Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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23. Oktober 2000
Unsere Liebe Frau, Mutter der heiligen Hoffnung


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Heutzutage wird das Thema der Würde des Menschen oft angesprochen. Doch man vergisst zu oft, dass die Größe des Menschen in dessen göttlicher Berufung liegt. Gott, der in sich unendlich vollkommen und glückselig ist, hat den Menschen aus reiner Güte erschaffen, um ihn an seinem Leben der Liebe ewig teilhaben zu lassen. Diese innige und lebenswichtige Beziehung, die den Menschen mit Gott vereint, wird von vielen unserer Zeitgenossen verkannt oder geleugnet; sie organisieren ihr Leben, als würde Gott nicht existieren, oder leugnen sogar seine Existenz (Atheismus).

Der Atheismus widerspricht der Vernunft und der gemeinsamen Erfahrung. Die katholische Kirche lehrt, dass die Würde des Menschen schwerwiegend herabgesetzt wird, wenn die Unterstützung durch den Glauben an Gott und die Hoffnung auf das ewige Leben fehlen; das Rätsel um Leben und Tod sowie das Rätsel um Schuld und Leid bleiben unlösbar: So fallen die Menschen nur zu oft der Verzweiflung anheim. Die Kirche weiß, dass ihre Botschaft der Wahrheit und dem geheimen Grund des menschlichen Herzens entspricht, dass sie denen, die an die Größe ihrer Bestimmung nicht mehr zu glauben wagen, wieder Hoffnung schenkt; außer dieser Botschaft kann das Herz des Menschen durch nichts erfüllt werden: «Du hast uns für Dich gemacht, Herr, und unser Herz kennt keine Rast, bis es seine Ruhe findet in Dir» (Heiliger Augustinus).

Eine diskrete, aber lebenswichtige Gegenwart

Gegen den Atheismus behauptet die Kirche, dass der Mensch dank des natürlichen Lichts seiner Vernunft durch Überlegungen auf der Grundlage der geschaffenen Dinge mit Sicherheit die Existenz Gottes, des Ursprungs und Ziels aller Dinge, erkennen kann (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 36). Die Welt und der Mensch bezeugen nämlich durch ihre vergängliche Beschaffenheit und ihre Grenzen, dass sie weder ihren ersten Ursprung noch ihr letztes Ziel in sich selbst haben. Es gibt also notwendigerweise eine Wirklichkeit, die die erste Ursache und der letzte Zweck von allem ist: das Wesen ohne Ursprung und ohne Ziel, das man Gott nennt. Doch der heutige Mensch lässt sich durch gelebte Zeugnisse oft eher anrühren als durch dogmatische Ausführungen; deshalb sind lebendige Vorbilder, insbesondere aus den Reihen der kontemplativ Lebenden, mitunter ein wirksameres Mittel gegen den Atheismus. Es ist also wichtig, «das Charisma und die spezifische Rolle der Kontemplativen anzuerkennen, ihre diskrete aber vitale Gegenwart, ihr stilles Zeugnis, das einen Appell zum Gebet und zur Wahrheit der Existenz Gottes darstellt» (Instruktion des hl. Stuhls Verbi sponsa, 13. Mai 1999, Nr. 8).

Am 10. Mai 1998 sprach Papst Johannes-Paul II. Mutter Maravillas de Jésus, eine 1974 verstorbene Karmelitin, selig, die «von einem heroischen Glauben beseelt gelebt hat, in der Antwort auf eine asketische

Berufung, indem sie Gott in den Mittelpunkt ihrer Existenz stellte. Ihr Leben und ihr Tod sind eine beredte Botschaft der Hoffnung für die Welt, die so sehr Werte benötigt und die so oft durch Hedonismus, Leichtfertigkeit und ein Leben ohne Gott in Versuchung geführt wird» (Seligsprechungspredigt).

