Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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19. September 2000
Hl. Januarius


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

«Die Betrachtung des Lebens der Heiligen – mit ihren Kämpfen und ihrem Heldentum – hat zu jeder Zeit viele Früchte in den Seelen der Christen hervorgebracht. Heute noch... bedürfen die Gläubigen in besonderer Weise des Vorbilds dieser heldenhaft der Liebe zu Gott und für Gott den anderen Menschen gewidmeten Lebenswege» (Dokument der Kongregation für den Klerus über den Priester, 19. März 1999). Das Vorbild der Märtyrer ist besonders erleuchtend, wie Papst Pius XI. anlässlich der Kanonisation des heiligen Thomas Morus mahnte: «Wenn wir auch nicht alle dazu berufen sind, unser Blut für die Verteidigung der göttlichen Gesetze zu vergießen, so müssen wir doch alle durch die Übung des evangelischen Verzichts, durch die christliche Kasteiung der Sinne und das fleissige Streben nach Tugend 'dem Wunsche nach Märtyrer sein, um mit ihnen am himmlischen Lohn teilhaben zu können', wie der heilige Basilius ausdrücklich sagte» (19. Mai 1935).

Thomas Morus wurde am 6. Februar 1477 in London geboren. Von seinen Eltern erhielt er eine strenge und aufmerksame Erziehung, der er gelehrig folgte, indem er sich als gehorsam und liebenswürdig erwies. Er wurde sehr früh auf die Sankt-Antonius-Schule in London geschickt. Kaum war er herangewachsen, wurde er auf Bitten seines Vaters in das Haus von Kardinal Morton, dem Erzbischof von Canterbury und Kanzler des Königreichs von England, aufgenommen. Mit seiner Improvisationsgabe, die guten Beobachtungssinn verriet, bezauberte er bei Unterhaltungsveranstaltungen sowohl den Kardinal als auch dessen Gäste.

Mit 14 Jahren ging Thomas zum weiteren Studium nach Oxford. Von berühmten Professoren geschult, machte er rasche Fortschritte, insbesondere im Erlernen der lateinischen und griechischen Sprache, so dass er die Werke der Kirchenväter im Original lesen konnte. Ebenso widmete er sich dem Studium des Französischen, der Geschichte, der Geometrie, der Mathematik und der Musik. Nach zwei Jahren ließ ihn sein Vater, der Anwalt war, nach London zurückkehren, um dort Jura zu studieren. 1501 wurde Thomas selbst Jurist. Vier Jahre lang wohnte er bei Karthäusermönchen in London und führte ein halb religiöses, halb weltliches Leben, wobei er im allgemeinen an den Exerzitien der Mönche teilnahm und sich mit der Theologie vertraut machte. Sein ganzes Leben lang behielt er einen großen Eifer für das Gebet und für die Buße bei. In seinem Beruf als Anwalt, dem jeder habgierige Gedanke fernlag, brachte er die Rechte der striktesten Gerechtigkeit mit denen der freundlichsten Nächstenliebe in Einklang. 1504 wurde er im Alter von 27 Jahren als Abgeordneter ins Parlament gewählt.

Im gleichen Jahr 1504 heiratete er Joanna Colt, ein junges Mädchen von sanftem und schlichtem Wesen. Aus ihrer Verbindung gingen drei Töchter, Margaret, Cecile und Elisabeth, sowie ein Sohn, John, hervor. Thomas führte ein einfaches Leben. Er war umgänglich und neckte gerne, ohne zu verletzen.

