Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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26. November 2000
Christkönigfest


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

1907 erschien in Paris ein Buch mit einem suggestiven Titel: Vom Teufel zu Gott. Sein Verfasser, Adolphe Retté, erzählt darin seine Bekehrung zum Katholizismus. Das Werk hatte einen beträchtlichen Erfolg; viele Menschen fanden darin Erleuchtung und Ermutigung für ihre eigenen geistigen Kämpfe.

Adolphe Retté wurde am 25. Juli 1863 in Paris geboren und lernte in seiner Kindheit nie die Geborgenheit eines familiären Heims kennen. Sein Vater lebte als Erzieher für die Kinder eines Großherzogs in Russland. Seine Mutter, eine von ihrer Kunst vereinnahmte Musikerin, kümmerte sich lediglich nach Lust und Laune um ihren Sohn, um widersprüchliche Erziehungsmethoden an ihm auszuprobieren. Das Kind wurde auf die eindringlichen Bitten seiner frommen und katholischen Großmutter hin getauft. Sein Großvater, der Rektor der Universität von Lüttich, sprach sich als Antiklerikaler gegen jede religiöse Unterweisung aus.

Adolphe war ein verträumtes, leicht beeinflussbares, lesebegieriges und bereits nach Einsamkeit strebendes Kind. Mit vierzehn Jahren wurde er in ein Internat gegeben. Sein Vater wollte, dass er im protestantischen Glauben erzogen werde: Der junge Mann behielt davon nur einen vagen Glauben an Gott und einen Widerwillen gegen das Christentum bei. Er war achtzehn Jahre alt, als er sich für fünf Jahre bei der Armee verpflichtete. Das Soldatenleben lehrte ihn, seine herrische Natur zu zügeln, doch er gab sich einem ausschweifenden Lebenswandel hin. Wenn einer seiner Freunde den Vorschlag machte: «Komm, gehen wir zu unseren Vergnügen», rief er nur: «Wir gehen nicht, wir laufen!» Nach Beendigung seines Militärdienstes begann er eine literarische Karriere. Er begeisterte sich für die Natur, vor allem für den Wald, und neigte zunächst dem Pantheismus zu (einem System, das Gott und die Welt gleichsetzt).

«Die Wissenschaft kann nicht erklären...»

1894 verliebte er sich in ein gläubiges und anständiges Mädchen, dem er eine nur bürgerliche Eheschließung aufzwang, da er es für heuchlerisch hielt, um den Segen einer Kirche nachzusuchen, an die er nicht glaubte. Trotz aller Liebe zu seiner Frau, war Adolphe ein gewalttätiger und untreuer Ehemann. Eines Tages gelang es ihr, ein bisschen Geld beiseite zu legen, um ihm einige von ihm gewünschte Bücher und für sich ein dringend benötigtes Kleid zu kaufen. Sobald er davon erfuhr, verlangte er, sie solle ihm dieses Geld geben. Als sie sich weigerte, entriss er es ihr brutal und vergeudete alles mit einer Frau üblen Lebenswandels. Als Opfer zahlreicher Szenen ähnlicher Art starb Frau Retté vorzeitig. Adolphe lebte danach in wilder Ehe mit einer sittenlosen Frau zusammen, die ihre mageren Einkünfte verschleuderte, so dass es immer mehr Streit und Beleidigungen gab. Nur die Herrschaft, die diese Frau über die pervertierten Sinne Rettés ausübte, fesselte ihn an ihre Seite; er wurde immer trauriger und angewiderter, war jedoch zu feige, um mit ihr zu brechen.