Maravillas wurde am 4. November 1891 in Madrid geboren. Ihre Mutter, die sich durch ihre Nächstenliebe, ihre Besonnenheit und ihren lebendigen Verstand auszeichnete, hegte eine große Verehrung für unsere Liebe Frau «de las Maravillas» (der Wunder). Ihr Vater, der Marquis von Pidal, war der Botschafter Spaniens beim Heiligen Stuhl. Bereits im Alter von 5 Jahren war Maravillas durch das Vorbild der heiligen Agnes, die sich durch ihr Keuschheitsgelübde ganz und gar Christus geweiht hatte, so gerührt, dass sie beschloss, ebenso zu handeln. Dieses «Keuschheitsgelübde» war die Frucht einer besonderen Gnade Gottes. 1939 schrieb Mutter Maravillas an ihren Beichtvater: «Die Gnade der Berufung habe ich zugleich mit dem Gebrauch meiner Vernunft empfangen, und ich vernahm den Ruf des Herrn so klar, dass ich damals ebenso entschlossen war, Ordensfrau zu werden, wie ich es heute bin; ich habe nicht den geringsten Schatten eines Zweifels in dieser Hinsicht gehabt während meines ganzen Lebens.»

Doch das Kind war nicht vollkommen, und es bekam nur zu gern Komplimente. «Eines Tages», berichtete Maravillas, «war ich mit einigen Menschen zusammen, deren Urteil ich sehr schätzte, da ich wusste, dass es für mich in jeder Weise vorteilhaft war; als ich sie verließ, erfreute ich mich an diesen Gedanken; da hörte ich plötzlich deutlich eine Stimme in mir: ,Und ich, ich bin für dumm verkauft worden'. Diese Worte Jesu machten einen solchen Eindruck auf meine Seele, dass sich von da an all diese eitlen Wünsche gewandelt haben und ich mir seither lebhaft wünsche, verachtet zu werden.» Man darf Maravillas deshalb jedoch nicht für ein melancholisches junges Mädchen halten; im Gegenteil, sie sprühte vor Freude und liebte lebhafte, d.h. ungestüme und gefährliche Spiele. Wenn sie mit ihrem Bruder und ihrer Schwester den gemeinsamen Schlachtruf «Auf in den Krieg!» hören ließ, erzitterte das ganze Haus.

Am 19. Dezember 1913 starb der Marquis von Pidal. Maravillas blieb die einzige moralische Stütze für die Mutter. Doch sie brannte förmlich darauf, in den Karmel einzutreten. Wann konnte das bewerkstelligt werden? Eines Tages im Jahre 1918 wurde Maravillas bei einem Spaziergang plötzlich von der Mutter gefragt: «Hör mal, Maravillas, denkst du immer an dieselbe Sache?» Da offenbarte ihr Maravillas ihren Wunsch, Karmelitin zu werden. Der Karmel! Frau von Pidal hätte sich nie ein so hartes Leben für ihre Tochter vorgestellt; doch sie willigte ein. So trat Maravillas am 12. Oktober 1919 in das Karmelitinnenkloster von Escorial in der Nähe von Madrid ein.

Von der Begeisterung zur Hingabe

Im gleichen Jahr 1919 wurde von König Alfonso XIII. auf dem Engelshügel, dem geographischen Mittelpunkt Spaniens, vierzehn Kilometer von Madrid entfernt, eine Monumentalstatue des Heiligsten Herzens Jesu, des göttlichen Königs und Beschützers des spanischen Volkes, eingeweiht. Der Zustrom und die Frömmigkeit der Leute waren zunächst beeindruckend. Doch in den folgenden Monaten wurde das Denkmal immer mehr vernachlässigt und verwandelte sich in einen öden, von Unkraut überwucherten Platz.

Bald nach ihrem Noviziat vernahm Schwester Maravillas die Stimme des Herrn, der sie dazu drängte, auf dem Engelshügel ein Karmelitinnenkloster zu gründen: «Ich will, dass ihr, du und die anderen von meinem Herzen erwählten Seelen, mir hier ein Haus baut, in dem ich mich meinen Wonnen hingeben werde. Mein Herz muss getröstet werden. Ich will, dass dieses Karmelitinnenkloster der Balsam zum Verbinden der durch die Sünder in mir aufgerissenen Wunden sei. Spanien wird durch das Gebet gerettet.» Schwester Maravillas vertraute sich Mutter Josefa an, der Gründerin des Karmels von Escorial. Diese staunte sehr, als kurze Zeit später Mutter Rosario de Jésus, die Subpriorin, zu ihr kam und ein ähnliches Geständnis machte. Angesichts dieses doppelten Rufes des Herrn holte sich Mutter Josefa im Einvernehmen mit der Priorin bei umsichtigen Priestern Rat. Alle gaben ihre Zustimmung zu dem Projekt, das auch vom Bischof von Madrid mit großem Interesse aufgenommen wurde. Am 19. Mai 1924 ließen sich die ersten vier für die Gründung bestimmten Schwestern in einem kleinen Haus in Getafe, ganz nahe beim Hügel, nieder und warteten auf die Erbauung des neuen Klosters. Am 30. legte Schwester Maravillas dort ihr ewiges Gelübde ab. Bald danach wurde sie trotz ihres Widerstrebens zur Oberin ernannt. Sie, die die Letzte sein wollte, blieb 48 Jahre lang Oberin.

