerkt den Saal und lief zur Sankt-Stanislas-Kostka-Kathedrale. Der Tag begann gerade zu dämmern, und es war kaum jemand da. Ohne mich um meine Umgebung zu kümmern, warf ich mich mit dem Gesicht zum Boden vor dem Allerheiligsten Sakrament nieder und fragte, was ich nun tun müsste. Da hörte ich folgende Worte: 'Geh nach Warschau, dort wirst du ins Kloster eintreten'. Ich erhob mich auf der Stelle, regelte meine Angelegenheiten, so gut ich konnte, und nahm, nur mit einem Kleid bekleidet und ohne etwas mitzunehmen, sogleich den Zug nach Warschau.»

Da sie dort nicht recht wusste, wohin, wandte sie sich an einen Priester; dieser beruhigte sie und brachte sie bei einer überaus frommen Dame als Dienerin unter, bis sie in die Kongregation unserer Lieben Frau der Barmherzigkeit aufgenommen würde. Helena wurde unter die Helferinnen aufgenommen, die sich um die materiellen Arbeiten im Hause kümmerten.

«Wer quält dich so?»

Die zunächst glückliche Postulantin war bald enttäuscht: Sie war von der körperlichen Arbeit ganz in Anspruch genommen und hatte kaum Zeit zum Beten, zur Besinnung und zum vertraulichen Austausch mit Jesus. «Nach drei Wochen», schrieb sie, «beschloss ich, in ein strengeres Kloster zu gehen. Dieser Gedanke setzte sich so tief in meinem Geist fest, dass ich eines schönen Tages fest entschlossen war, wegzugehen. Ich ging in meine Zelle, warf mich mit dem Gesicht nach unten zu Boden und flehte zu Gott, er möge mir seinen Willen kundtun. Plötzlich wurde es ganz hell. Vor dem Hintergrund meines Vorhangs erblickte ich das Heilige Antlitz mit dem Ausdruck unsäglichen Schmerzes, von Wunden bedeckt und unter dicken Tränen, die auf meine Bettdecke fielen. Erschüttert sagte ich: 'Mein Jesus, wer quält dich denn so?' Er antwortete: 'Du, wenn du weggehst: Hierher habe ich dich berufen, hier halte ich große Gnadengaben für dich bereit'... Von diesem Tage an fühle ich mich glücklich und zufrieden.» Besänftigt bemühte sich Helena fortan, ihr Ideal der Einheit mit Gott inmitten ihrer Herde und Töpfe, beim Umgraben des Gartens oder beim Brotverkauf im Kommen und Gehen an der Pforte zu leben.

Als sie am 30. April 1926 die Tracht anlegen durfte, nahm Helena den Namen Schwester Faustina an. Doch bald begann eine schwere Prüfung für sie: «Schon am Ende des ersten Jahres meines Noviziats ergriff eine immer dichtere Finsternis von meiner Seele Besitz», schrieb sie. «Mein Geist wurde undurchdringlich, die Glaubenswahrheiten erschienen mir absurd. Wenn man mir von Gott sprach, war mein Herz wie ein Stein, der kleinsten Regung der Liebe unfähig! Im Gebet fand ich keinen Trost. Oft kämpfte ich während der ganzen Messe gegen die Gotteslästerungen an, die sich auf meine Lippen drängten. Als der Priester mir erklärte, das seien Prüfungen und ich würde in diesem Zustand Gott nicht beleidigen, sondern im Gegenteil ein Zeichen empfangen, dass Gott mich liebt, fand ich keinerlei Trost darin; mir schien, diese Worte beträfen mich nicht. Da warf ich mich vor dem Allerheiligsten Sakrament nieder und wiederholte die Worte: 'Selbst wenn du mich umbringst, ich werde auf Dich vertrauen!'» Die Härte der zweieinhalb Jahre währenden Prüfung war der Mission angemessen, mit der Schwester Faustina danach betraut wurde. Da sie eine oft der Angst ausgelieferte Welt an das Vertrauen auf die unendliche Barmherzigkeit erinnern sollte, lernte sie die Versuchung der Verzweiflung in all ihren Abstufungen erst selbst kennen.