Da er Atheist geworden war, war Adolphe von der fixen Idee besessen, die Kirche verspotten zu müssen. Eines Abends rühmte er in Fontainebleau vor etwa dreißig Arbeitern die unbegrenzten Fortschritte der Wissenschaft, die alles erklärt: «Krieg den Priestern!», rief er. Beim Ausgang wurde er dann von vier Zuhörern beiseite genommen, und einer von ihnen fragte: «Wir wissen, dass es keinen lieben Gott gibt. Da die Welt aber von niemandem erschaffen wurde, möchten wir gerne wissen, wie «alles» begonnen hat. Die Wissenschaft müsste darüber Bescheid wissen.» Retté hätte seinen Gesprächspartner in einem undurchdringlichen Wortschwall ertränken können. Doch die Gutgläubigkeit dieser armen Leute rührte ihn. «Ich hätte mir ewig Vorwürfe gemacht, wenn ich sie getäuscht hätte», schrieb er. «Nun», sagte ich wahrheitsgemäß, «die Wissenschaft kann nicht erklären, wie die Welt begonnen hat.» Doch diese Frage hallte immerfort im Kopfe Adolphes wider. In der folgenden Nacht konnte er nicht schlafen und sagte sich am Morgen noch: «Und wenn Gott doch existiert.?» Ein Jahrhundert nach diesem Eingeständnis ihrer Ohnmacht seitens Rettés hat die Wissenschaft in der Erkundung des Alls große Fortschritte erzielt; doch je weiter sie kommt, desto größer werden die Schwierigkeiten, denen sie begegnet, und sie kann die Frage des bescheidenen Gärtners immer noch nicht beantworten.

Eine leidenschaftliche Antireligiosität

Da begann für Adolphe eine unruhige Zeit auf der Suche nach einer Überzeugung, die die Unruhe seines Herzens besänftigen konnte. Bereits in seiner Jugend hatte er sich von der Anarchie verführen lassen: «Werfen wir alles zu Boden: Gott, Familie, Eigentum, Gesetze, Traditionen. Dann werden die Menschen einander in die Arme fallen und je nach den Bedürfnissen eines Jeden alle Güter der Erde miteinander teilen; so werden sie in einem ewig währenden Fest völlig frei und solidarisch leben!» Doch nach gründlicherer Überlegung schrieb er: «Wer keinerlei Glauben hat, mag einige Zeit sich von den großzügigen Teilen und den poetischen Illusionen der anarchischen Lehre angezogen fühlen. Doch schon bald wird man merken, dass eine solche Gesellschaft, wie sie von den Anarchisten gewünscht wird, nur überleben kann, wenn alle menschlichen Fähigkeiten ein beständiges Gleichgewicht unter sich bewahren können.» Die Erfahrung lehrte ihn jedoch, dass es schwierig ist – sogar manchmal unmöglich mit den alleinen Menschenkräften –, der Knechtschaft des Zorns, der Wollust und des Stolzes zu widerstehen.

In seiner leidenschaftlichen Antireligiosität lästerte er oft. Er empfand eine obskure Freude dabei, das Leben Jesu, den er nur noch den «Galiläer» nannte, lächerlich zu machen. Paradoxerweise entrüstete er sich innerlich über die Verfolgung der religiösen Kongregationen, die Vertreibungen und die der Kirche zugefügten Ärgernisse aller Art. Doch sein Widerwillen gegen das Christentum war so groß, dass er seine wahren Gefühle nicht laut zur Sprache bringen wollte. Schließlich zog er sich enttäuscht in die Einsamkeit zurück. Zu Hause zeigte er sich düster, mürrisch und unruhig: Die Frau, mit der er zusammenlebte, brachte ihn durch ihre allein aus Freude am Lügen vorgebrachten Schwindeleien und ihre unausgesetzten Streitigkeiten zur Verzweiflung. Wenn er mitunter einen Blick in seine eigene Seele warf, fand er sie so schmutzig wie eine Kloake. Er spürte die Notwendigkeit eines höheren Ideals. Er wandte sich Kant zu; doch die voluntaristiche Moral dieses Philosophen enttäuschte ihn. Er begann sich mit dem Buddhismus zu beschäftigen: Die Perspektive eines Nirwana, in dem die Persönlichkeit ausgelöscht wird, ließ ihn recht schnell die Bücher schließen.

«Wenn Gott existiert, welche Chance für mich!»