Wenn eine Postulantin in den Karmel eintrat, fand Mutter Maravillas rasch heraus, ob sie eine echte Berufung hatte: Schon in den ersten Wochen merkte sie, ob die Postulantin trotz des Schmerzes über die Trennung von ihrer Familie jene innere Freiheit empfand, die für die Augen derer, die sie nicht erleben, unbegreiflich ist. Einfach und natürlich, flößte Mutter Maravillas so viel Vertrauen ein, dass man ihr alles sagte; und zwei Worte ihrerseits genügten, um alle Sorgen gänzlich in Hoffnung und Freude zu verwandeln. Sie führte die Novizinnen auf den Weg des kontemplativen Lebens, wie es von der heiligen Teresa von Avila in ihren Schriften, insbesondere im Weg der Vollkommenheit, gelehrt wurde. «Darin ist alles gesagt, und so gut gesagt!», pflegte sie zu bemerken.

Das kontemplative Leben im Kloster erscheint unseren Zeitgenossen oft als unnütz. Warum soll man sich hinter Mauern und Gittern einschließen, wenn so viele karitative Werke hingebungsvolles Personal brauchen? Sind die Beschränkungen, die die Klausur mit sich bringt, keine Hindernisse für die menschliche Freiheit? Ziehen sich die kontemplativen Orden nicht in eine egoistische spirituelle Bequemlichkeit zurück, die ihr Leben steril macht? Solchen Einwänden hält die Kirche entgegen, dass das kontemplative Leben eine einzigartige Gnade und ein kostbares Geschenk der Heiligkeit ist, ein Zeichen der Vereinigung der Braut Kirche mit ihrem über alles geliebten Herrn (Vgl. Johannes-Paul II., Apostolisches Schreiben Vita consecrata, 25. März 1996, Nr. 59).

Du wirst lieben

Die Überlieferung verbindet das kontemplative Leben mit dem Gebet Jesu an einem einsamen Ort. Der stets mit seinem Vater vereinte Sohn Gottes wollte besondere Momente der Einsamkeit und des Gebets haben. Der Heilige Geist lädt die Nonne als Braut des fleischgewordenen Wortes ein, die Einsamkeit Jesu Christi zu teilen und ganz besinnlich mit Ihm in Gott zu leben. So befolgt sie in einem herausragenden Ausmaß das erste Gebot: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen, aus deiner ganzen Seele, aus deiner ganzen Kraft und aus deinem ganzen Denken (Lk 10, 27). Sie strebt nach vollkommener Liebe an, indem sie Gott zum einzig Notwendigen erwählt und indem sie ihn in ausschließlicher Art und Weise liebt. Gott liebt die Menschen mit der Liebe eines Verlobten für seine Verlobte. Der Sohn Gottes erscheint als der Bräutigam und Messias, gekommen, um die Hochzeit Gottes mit der Menschheit zu vollziehen (vgl. Mt 22, 1-14). Die Berufung der Klosterschwestern zur Klausur bringt ganz speziell diesen Brautcharakter der Kirche zum Ausdruck. Ihr Leben erinnert alle an die grundlegende Berufung des Menschen zur Begegnung mit Gott, die ihre Vollendung erst im Himmel erreichen wird.