Am 22. Februar 1931 erschien ihr unser Herr Jesus Christus, bekleidet mit einem weiten weißen Gewand, eine Hand zur Geste der Absolution erhoben, die andere auf die Stelle seines göttlichen Herzens gelegt. Von seinem über dem Herzen halb offenen Gewand gingen zwei Strahlenbündel aus, das eine rot, das andere weiß. «Schweigend betrachtete ich den Herrn», schrieb sie. «Meine Seele war von Furcht erfüllt, doch auch von einer großen Freude. Nach einem Augenblick sprach der Herr Jesus zu mir: 'Male ein diesem Vorbild ähnliches Bild und schreib darunter: Jesus, ich vertraue auf Dich. Ich wünsche, dass dieses Bild zunächst in eurer Kapelle, dann in der ganzen Welt verehrt wird. Denen, die das Bild verehren werden, verspreche ich, dass sie nicht zugrundegehen werden. Ich verspreche ihnen schon in dieser Welt den Sieg über den Feind, vor allem aber in der Stunde ihres Todes. Ich werde sie selbst verteidigen wie meine Herrlichkeit'.»

Schwester Faustina erzählte ihrem Beichtvater von dieser Vision. Der Priester schenkte ihr nicht viel Aufmerksamkeit. Im Laufe der Monate wurden die Befehle des Herrn immer genauer und immer dringlicher: «Ich will, das die Priester meine übergroße Barmherzigkeit verkünden. Ich will, dass die Sünder sich mir ohne jede Furcht nähern! Die Flammen meines Erbarmens verzehren mich. Keine Sünde, sei sie noch so ein Abgrund an Verworfenheit, wird meine Barmherzigkeit erschöpfen, denn je mehr man aus ihr schöpft, umso mehr nimmt sie zu. Für die Sünder bin ich auf die Erde herabgestiegen und habe mein ganzes Blut vergossen. Zum Züchtigen habe ich die ganze Ewigkeit: Jetzt verlängere ich die Zeit des Erbarmens. Mein Herz leidet, denn selbst die geweihten Menschen verkennen mein Erbarmen und behandeln mich mit Misstrauen. Wie mich dieser Mangel an Vertrauen verletzt!»

«Sieh, wem du dich anverlobt hast!»

Die Nachricht über die Visionen Schwester Faustinas verbreitete sich im Kloster, und obwohl ihr Leben beispielhaft war, hagelte es Widerreden. «Alles war noch erträglich», schrieb sie, «bis zu dem Tag, an dem der Herr mir befahl, dieses Bild zu malen. Von diesem Augenblick an wurde ich als eine Hysterikerin mit Halluzinationen betrachtet, und die Verurteilungen prasselten nur so hernieder.» Zwei Jahre lang wagte es kein Priester, sich zu ihren Offenbarungen klar zu äußern. Schließlich sagte während der Exerzitien vor ihrem ewigen Gelübde im April 1933 der Seelsorger, ein vergeistigter Mann, zu ihr: «Meine Schwester, Sie misstrauen dem Herrn Jesus, weil Er sie so vertraut behandelt, nicht wahr? Seien Sie ganz ruhig. Jesus ist Ihr Meister, und Ihre Beziehung zu Ihm ist weder Hysterie, noch Traum, noch Einbildung. Sie sollen wissen, dass Sie auf einem richtigen Weg sind. Versuchen Sie, soviel Gnade gegenüber treu zu sein.» Sogleich kam ein tiefer, übernatürlicher Friede über die Seele von Schwester Faustina und befreite sie von allen Zweifeln.