An einem Junitag im Jahre 1905 las er in den Versen Dantes über den Jubel der Gläubigen im Fegefeuer, die sich sicher waren, nach einer Gerechten Sühne ins Paradies aufgenommen zu werden, und plötzlich wurde er von einem inneren Licht geblendet: Er sah seine Laster wie Kröten im Morast seines Herzens; er fühlte sich ganz und gar von Gewissensbissen und gleichzeitig von unbeschreiblicher Freude durchdrungen. «Was?», sagte er sich, «Der katholische Glaube hätte Recht mit seiner Behauptung, ein Sünder, der bereut und freudig die Sühne für seine Sünden auf sich nimmt, werde des Himmels würdig? Ich könnte mich von meinen Verfehlungen reinwaschen und gerettet werden? Doch dann. Das bedeutet doch, dass Gott existiert!... Oh! Wenn Gott existiert, welche Chance für mich!» Aber bald danach meldete sich eine trügerische Stimme in ihm, die ihm zuflüsterte: «All das ist nur Literatur. Du weißt sehr wohl, dass der Katholizismus nur eine wurmstichige Fabel ist!...» Er kehrte nach Hause zurück. Seiner streitlustigen Lebensgefährtin antwortete er mit keinem Wort. Sie war darüber ganz verblüfft! Man hätte glauben können, dass Adolphe, von der Gnade gerührt, im Begriff war, seine Haltung zu ändern. Am Nachmittag desselben Tages jedoch, als ihm ein Freund seine religiösen Sorgen eröffnete, machte sich Retté in seiner Antwort über den katholischen Glauben lustig und bedachte die Selige Jungfrau Maria mit verächtlichen Sprüchen. Bald danach wurde er sich mit Schrecken bewusst, dass ein böser Geist ihn gegen sein Gewissen hatte sprechen lassen; er wagte es indessen nicht, seine Worte dem Freund gegenüber zurückzunehmen.

Am folgenden Tag ließ er beim Spazierengehen alle Irrtümer, an die er geglaubt hatte, Revue passieren lassen. Sie stürzten nacheinander in sich zusammen, und er rief: «Was bleibt mir jetzt?» Eine innere Stimme antwortete: «Gott». Er lehnte sich an den Stamm einer Eiche und überlegte weiter: «Warum sind wir in die Welt gesetzt worden? Hundert Religionen haben versucht, dieses Problem zu lösen. Sie haben sich je nach den Umständen und vor allem je nach den Launen des menschlichen Geistes gewandelt. In dieser ewigen Unbeständigkeit ist die katholische Kirche unbeweglich geblieben. Und das dauert schon neunzehnhundert Jahre. Da die Kirche also sich nie verändert hatte, müssen ihre Einheit und ihre Beständigkeit einen übermenschlichen Grund haben, denn die sich selbst überlassene Menschheit ist immer in Veränderung begriffen. Zudem sind die Gebote ihrer Moral heilsam, und wenn wir sie befolgen würden, so würden wir sicherlich mehr taugen. Die Kirche muss im Besitz der tröstlichen und rettenden Wahrheit sein. Gott existiert also.!» Da fiel Adolphe zum ersten Mal seit seinem fünfzehnten Lebensjahr auf die Knie und betete: «Mein Gott, da du existierst, komm mir zu Hilfe!»

Er hätte nun einen Priester aufsuchen müssen, doch diese Aussicht erschreckte ihn. Genau in diesem Augenblick kam ein älterer Priester nicht weit von ihm entfernt den Weg entlang und las in seinem Brevier. Retté hörte, wie er die Worte aussprach, die der heilige Evangelist Johannes über Christus sagte: Und der Logos wurde Fleisch und wohnte unter uns (1, 14). Adolphe wiederholte immer wieder in sich: Und der Logos wurde Fleisch und wohnte unter uns. Die Heilige Dreifaltigkeit hatte seinem Geist das anbetungswürdige Mysterium der Fleischwerdung eingeprägt. «Ich begann bei allen Gelegenheiten zum lieben Gott zu beten, wenn ich durch moralische Schmerzen sowie durch materiellen Ärger beeinträchtigt war», schrieb er. «Ich kann bestätigen: Es ist nie vorgekommen, dass ich nicht erhört worden bin. Das geschah nicht immer so, wie ich es erwartet hätte; doch es war immer zu meinem größten Wohl.»

«Es gibt einen freien Willen»