Damit die Ordensfrau in Anbetung und Lobpreisung einzig und allein mit Gott leben kann, muss sie notwendigerweise von jeder Bindung, von jeder Unruhe und von jeder Zerstreuung frei sein. Das ist der Sinn der Klausur. Indem diese die Gelegenheiten zum Kontakt mit der Außenwelt beschränkt, schaltet sie zu einem großen Teil die Ablenkung durch eine Vielzahl von Bildern nicht nur als Quelle profaner Gedanken und eitler Wünsche aus, sondern auch als Quelle von Informationen und Emotionen, die vom einzig Notwendigen ablenken. Dank der Klausur verbleibt die Ordensfrau in einem Klima des Friedens und der heiligen Einheit mit dem Herrn und mit den anderen Schwestern. So konnte Papst Johannes-Paul II. am 7. März 1980 sagen: «Die Klausur aufgeben, hieße, das Spezifischste in einer der Formen religiösen Lebens zu opfern, durch die die Kirche die Vorherrschaft der Kontemplation vor der Aktion, des Ewigen vor dem Zeitlichen offenkundig macht.»

Die Klausur fördert auch die tiefe Vereinigung mit der Passion und der Auferstehung Christi. Da sie sich für einen begrenzten Lebensraum entscheiden, nehmen die in Klausur Lebenden an der Selbstverleugnung Christi Anteil, und zwar durch eine Armut, die durch den Verzicht nicht nur auf materielle Dinge, sondern auch auf Raum, auf menschliche Beziehungen und auf viele Güter zum Ausdruck kommt. Das Leben in der Klausur erscheint so als frohe Verkündigung der jeder Person angebotenen Möglichkeit, einzig und allein für Gott in Christus Jesus zu leben (vgl. Röm 6, 11).

Eine seltsame Frage

Obwohl sie physisch von der Welt getrennt sind, tragen die kontemplativen Orden nichtsdestoweniger die Leiden aller in ihrem Herzen und in ihrem Gebet. Durch diese ständige Fürbitte wird ihr Leben übernatürlich ergiebig an Früchten der Gnade für das Heil der Seelen. Das Beispiel von Mutter Maravillas kann uns helfen, das zu verstehen. 1931 begannen die sozialen Unruhen, die später in den Bürgerkrieg mündeten: In Madrid wurden Klöster und Kirchen in Brand gesteckt. Trotz der Gefahren führte die Gemeinschaft gelassen ihr Leben weiter, wobei allerdings intensiver gebetet und mehr Opfer gebracht wurden. «Wenn man mich fragt, ob wir besorgt sind, ob wir Angst haben, kommt mir das so seltsam vor!», schrieb Mutter Maravillas. «Ich finde, dass das, was uns selbst passieren kann, von so geringer Bedeutung ist und dass allein der Ruhm Gottes zählt ... So viele Verstöße gegen Gott zu sehen, kränkt mich bis ins Innerste meiner Seele; dann entbrennt im Grunde meines Selbst eine stille Liebe im Verborgenen, aber so stark, dass sie manchmal unwiderstehlich erscheint.»

Am 1. Mai 1936 versuchte eine bewaffnete Bande, das Kloster zu stürmen, indem sie die Wände hochkletterte. Der Bürgermeister von Getafe beeilte sich, die Karmelitinnen davon zu benachrichtigen. Mutter Maravillas empfing ihn im Sprechzimmer. Dieser Mann mit dem Beinamen «der Russe» war ein militanter Kommunist. Die Oberin blieb so gelassen und geistesgegenwärtig, dass er beeindruckt war; danach half er den Schwestern, so gut er konnte. Bald kam es zu Gefechten auf dem Hügel. Unter Granatenfeuer und Maschinengewehrsalven kam die Nachricht von der Verhaftung und vom Tod vieler Ordensleute. Mutter Maravillas schlug ihren Töchtern vor, sie sollten sich bei ihren Familien in Sicherheit bringen. Doch alle blieben ohne zu zögern im Kloster und nahmen die Gefahr des Märtyrertodes auf sich. Am 22. Juli wurde den Karmelitinnen von der Miliz (Name einer bewaffneten Gruppe) befohlen, den Hügel zu verlassen. Sie wurden von den Ursulinen von Getafe mit offenen Armen empfangen. Durch eine Dachluke konnten sie den Hügel sehen: Die Milizionäre warfen mit Hilfe eines Krans die Statue des Heiligsten Herzens um und stießen dabei entsetzliche Lästerungen aus. Die Nonnen litten sehr, doch sie bewahrten ihre Ruhe.