Am 1. Mai danach legte sie mit großer Inbrunst ihr ewiges Gelübde ab. Vier Tage später begab sie sich für eine Andachtsstunde in die Kapelle. «Plötzlich erblickte ich den Herrn, ganz von Wunden bedeckt. Er sagte: 'Sieh, wem du dich anverlobt hast'... Ich betrachtete seine Wunden und war glücklich, mit Ihm zu leiden. O mein Gott, wie süß es ist, im tiefsten Herzen, von allen unbemerkt, für Dich zu leiden. Danke Jesus für die kleinen Kreuze des Alltags, für die Widrigkeiten und Mühen des Zusammenlebens, für die Missdeutung meiner Pläne, für die Demütigungen und die schlechte Behandlung, für die schmerzlichen Verdächtigungen, für meine schlechte Gesundheit und für meine übergroße Erschöpfung. Danke Jesus für das Leiden der Seele, für die Kälte, die Angst und die Ungewissheit, für die Nacht und die innere Dunkelheit, für die Versuchungen und Prüfungen. Dank Dir Jesus, der Du aus diesem bitteren Kelch getrunken hast, bevor Du ihn abgemildert mir angeboten hast. Ich wünsche nur, dass Dein Wille geschehe nach dem Plan Deiner ewigen Weisheit.»

Das Wasser und das Blut

Ende Mai 1933 ging Schwester Faustina nach Wilno. Dort traf sie den Pfarrer Sopocko, der ihr Beichtvater wurde. Nach einigem Zögern beschloss dieser, das Bild des barmherzigen Jesus malen zu lassen, doch er wollte die Bedeutung des weißen und des roten Lichtbündels wissen, die vom Herzen des Herrn ausgingen. Schwester Faustina befragte den göttlichen Meister, und Er antwortete: «Sie stehen für das Wasser und das Blut. Das Wasser, das die Seelen rechtfertigt, und das Blut, das der Seele Leben schenkt. Sie sprudeln aus meinem am Kreuz eröffneten Herzen. Diese Strahlen schützen vor dem Zorn meines Vaters», d.h. vor der durch unsere Verfehlungen zurecht verdienten Strafe. An Quasimodogeniti (dem Sonntag nach Ostern) 1935 wurde die Ikone im Altarraum Unserer Lieben Frau von Ostra Brama öffentlich ausgestellt, und das göttliche Erbarmen schlug sich sogleich in zahlreichen gnadenvollen und unerwarteten Bekehrungen nieder.

In ihrem Kleinen Tagebuch schreibt Schwester Faustina: «Die Barmherzigkeit ist das größte der göttlichen Attribute.» Der zunächst verwirrte Pfarrer Sopocko fand diese Wahrheit später in den Werken des heiligen Augustinus und des heiligen Thomas von Aquin wieder. In der Tat wird kein Attribut Gottes so nachhaltig in der Bibel betont wie die Barmherzigkeit. Gott ist kein fernes und dem Schicksal des Menschen gegenüber gleichgültiges Wesen, sondern der Freund, der Heiland, der Gute Hirte, in dessen Augen jede Person kostbar ist. Nach dem Fall des Menschen durch die Erbsünde, einem Fall, der so viele tragische Folgen hatte (Leiden, Tod.), enthüllt uns Gott sein Erbarmen voll und ganz in den Mysterien der Fleischwerdung und der Erlösung. Das ganze Leben Christi auf Erden, seine Worte und seine Taten, seine Gleichnisse und seine Wunder, sein Kreuzestod und seine Auferstehung, die Gründung seiner Kirche, die die Jahrhunderte hindurch vom Heiligen Geist gelenkt wurde, verkünden der ganzen Welt das Erbarmen Gottes.