Wenn es mitunter schon den Christen schwerfällt, den Zustand der Gnade zu bewahren und Versuchungen zu widerstehen, was soll man dann von einem Menschen sagen, der im Begriff ist, sich zu bekehren, und dabei weder das Sakrament der Buße noch die heilige Eucharistie hat! Adolphe machte diese Erfahrung in einem immer heftiger werdenden geistigen Kampf. Er unterschied drei Arten von Gedanken in seiner Seele. Zunächst seine eigenen Gedanken: Das sind «Überlegungen, bei denen man mit sich selbst spricht, bei denen man das Für und Wider einer Entscheidung, die man fällen muss, abwägt und seine Gefühle und Empfindungen analysiert.» Doch er vernahm auch innere «Stimmen», ohne sie mit den Ohren zu hören, «die einen getröstet oder traurig zurücklassen, je nachdem, ob die Stimme vom guten oder vom bösen Geist ausgeht. Keine Theorie menschlichen Ursprungs kann dieses Phänomen erklären. Ach! Dann wird man sich bewusst, dass es einen freien Willen gibt. Denn es bleibt der von diesem Konflikt gebeutelten Seele gänzlich überlassen, ob sie sich der einen oder der anderen der kriegführenden Parteien unterwirft.»

Die Eingebungen, die vom Teufel kommen, erzeugen in der Seele Finsternis, Verwirrung, Unruhe und Versuchungen, die sie zum Misstrauen anstiften, sie ohne Hoffnung und ohne Liebe, traurig, matt und faul zurücklassen, als wäre sie von ihrem Schöpfer und Herrn abgeschnitten (Vgl. Geistliche Exerzitien des heiligen Ignatius, Nr. 317). Der Teufel sprach zu Adolphe: «Wenn Gott zulässt, dass du in der Trostlosigkeit eingemauert bleibst, dann nur, um dir zu zeigen, dass du dir nichts mehr von Ihm erhoffen darfst. Sünder deines Schlags können sich nicht loskaufen. Nimm deine Gewohnheiten wieder auf. Da Gott dich zurückweist, da deine Existenz zu einer ständigen Qual geworden ist, ist das Beste, was du tun kannst, dich in den Tod zu flüchten. Benimm dich wie ein Mann; gib zu, dass für dich alles vorbei ist: Spring ins Schwarze.» Umgekehrt wurde er vom guten Engel getröstet; dieser verlieh ihm Mut und Kraft und sandte ihm gute Eingebungen (vgl. Ibid. 315): «Die Barmherzigkeit Gottes ist unendlich dem gegenüber, der bereut. Hoffe und bete; nimm standhaft diese Erprobung hin, sie ist notwendig. Geh, demütige dich, fürchte nichts, du wirst erhört.» Unter diesem wohltuenden Einfluss spürte Retté, wie sein Vertrauen wieder erwachte: «In diesen Augenblicken kam ein großer Frieden über mich; ich dachte in sehr sanfter Weise an Gott und begann zu beten.»

«Ich kann nicht, ich habe Angst.»

Während eines Spaziergangs im Wald von Fontainebleau bemerkte er am Gipfel eines Felsens einen kleinen, von einer Statue unserer Lieben Frau der Gnade überragten Betplatz. Ohne zu zögern, kletterte er den Felsen hoch und flehte zu Maria: «O du, die ich noch nicht angerufen habe, bitte deinen göttlichen Sohn, er möge mir eingeben, was ich tun muss.» Eine überaus sanfte Stimme antwortete ihm im Grunde seines Herzens: «Geh zu einem Priester. Beichte und trete in die Kirche ein.» Vor dieser Aussicht sträubte er sich: «Ich kann nicht, ich habe Angst, mich auf diese Weise auszuliefern.»

In dieser Zeit etwa trennte sich Adolphe von seiner Lebensgefährtin. Doch bald griff ihn der Teufel erneut heftig an und erinnerte ihn, um ihn zur Verzweiflung zu treiben, an die vielen Bücher und Artikel, in denen er mit vollen Händen Gotteslästerungen gesät hatte. Eines Abends legte sich Adolphe erschöpft von diesen Angriffen des bösen Geistes ins Bett, konnte jedoch keinen Schlaf finden. Ein weiterer Kampf gegen den Teufel ließ ihn ganz in Schweiß geraten. «Plötzlich», schrieb er später, «hörte ich, ja ich hörte – ich schwöre es bei meinem ewigen Heil – die wohlbekannte sanfte Stimme, die mir zurief: ,Gott! Gott ist da!' Von der Gnade wie vom Blitz getroffen fiel ich auf die Knie und in derselben Minute glaubte ich im Inneren meines Selbst das Bild unseres Herrn Jesus Christus am Kreuze zu sehen, der mir mit einem unbeschreiblichen Ausdruck der Barmherzigkeit zulächelte. Ein großer Frieden trat in meine Seele. Schon im nächsten Morgengrauen kehrte er zur Statue der Heiligen Jungfrau zurück, um ihr zu danken.