Ein aufmerksamer Ehegatte

1511 hatte Thomas den Verlust seiner Frau zu beklagen. Bald verspürte er das Bedürfnis, seinen Kindern eine andere Mutter zu geben und vermählte sich mit Alice Middleton, der Witwe eines Londoner Händlers und Mutter einer zehnjährigen Tochter. Alice, um sieben Jahre älter als Thomas, war eine gute Hausfrau und aufmerksame Familienmutter. Wie Thomas Freund Erasmus von Rotterdam sagte, erwies ihr ihr Gatte «so viele Freundlichkeit, als wäre sie eine ganz junge Frau von erlesenster Schönheit. Er führte sie durch Liebkosungen und gute Worte... Was hätte sie ihm versagen können? Stellen Sie sich vor, dass diese Frau an der Schwelle des Alters ohne von Natur aus Gefallen daran zu haben mit großem Fleiss sich anschickte, Zither, Harfe, Monochord und Flöte spielen zu lernen und machte jeden Tag die von ihrem Mann festgelegten Übungen». Um das Jahr 1524 herum ließ sich die Familie Morus in Chelsea, bei London in einem riesigen und schönen Haus nieder, das über eine eigene Kapelle und eine Bibliothek verfügte. Nie wurde das gemeinsame Abendgebet der Familie versäumt. Während der Mahlzeiten wurde die heilige Bibel vorgelesen. Thomas erklärte dann den darin verborgenen Sinn und schlug anschließend ein weniger ernstes Unterhaltungsthema vor, so dass sich alle angenehm unterhielten.

Thomas lenkte seine Kinder im Studium der Philologie und der Naturwissenschaften. Doch welchen Nutzen hätten sie von der Kenntnis des Lateinischen und

Griechischen gehabt, wenn dieses Wissen sie letztlich mit Hochmut erfüllt hätte? So bat er die Lehrer, seine Kinder zur Demut hinzuführen; denn dann würden sie nur bestrebt sein, «Schätze an Wissen zu erwerben, um sie zur Verteidigung der Wahrheit und zur Ehre des Allmächtigen einzusetzen.» Thomas war zu all dem bereit: «Eher ich ertragen könnte, dass meine Kinder sich dem Müßiggang hingeben», schrieb er an seine Tochter Margaret, «würde ich ungeachtet jeden Schadens, den mein Schiksal dadurch erleiden sollte, dem Hof und den Geschäften den Rücken kehren, um mich einzig und allein euch allen zu widmen, vor allem dir, meine liebe Margaret, die ich so sehr liebe.» Er hatte in der Tat eine besondere Vorliebe für Margaret. Er trug die sorgfältig auf Lateinisch formulierten Briefe, die sie ihm gesandt hatte, stets bei sich.

Wegen der herzlichen Aufnahme, die man bei den Morus fand, wurde ihr Haus das «Heim der Musen», das Heim «aller Tugenden» und «aller Formen der Nächstenliebe» genannt. Die Mildtätigkeit von Thomas kannte keine Grenzen, wie seine häufigen und reichlichen Almosen belegen. Er pflegte abends durch abgelegenste Gegenden zu streifen, um dort verschämte Arme zu finden und ihnen zu helfen. Die Bauern der Nachbarschaft wurden fröhlich und ohne Umstände häufig an seinem Tische bewirtet. Er gründet ein Hospiz, in dem seine Adoptivtochter als Krankenschwester wirkt. Sein Glaube an die Vorsehung war tief. Nachdem er eines Tages erfahren hatte, dass eine seiner Scheunen abgebrannt war, gab er drei Anweisungen an seine Frau: Sie solle «die Hausgemeinschaft zusammenrufen, um Gott zu danken; darüber wachen, dass keiner der Nachbarn unter dem Unglück zu leiden hätte; keine Dienstboten zu entlassen, ohne ihnen vorher einen anderen Arbeitgeber besorgt zu haben».

Warum so viele Kerzen?

Doch Thomas zeichnete sich vor allem durch seine ständige innige Verbundenheit mit Christus aus. Als sich jemand über Akte der Volksfrömmigkeit lustig machte, indem er sagte: «Gott und seine Heiligen sehen also dort so schlecht, dass man sie stets mit Kerzen umgeben muss!», antwortete er: «Hat Christus nicht gesagt, Maria Magdalena würde dafür geehrt werden, dass sie seinen Leib mit Duftöl gesalbt hatte? Man könnte ebensogut fragen: 'Welche Wohltat konnte dieses Duftöl für das Haupt Christi schon bewirken?' Das Beispiel dieser heiligen Frau und die Worte unseres Erlösers zeigen uns, dass Gott Freude daran hat, wenn er sieht, wie die glühende Hitze der Inbrunst im Herzen brodelt und sich nach außen ausdehnt; er liebt es, dass man ihm mit allen Gütern dient, die er dem Menschen geschenkt hatte.» Von der Betrachtung unseres Herrn erhob sich Thomas zur Identifikation mit Ihm und hob den Einfluss Christi auf das ganze Menschengeschlecht hervor. Die Gegenwart des Gottmenschen in der Welt begründete den grundlegenden Optimismus von Thomas, seine Liebe zur Natur, sein Verständnis für die menschliche Schwäche, seine apostolische Dynamik, sein unerschütterliches Vertrauen in das Christentum.