Durch die Milde besänftigt

Die «Ehrenwache» der Karmelitinnen beim Denkmal des Heiligsten Herzens hatte nun keinen Daseinsgrund mehr, so flüchteten diese nach Madrid. Dort konnten sie dank eines versteckten Priesters und frommer Laien von Zeit zu Zeit die Eucharistie empfangen. Eines Abends kamen Männer, um bei den Schwestern eine Hausdurchsuchung zu machen. Der Anführer stellte sich vor Mutter Maravillas und richtete seine Pistole auf sie. Dieser Mann, der wie ein wildes Tier hereingestürmt war und später zugab, mehr als zweitausend Personen in einem Geheimversteck umgebracht zu haben, wurde nach und nach vom Frieden und von der Güte der Mutter überwältigt; schließlich sagte er: «Mutter, Mutter! Sie und ich, wir können uns nicht böse sein.» Und alle zogen sich zurück, ohne die Schwestern mitzunehmen, wie es im voraus beschlossen worden war.

Bald wurde die Zwangsevakuierung Madrids verfügt. Mutter Maravillas erreichte nicht ohne Mühe, dass die Karmelitinnen nicht voneinander getrennt wurden. Sie gingen nach Frankreich und kamen am 16. September 1937 in Lourdes an. Von Müdigkeit zerschlagen, aber vor Liebe zu Jesus und Maria brennend, blieben sie gerade vierundzwanzig Stunden dort, bevor sie wieder nach Spanien aufbrachen, in die «nazionalistische» Zone, wo die Kirche frei war, in das Kloster von Las Batuecas, nicht fern von Salamanca. In dieser grünen Oase genossen sie eine kostbare Zeit der Erholung. Die Oberin war von Renovierungsarbeiten vor Ort, vom Gebet und von der Sorge um ihre Töchter in Anspruch genommen. Äußerlich fiel an ihr nur ihre Ausgeglichenheit, ihre beständige Gelassenheit und ihre Aufmerksamkeit für alle auf. Doch die Schwestern waren über das Verhalten von Pater Florencio, dem Beichtvater der Gemeinschaft, erstaunt: Obwohl er allen gegenüber voller Milde und Entgegenkommen war, zeigte er sich Mutter Maravillas gegenüber eher hart, mitunter sogar ausgesprochen unangenehm. Der Grund für diese Haltung wurde erst nach dem Tode von Mutter Maravillas durch deren Briefe und Aufzeichnungen offenbart, die der Pater wie einen Schatz aufbewahrt hatte. Da es sie danach dürstete, wie Jesus zu leiden, an seiner Passion sowie an den schmerzhaften Demütigungen teilzuhaben, die Er für unser Heil erlitten hatte, schrieb sie an ihren Beichtvater: «Ich schreibe Ihnen heute, um sie von ganzem Herzen um die Liebe Gottes willen zu bitten, Sie möchten die größtmögliche Strenge mir gegenüber walten lassen, Sie möchten mir nie geben, was ich wünsche, Sie möchten mich verächtlich behandeln vor den Schwestern und auch in ihrer Abwesenheit, Sie möchten mir von allem das Bitterste geben ... Ich habe brennenden Durst nach all dem!»

1939, nach Beendigung des Bürgerkrieges, kam die Rückkehr auf den «Engelshügel». Das Denkmal war zerstört, das Kloster unbewohnbar. Doch die Oberin und einige Schwestern ließen sich trotz allem dort nieder. Auf Bitten des örtlichen Bischofs blieb eine Gruppe von Karmelitinnen in Las Batuecas zurück: Die sich daraus ergebende Trennung schmerzte die Schwestern, doch alle schickten sich guten Mutes in den durch den Nachfolger der Apostel geäußerten Willen Gottes. Der Frieden brachte als Frucht der in den schwierigen Jahren dargebrachten Leiden ein außergewöhnliches Aufblühen von Berufungen mit sich. Es wurden von Mutter Maravillas in einem erstaunlichen Rhythmus Karmelitinnenklöster gegründet: zunächst Mancera de Abajo (1944), dann Duruelo (1947) an einem durch den heiligen Johannes vom Kreuz geheiligten Ort; dann kamen Arenas de San Pedro (1954), San Calixto (1956), Aravaca in der Nähe von Madrid (1958) und La Aldehuela (1961), ohne die Wiederherstellung der Klöster «Incarnación de Avila» usw. mitzurechnen.