Ein tröstendes Lächeln

Bald danach fuhr er nach Paris und bat einen seiner Freunde, ihm einen Priester zu nennen, «denn ich kann nicht mehr allein weitergehen. Ich brauche einen Beistand.» Voller Freude verwies ihn dieser an einen Kaplan der Pfarrei von Saint-Sulpice, von dem er noch am gleichen Tag empfangen wurde: «Die Schlichtheit seiner Begrüßung ließ mich vollstes Vertrauen fassen», schrieb Adolphe, «so dass ich keinerlei Schwierigkeit hatte, ihm mein Leben nachzuzeichnen. Dann fragte ich ihn ganz ängstlich: ,Glauben Sie, Herr Pfarrer, dass ich jetzt gerettet werden kann?' Sein Gesicht wurde von einem gütigen Lächeln erleuchtet: ,Mein lieber Freund' die Sache ist zu drei Vierteln getan. Sie bereuen; Sie haben Tränen über ihre Sünden geweint. Seien Sie sicher, dass Sie dort oben erhört worden sind. Mir bleibt nichts anderes zu tun, als Sie über die wesentlichen Wahrheiten unseres heiligen Glaubens zu belehren. In einigen Tagen können Sie eine Generalbeichte ablegen und zur Kommunion gehen. Und Sie werden sehen, alles wird gut gehen.' Ich war verblüfft, denn ich hatte die Vorstellung, dass lange Monate vergehen müssten, bevor man mich für der Sakramente würdig befinden könnte, fest in meinem Kopf verankert.» Der Pfarrer sagte zum Schluss: «Bedanken Sie sich bei der Seligsten Mutter Gottes.»

Nach Beendigung des Gesprächs sagte der Priester seinem Pönitenten: «Gehen Sie in Frieden, mein lieber Sohn. Vertrauen und Gebet: Darin ist alles.» Adolphe war ganz versonnen und glücklich, die richtige Entscheidung getroffen zu haben: «Wer hätte mir gesagt, dass das so einfach werden würde, dachte ich mir. Jetzt muss ich mich nur noch führen lassen, dachte ich schließlich, als ich mich ins Bett legte. Uff, welche Erleichterung!... O du Mutter meines Gottes, ich gebe mich ganz in deine Hände. Dann machte ich das Zeichen des Kreuzes über mich und hatte einen so friedlichen Schlaf, wie ich ihn seit vielen Tagen nicht gekannt hatte.»

Eine Ernte, die sich entfaltet

An den folgenden Tagen widmete sich Adolphe dem Studium des Katechismus und machte eine Bestandsaufnahme seiner Sünden, über deren Zahl und Schwere er erschrocken war; er war jedoch bei dem Gedanken beruhigt, dass er bald von diesem Schmutz befreit würde. «Ich fühlte mich von einer ganz heilsamen Reue durchdrungen. Das war eine Mischung aus Scham über meine Verfehlungen und aus stechender Reue darüber, dass ich so viele Jahre lang mitgeholfen habe, das erlösende Lamm wieder ans Kreuz zu heften.»

An dem für seine Beichte festgesetzten Tag suchte Adolphe den Priester auf, der ihn belehrt hatte. «In dem Maße, in dem ich meine Sünden gestand», schrieb er, «schien mir unser Herr selbst dort anwesend zu sein. Mir schien, er pflückte mit zärtlicher und zugleich gebieterischer Hand die Sünden von meiner Seele und löste sie in Staub auf. Gleichzeitig spürte ich, wie meine arme, durch die Last der Sünde ganz niedergedrückte Seele sich allmählich wieder aufrichtete und schließlich ihre aufrechte Haltung wiedergewann. Als ich geendet hatte, als der Priester über mir die Absolutionsformel gesprochen hatte, erhob ich mich. Er öffnete mir die Arme, und ich warf mich tränenüberströmt hinein. Wir waren gewiss beide gleichermaßen gerührt. Wir plauderten noch einige Minuten, dann zog ich mich zurück. Ganz beschwingt lief ich auf die Straße. Ich sagte mir: 'Man hat mir vergeben, welches Glück!' Mir schien, ich wäre um zehn Jahre jünger geworden. Am nächsten Morgen bereitete ich mich auf die Kommunion vor. Ich empfand eine friedvolle Freude und bewunderte, bis zu welchem Punkt die Hindernisse geschrumpft waren. In dem Maße, wie der Moment der Kommunion näherkam, fühlte ich mich durch den Schwung der Anbetung emporgehoben. Weder die raffiniertesten Sinnesfreuden noch die geistige Trunkenheit durch die Kunst und die Poesie kommen an diese Extase heran, in der die sich mit Gott vereinende Seele ganz dahinschmilzt. Bei meiner Danksagung kostete ich den strahlenden Frieden, der in mir herrschte, voll und ganz aus.» Wir befinden uns im Jahre 1906; Adolphe war 43 Jahre alt.