Die Barmherzigkeit erfahren

Barmherzig sein bedeutet, angesichts der Not eines Anderen ein von Trauer bewegtes Herz haben, als handelte es sich um die eigene Not, und sich bemühen, diese soweit es geht aufzuheben oder zu lindern. Das größte Übel, das dem Menschen widerfahren kann, ist die Sünde. Gott heilt es durch sein Erbarmen. Als Gott zugefügte Beleidigung besitzt die Sünde eine abgrundtiefe Bosheit, deren ewige Konsequenz Schwester Faustina vor Augen geführt wurde. «Ich, Schwester Faustina, bin auf Befehl Gottes in die Abgründe der Hölle vorgedrungen, um den Menschen davon erzählen zu können und zu bezeugen, dass die Hölle existiert.» Eine andere Vision führte Schwester Faustina die Sünden der Menschen vor Augen: «In einem Wimpernschlag», notierte sie am 9. Februar 1937, «hat mir der Herr die Sünden der Welt gezeigt, die heute begangen werden. Ich wurde ohnmächtig vor Entsetzen! Obwohl ich die Unermesslichkeit des Erbarmens kenne, war ich doch erstaunt, dass Gott die Welt existieren lässt! Da gab er mir zu verstehen, dass die Auserwählten ein Gegengewicht dazu bilden.»

Wie groß die Zahl und die Schwere der Sünden auch sei, ist das Erbarmen Gottes hier auf Erden stets erreichbar: «Ich bin heilig», sprach Jesus zu Schwester Faustina, «und die geringste Sünde entsetzt mich. Doch wenn die Sünder bereuen, ist mein Erbarmen ohne Grenzen. Die größten Sünder könnten sehr große Heilige werden, wenn sie sich meiner Barmherzigkeit anvertrauen würden.» Am 10. Oktober 1937 schrieb unsere Heilige: «Ich habe in einem hellen Licht den Abgrund meines Nichts gesehen. Und ich habe mich so vertrauensvoll an das Herz Jesu geschmiegt, dass selbst dann, wenn ich alle Sünden der Verdammten auf meinem Gewissen hätte, würde ich nicht an seinem göttlichen Erbarmen zweifeln, sondern mich mit zerknirschtem Herzen in den Abgrund deiner Liebe stürzen, Herr Jesus! Ich weiß, dass du mich nicht abweisen, sondern mir durch deinen Priester vergeben würdest.» Das göttliche Erbarmen wird den Sündern vor allem in der Beichte zuteil: «In diesem Sakrament kann jeder Mensch auf einzigartige Weise das Erbarmen erfahren, das heißt die Liebe, die mächtiger ist als die Sünde» (Enzyklika Dives in misericordia, DM, 30. November 1980, Nr. 13).

Die einzige Grenze

Als mächtiges Motiv der Hoffnung ist das göttliche Erbarmen auch ein Appell zur Umkehr. Ohne das aufrichtige Bereuen der Sünden und den festen Vorsatz, sich von ihnen zu befreien, kann sich das Erbarmen nicht über den Sünder breiten. «Von seiten des Menschen kann das Erbarmen nur der Mangel an gutem Willen, der Mangel an Bereitschaft zur Bekehrung und zur Buße, also die hartnäckige Verstockung einschränken, die sich der Gnade und der Wahrheit widersetzt, besonders vor dem Zeugnis des Kreuzes und der Auferstehung Christi» (DM, Nr. 13). Der heilige Alphons von Liguori bemerkt, dass das Erbarmen Gottes denen gilt, die ihn fürchten

(vgl. Lk 1,50), d.h. «der Herr setzt denen gegenüber sein Erbarmen ein, die fürchten, ihn zu beleidigen, und nicht denen gegenüber, die auf das Erbarmen rechnen, um ihn noch mehr zu beleidigen» (Der Weg des Heils, 1. Teil, 8. Meditation).

Wenn dank der Passion Christi die göttliche Barmherzigkeit ein unfehlbares Heilmittel gegen das größte aller Übel darstellt, von denen der Mensch betroffen ist, nämlich die Sünde, nimmt sie sich nichtdestoweniger auch aller anderen physischen oder moralischen Nöte an, die ihn überkommen. Manchmal hebt sie sie auf; doch öfter zeigt sie sich in ihrem eigentlichen und wahren Sinne und zieht «aus allen Formen des Übels in der Welt und im Menschen das Gute» (DM, Nr. 6). Um das Übel zu besiegen, schenkt das Erbarmen Gottes allen, die es anrufen, Kraft und Geduld in der Heimsuchung, indem es sie lehrt, ihre Leiden mit denen des gekreuzigten Gottes zu vereinen. «Das sanfte Antlitz Jesu zeigt sich dem, der von einer besonders harten Heimsuchung betroffen ist», sagt Papst Johannes-Paul II.. «Auf ihn fallen jene Strahlen nieder, die von seinem Herzen ausgehen und alles erleuchten, die wärmen, die den Weg weisen und Hoffnung schenken. Wie viele Seelen hat bereits der Ruf, Jesus, ich vertraue auf Dich!, getröstet» (Predigt der Seligsprechungsmesse).