Von 1961 an lebte Mutter Maravillas de Jésus gewöhnlich zurückgezogen im Kloster La Aldehuela. Die viele Arbeit hatte sie verbraucht, und am 7. November 1962 erlitt sie einen ersten Herzanfall. Sie erholte sich zwar gut davon, doch ihr Organismus blieb geschwächt. Paradoxerweise schien sich ihre Tätigkeit im Dienste des Nächsten in dem Maße zu intensivieren, wie ihre physischen Kräfte nachließen. An ihrem Arbeitstisch oder im Sprechzimmer sitzend verausgabte sie sich rückhaltlos für alle: Sie half mehreren weiblichen wie männlichen Mitgliedern des Karmel, ermutigte Seminaristen in ihrer Berufung, regte Kolleggründungen an und unterstützte Hilfsbemühungen für ein armes Wohnviertel; kurz vor ihrem Tode brachte sie die notwendigen Mittel für die Errichtung einer Klinik für kranke Schwestern aus kontemplativen Orden zusammen und vereinte ihre Klöster in einem Verband zur gegenseitigen geistigen und materiellen Unterstützung.

Ein überfließendes Leben

Die Werke von Mutter Maravillas waren wie ein Überfließen ihres Innenlebens; sie entsprangen ihrer Vertrautheit mit Gott, ihrer Hingabe an seinen Willen. In ihrer charakteristischen Andacht verhandelte sie allein mit Gott, und die Liebe ihres reinen Herzens verlieh ihrer Fürbitte bei Ihm Wirkung. Das Leben im Kloster hilft in der Tat mächtig, die Reinheit des Herzens zu erlangen, durch welche die Mitglieder kontemplativer Orden zur geheimnisvollen Quelle apostolischer Fruchtbarkeit und des Segens für die katholische Kirche und für die ganze Welt werden. «In Wahrheit», schreibt der heilige Johannes vom Kreuz, «ist ein Körnchen reiner Liebe kostbarer vor dem Herrn und von größerem Nutzen für die Kirche als alle anderen Werke zusammen.» Frau Cécile Bruyère (1845-1909), die erste Äbtissin der Nonnen von Solesmes schrieb: «Wenn unsere Augen die unsichtbaren Dinge betrachten könnten, so sähen sie, dass die Seelen einen ihnen angemessenen Einfluss haben: Je mehr sie sich erheben, desto weiter dehnt sich ihr Einfluss aus; ihre Macht vergrößert sich mit einer Energie, die sich aus ihrer Nähe zu Gott ergibt. Ihre Natur ändert sich nicht; doch wie ein Gegenstand sich in dem Maße erwärmt, in dem es sich einem Herd nähert, und auch selbst mit größerer Reichweite strahlt, so verhält es sich auch mit der Seele und ihrer Nähe zum göttlichen Herd» (Das spirituelle Leben und das Gebet). Deswegen soll wan um zahlreiche kontemplative Berufungen beten.

Am 27. Oktober 1972 erlitt Mutter Maravillas einen zweiten Herzanfall. Dank der Pflege ihrer Töchter und ergebener Ärzte lebte sie noch bis 1974 weiter und behielt die Klarheit ihres Geistes, um sich zu orientieren, Ratschläge zu geben und in gewohnter Weise im Gebet zu verharren. Wie ihr ganzes Leben, wie ihre Worte, ihre sanfte und nachdrückliche Art zu handeln, waren auch ihre letzten Augenblicke auf der Erde von extremer Einfachheit, und am 11. Dezember 1974 entschlief sie friedlich im Herrn.

Die selige Mutter Maravillas pflegte gerne zu sagen: «Die einzige Sache, die wir zu tun haben, besteht darin, uns von der überaus liebevollen Vorsehung Gottes lenken zu lassen. Ihr werdet sehen, wie alles gut wird, habt nur großes Vertrauen in den Herrn.» Um diese Gnade für Sie und für alle, die Ihnen teuer sind, beten wir zum heiligen Josef.

Dom Antoine Marie osb

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