Durch seine Tugenden, sein Wissen und seine Werke, in denen er den Glauben und die Religion gegen die protestantischen Neuerer verteidigte, erwarb sich Thomas überall Wertschätzung, insbesondere bei König Heinrich VIII.. So wurden auch in öffentlichen Angelegenheiten seine Dienste in Anspruch genommen. 1515 war er Teilnehmer einer Gesandtschaft nach Flandern; zwei Jahre später fuhr er in einer anderen offiziellen Mission nach Frankreich. 1518 wurde er Mitglied des privaten Rats des Königs, dann, 1525 Kanzler des Herzogtums von Lancaster und schließlich im Oktober 1529 wurde er zur Genugtuung des ganzen Königreichs zum Großkanzler von England ernannt. Je mehr er an Würde, Ansehen oder Ehre gewann, desto überlegener erschien er allen durch seine Bescheidenheit, die Redlichkeit seines Charakters, seine Geduld und seine stets menschlichen Gefühle.

,Es ist einem Christen nicht erlaubt...'

König Heinrich VIII. benahm sich während der ersten zehn Jahre seiner Herrschaft als treuer Ehemann. Doch als er dann seiner Gattin, Katharina von Aragon, die ihm nur eine noch lebende Tochter, Mary Tudor, geschenkt hatte, überdrüssig geworden war, sah er sich nach einer anderen Frau um. 1522 kam ein fünfzehnjähriges junges Mädchen namens Anne Boleyn an den englischen Hof. Obwohl sie reizlos war, erweckte Anne eine heftige Leidenschaft beim König. Mit Geschick legte sie es nun darauf an, die Begierde Heinrichs anzustacheln, und weigerte sich zugleich, seinen Wünschen nachzugeben, solange er sie nicht geheiratet hatte. Hinter ihr stand eine ganze Partei, die aus ihrer Familie sowie aus durch verschiedene Interessen getriebenen Adligen bestand.>

Heinrich VIII. hatte Katharina von Aragon, die Witwe seines älteren Bruders, dank eines Dispenses von Papst Julius II. geheiratet. Da er nun nach einem Weg suchte, sie zu verstoßen, fragte er sich, ob seine Ehe überhaupt gültig war, und glaubte seinen Zweifel auf einen Bibeltext gründen zu können (Lev 18, 16). Als Thomas vom König zu diesem Punkt befragt wurde, entschuldigte er sich und berief sich auf seine Unfähigkeit, über diese kirchenrechtliche Frage eine Entscheidung zu fällen. Der König befahl ihm daraufhin, die Sache mit mehreren Theologen zusammen zu untersuchen; Thomas tat das, und seine Antwort lautete: «Sire, keiner der von mir befragten Theologen kann Euch einen unabhängigen Rat geben. Doch ich kenne Ratgeber, die ohne Furcht zu Eurer Majestät sprechen können: Das sind der heilige Hieronymus, der heilige Augustinus und andere Kirchenväter. Aus ihren Schriften habe ich folgenden Schluss gezogen: ,Es ist einem Christen nicht erlaubt, eine andere Frau zu heiraten, solange die erste Frau lebt'.» Das heißt, Thomas bestätigte die Gültigkeit der Ehe mit Katharina. Die Sache wurde in Rom unterbreitet. Erst im März 1534 sprach sich der Papst zu Gunsten der Gültigkeit der Ehe zwischen Heinrich und Katharina aus. Schon seit dem 15. Mai 1532 war aber Thomas Morus von seinem Amt als Kanzler zurückgetreten, damit er nicht gezwungen werden konnte, gegen die Gesetze Gottes und der Kirche zu verstoßen.