Das Erbarmen Gottes weckt auch zwischen den Menschen die wahre Nächstenliebe. «Es ist nicht leicht, mit einer tiefen Liebe zu lieben, die aus einer echten Selbsthingabe besteht», sagt der Papst. «Diese Liebe kann man nur in der Schule Gottes lernen, in der Wärme seiner Liebe. Erst wenn wir unseren Blick auf Ihn richten und uns in einen vollkommenen Einklang mit seinem väterlichen Herzen begeben, werden wir fähig, unsere Mitmenschen mit neuen Augen zu sehen, in einer Haltung der Großherzigkeit und der Vergebung. All das ist Erbarmen» (Ibid.). Jesus ermahnt seine Jünger, «in die Schule Gottes» zu gehen, um für sich selbst das göttliche Erbarmen zu erlangen: Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden (Mt 5,7).

Seit 1933 war Schwester Faustina mit Tuberkulose infiziert. Ihre Vorgesetzten merkten nicht gleich die Schwere ihres Leidens, das sie stillschweigend ertrug. Im Dezember 1936, als die Krankheit bereits fortgeschritten war, wurde sie in ein Sanatorium geschickt. Sie blieb vier Monate dort; 1938 folgte dann ein weiterer Sanatoriumsaufenthalt von fünf Monaten. Sie betete mit Hingabe für die Sterbenden um sie herum und erreichte oft, dass sie sich selbst unter menschlich verzweifelten Umständen noch bekehrten. Sie betete den «Rosenkranz an die göttliche Barmherzigkeit», der ihr am 14. September 1935 offenbart worden war (s. beiliegendes Bild). Nach ihrer Rückkehr ins Kloster im September 1938 entschlief Schwester Faustina am 5. Oktober im Alter von 33 Jahren sanft im Herrn.

«Verwandle mich!»

In einem schönen Gebet enthüllt Schwester Faustina ihre Art, Barmherzigkeit zu üben: «Herr Jesus, verwandle mich ganz in deine Barmherzigkeit! Mach, dass meine Augen barmherzig werden, damit ich nie nach dem äußeren Schein urteile und niemanden verdächtige, sondern in allen Seelen das Schöne sehe und allen behilflich bin. Mach, dass meine Ohren barmherzig werden, stets aufmerksam für die Bedürfnisse meiner Mitmenschen, und dass sie sich nie ihrem Ruf verschließen. Mach, dass meine Zunge barmherzig wird, damit sie nie von jemandem Schlechtes sagt, sondern damit ich für alle Worte der Vergebung und des Trostes habe. Mach, dass meine Hände barmherzig werden und voller Liebe, damit ich alles, was hart und mühsam ist auf mich nehme, um so die Last der anderen zu erleichtern. Mach, dass meine Füße barmherzig werden und stets bereit, dem Nächsten zu Hilfe zu eilen. Dass ich mich im Dienen erhole! Mach, dass mein Herz barmherzig wird und offen für jedes Leid. Ich werde es niemandem verschließen, selbst denen nicht, die es missbrauchen, und ich selbst werde mich in dein Herz einschließen. Möge deine Barmherzigkeit in mir ruhen, Herr! Verwandle mich in dich, denn du bist mein Alles.»

Bitten wir die Allerseligste Jungfrau Maria, die Mutter der Barmherzigkeit, und den heiligen Josef, dass sie uns lehren, barmherzig zu sein wie unser Vater im Himmel, damit wir sein Erbarmen und das ewige Leben erlangen.

Dom Antoine Marie osb

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