Gott zeigen

Jede Bekehrung ist eine einzigartige Geschichte. Im Falle Rettés hatte die Herrschaft der Laster solche Ausmaße angenommen, dass das Übel unheilbar erscheinen mochte. Sein Beispiel ist ein außerordentlicher Beweis für die unendliche Barmherzigkeit Gottes und für die Allmacht der Gnade. Es zeigt den universellen Charakter der Erlösung durch Christus, bei dem alle, selbst die größten Sünder Heil und Frieden finden können. Der heilige Benediktus ermahnt uns, «nie an Gottes Barmherzigkeit zu verzweifeln. Denn in seiner Güte sagt der Herr: Ich habe kein Gefallen am Tod des Schuldigen, sondern daran, dass er umkehrt und am Leben bleibt (Ez 18, 23)» (Regel, Kap. 4 und Vorwort). Der Weg Adolphe Rettés führte vom Falschen zum Wahren, von der Sünde in den Zustand der Gnade, von der Gotteslästerung zum Gebet.

Bald nach seiner Erstkommunion zog sich Adolphe in die Einsamkeit zurück und teilte seine Zeit zwischen Gebet und dem Schreiben seines Buches Vom Teufel zu Gott auf, dem Ausgangspunkt einer neuen Tätigkeit, die er folgendermaßen definierte: «Gott meinen Zeitgenossen zeigen». Von 1907 bis zu seinem Tod 1930 verfasste er etwa zwanzig Bände, in denen er seine Leser einlud, unter den Augen Gottes in großherziger Vereinigung mit Christus in dessen Passion zu leben. Er selbst schöpfte Kraft in Jesus als Hostie: «Heilige Eucharistie, wie sind die Unwissenden und Fehlgeleiteten zu beklagen, die deine Tugenden verkennen!», schrieb er. «Für mich weiß ich, dass du die Quelle alles Guten bist, der Brunnen der Hoffnung und der Kraft, aus dem in den Tagen der Traurigkeit und der Entmutigung die Seele Trost und Freude schöpft.» Um seine Liebe zur Gottesmutter und seine Bindung zur Kirche zum Ausdruck zu bringen, fand er einfache, zu Herzen gehende Worte. Seine Werke brachten ihm reichliche Zuschriften ein. Unter seinem Einfluss schlugen wieder unzahlbare Menschen den Weg zum Himmel ein. Seine Bekehrung war weit davon entfernt, eine bloß persönliche Wandlung zu sein, sie hatte apostolischen Charakter, denn unser Heil wird wahrlich nur bewirkt, wenn wir auch am Heil der Anderen arbeiten.

Doch nach einem so stürmischen Leben war eine ständige Anstrengung zur Selbstkasteiung nötig, um dem Evangelium treu zu bleiben. Adolphe war nach wie vor physisch schwach und litt viel. «Mit einundsechzig Jahren», schrieb er 1924, «bin ich ein verbrauchter Mann, der viel gelitten und enorm viel gearbeitet hat und nun beginnt abzubauen. Zudem bezahle ich die Rechnung für die Exzesse meiner verrückten Jugend.»

Er starb in Beaune (Burgund) am 8. Dezember 1930, dem Fest der Unbefleckten Empfängnis Mariens. Sein Grabstein trägt die Inschrift aus dem Psalm 70: In te Domine speravi. Auf dich, Herr, habe ich gehofft. Diese Hoffnung wurde nicht enttäuscht. Wir beten zum heiligen Josef, eine solche Hoffnung möge auch uns über die stürmischen Wogen unseres Lebens bis in den Hafen der ewigen Seligkeit begleiten.

Dom Antoine Marie osb

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