Treue oder Hochverrat?

Zu Beginn des Jahres 1533 heirateten der König und Anne Boleyn heimlich, und im späten Frühling wurde die «neue Königin» offiziell gekront. Um seine Scheidung noch feierlicher zu sanktionieren, wollte Heinrich die Prinzessin Mary Tudor von all ihren Rechten enterben; dafür sollte Elisabeth, Annes gerade geborene Tochter, zur alleinigen und legitimen Erbin der Krone von England erklärt werden. Das Parlament unterwarf sich dem König und billigte am 30. März 1534 einen «Sukzessionsakt» in diesem Sinne. Alle Untertanen des Reiches mussten einen Eid darauf leisten, dass sie das neue Gesetz vollständig respektieren werden. Dem Eid ging eine Präambel voraus, in der die Autorität des Papstes über die Weltkirche formell verworfen wurde. Bischöfe, Kanoniker, Pfarrer, Mönche, Professoren an den Colleges, das Personal von Krankenhäusern und frommen Stiftungen unterwarfen sich, erkannten den König als ihr geistliches Oberhaupt an und besiegelten somit die Abspaltung von Rom. Der Eid wurde von John Fisher, dem Bischof von Rochester, von Thomas Morus und nur von einer geringen Zahl von Priestern bzw. Ordensleuten verweigert. All diese sollten mit ihrem Leben dafür bezahlen.

Thomas schilderte seine Vorladung für die Eidesleistung in einem Brief an seine Tochter: «Als ich in Lambeth angekommen war, wo sich die königliche Kommission versammelt hatte, bat ich um die Aushändigung des Eidestextes, den man forderte. Nachdem ich ihn aufmerksam gelesen und lange geprüft habe, erklärte ich, mit der ganzen Aufrichtigkeit meines Gewissens, dass ich zwar meinen Eid für die Nachfolge an sich nicht verweigere, dass ich jedoch diesen Eid, so wie er formuliert war, nicht leisten könne, es sei denn ich wollte meine Seele der ewigen Verdammnis überantworten. Als ich aufhörte zu sprechen, ergriff der Großkanzler des Reiches das Wort und erklärte mir, dass die Anwesenden tief betroffen seien, mich so reden zu hören; dass ich der Erste unter allen Untertanen Seiner Majestät sei, der den vor ihr geforderten Eid nicht leisten wolle. Man zeigte mir eine umfangreiche Liste von Befürwortern, doch ich erklärte erneut, dass mein Entschluss sich keineswegs geändert hätte und unerschütterlich feststehe.»

Die Verantwortung meiner Seele

Für Thomas war die Treue zum Zeugnis des Gewissens notwendig für das ewige Heil. «Manche Leute glauben, wenn sie in einer Weise sprechen und in anderer Weise denken, dass Gott ihrem Herzen mehr Aufmerksamkeit schenkt als ihren Lippen», schrieb er an seine Tochter Margaret. «Ich meinerseits kann in einer so wichtigen Angelegenheit nicht wie sie handeln: Ich würde den Eid gewiss leisten, wenn mein Gewissen mir sagte, ich müsste ihn leisten, selbst wenn andere ihn verweigerten; und genauso werde ich ihn nicht gegen mein Gewissen leisten, selbst wenn alle Welt damit einverstanden ist.» Der unveräußerliche Charakter des Gewissens bedeutet nicht, dass seine Befehle stets blind befolgt werden müssen, erklärte Thomas ferner. Jeder muss sein Gewissen durch das Beobachten und den Rat weiser Persönlichkeiten bilden, denn das Gewissen muss auf die objektive Wahrheit ausgerichtet sein (Vgl. Enzyklika Veritatis splendor vom 6. August 1993). Bevor er zu einem Schluss kam, der sich seinem Gewissen aufdrängte, hatte sich Thomas ein beträchliches Arbeitspensum auferlegt. Doch er blieb der Kirche untertan und erkannte, dass deren Autorität seinen eigenen Schlüssen überlegen war. Menschliche Obrigkeit vermag jedoch nichts gegen ein aufrechtes und sicheres Gewissen: «Ich allein trage die Verantwortung für meine Seele», versicherte er. So leistete sein Gewissen bis zum Tode Widerstand gegen die falschen Anschuldigungen, deren Opfer er war, gegen die falschen Zeugen, gegen den Missbrauch der Autorität seitens des Königs und gegen die Verdorbenheit des Sinnes für Moral, die einen «was schwarz ist, weiß, und was gut ist, schlecht» nennen ließ.

Schmerzhafte Akte des Verzichts

Die Haltung von Thomas Morus ist ein Licht für unsere Zeit. Papst Johannes-Paul II. bestätigt, dass Gesetze, wie solche, die die Abtreibung oder die Euthanasie legitimieren sollen, «nicht nur keine Verpflichtung für das Gewissen hervorrufen, sondern vielmehr die schwere und klare Verpflichtung erheben, sich ihnen mit Hilfe des Einspruchs aus Gewissensgründen zu widersetzen. Seit den Anfangszeiten der Kirche hat die Verkündigung der Apostel den Christen die Verpflichtung zum Gehorsam gegenüber den rechmäßig eingesetzten staatlichen Autoritäten eingeschärft (vgl. Röm 13, 1-7; 1 Petr 2, 13-14), sie aber gleichzeitig entschlossen ermahnt, dass man Gott mehr gehorchen muss als den Menschen (Apg 5, 29). Die Einführung ungerechter Gesetzgebungen stellt moralisch korrekte Menschen oft vor schwierige Gewissensprobleme. Manchmal sind Entscheidungen, die nötig erscheinen, schmerzlich und können sogar das Opfer einer renommierten beruflichen Stellung oder den Verzicht auf berechtigte Aufstiegs- und Karriereaussichten erfordern. Wie alle Menschen guten Willens sind die Christen aufgerufen, aus ernster Gewissenspflicht nicht an jenen Praktiken formell mitzuwirken, die, obgleich von der staatlichen Gesetzgebung zugelassen, im Gegensatz zum Gesetz Gottes stehen; denn für die Handlungen, die ein jeder persönlich vornimmt, gibt es eine sittliche Verantwortlichkeit, der sich niemand entziehen kann und nach der Gott selber einen jeden richten wird» (Enzyklika Evangelium vitæ, 25. März 1995, Nr. 73-74).

Am 17. April 1534 wurde Thomas im Londoner Tower gefangen gesetzt. Seine Haftzeit nutzte er dazu, sich durch das Verfassen bemerkenswerter Werke über die Frömmigkeit auf den Tod vorzubereiten. Bereits in einem unvollendeten Werk aus dem Jahre 1522 unter dem Titel Die vier letzten Ziele hatte er die wohltuende Wirkung des Todesgedankens hervorgehoben: Wenn es auf einem Markt ein Arzneimittel gegen alle Übel zu kaufen gäbe, so würden die Menschen das Unmögliche tun, um es sich zu besorgen», erklärte er. Dieses Mittel existiere allerdings und heiße «der Todesgedanke». Doch leider werde es von recht Wenigen benutzt. Deren Urteil könne nur durch das Nachdenken über die letzten Ziele gerechtfertigt werden.

Umkehrung der Werte

Dieses Nachdenken setzt den Glauben voraus. Der Glaube, erklärte Thomas, kehrt den Sinn der von den Menschen im allgemeinen anerkannten Werte um; er sagt uns, dass die ganze Heilige Dreifaltigkeit der im Zustand der Gnade befindlichen Seele innewohnt, selbst in der Zeit der Heimsuchung; dass unsere Feinde Freunde sind, die uns am meisten Gutes tun; dass die Anerkennung weniger vom Gefangenen zum Besucher gehen muss, als vom Wohltäter zum Unglücklichen. Vor allen Dingen enthüllt der Glaube den übernatürlichen Wert des Leidens. Er lehrt, wie man die Krankheit selbst zur Arznei macht. Für Thomas haben all unsere Heimsuchungen den wesentlichen Zweck, in uns den Wunsch wachzurufen, von Gott getröstet zu werden. Zugleich helfen sie uns auch, uns von unseren vergangenen Fehlern zu reinigen, sie bewahren uns vor künftigen Fehlern, verringern die Strafen des Fegefeuers und vergrößern die letzte Belohnung im Himmel. «Wer über diese Wahrheiten nachdenkt und sie in seinem Geiste behält, wird mit Geduld den Preis der Prüfung abwägen, er wird den Preis für groß halten und sich bald für privilegiert halten, seine Freude wird sein Leid erheblich mildern und ihn davon abhalten, anderswo nach eitlem Trost zu suchen» (Dialog zum Trost in der Heimsuchung). Solche im Herzen der Heimsuchung geschriebenen Worte sind kein hohles Gerede. Die übernatürliche Freude, die Thomas im Gefängnis von Gott geschenkt wurde, verlieh ihm Gelassenheit und förderte seinen natürlichen Sinn für Humor. In Anbetracht seiner ehemaligen hohen Stellung im Staat durfte Thomas an der Tafel des obersten Offiziers im Tower speisen. Als der oberste Offfizier im Tower sich eines Tages beim Gefangenen höflich für die Frugalität seiner Verpflegung entschuldigte, antwortete der ehemalige Kanzler: «Wenn jemand von uns mit Ihrer Tafel nicht zufrieden ist, so möge er fortgehen und anderswo Unterschlupf suchen!»

Am 1. Juli 1535 wurde Thomas wegen Hochverrats zum Tode verurteilt. Seine Richter fragten ihn, ob er dem etwas hinzuzufügen habe. «Ich habe wenig zu sagen, nur Folgendes: Der selige Apostel Paulus war beim Märtyrertod des heiligen Stephan anwesend und stimmte ihm zu. Heute sind beide Heilige im Himmel. Obwohl ihr zu meiner Verurteilung beigetragen habt, werde ich inbrünstig darum beten, dass wir, ihr und ich, uns im Himmel wiedersehen. Ebenso möchte ich, das der allmächtige Gott seine Majestät den König bewahre und beschütze und ihm guten Rat zukommen lasse.» Es kam noch ein letzter Angriff, der die Standhaftigkeit des Gefangenen auf die Probe stellte. Seine Frau besuchte ihn und sagte: «Willst du mich verlassen, mich und meine unglückliche Familie? Willst du auf dieses Leben im häuslichen Heim verzichten, das du einst so sehr geliebt hast? – Wie viele Jahre glaubst du, meine liebe Alice, kann ich diese irdischen Freuden noch genießen, die du mir mit einer so überzeugenden Beredsamkeit schilderst? – Zwanzig Jahre mindestens, wenn es Gott gefällt. – Meine überaus teure Frau, du bist eine schlechte Händlerin: Was sind zwanzig Jahre gemessen an einer seligen Ewigkeit?»

«Keines Verrats schuldig!»

Am 6. Juli wurde er zum Richtplatz geführt. Die Leiter, die zum Schafott führte, war in sehr schlechtem Zustand, und Thomas griff beim Hinaufsteigen nach der Hand des Leutnants: «Ich bitte Sie, führen Sie mich nach oben. Herunter werde ich dann wohl ganz allein rutschen!» Da der König ihn gebeten hatte, im letzten Moment nüchtern zu sprechen, sagte er ganz einfach: «Ich sterbe Gott und dem König gegenüber loyal, doch vor allem Gott gegenüber!» Als er auf dem Schafott niederkniete, beteten seine Lippen: «Hab Erbarmen mit mir, mein Gott!» Er küsste den Henker und sagte zu ihm: «Ich habe einen sehr kurzen Hals; pass auf, dass du nicht daneben schlägst. Es geht um deine Ehre!» Er verband sich selbst die Augen. Der Henker hatte bereits sein Beil in der Hand: «Einen Augenblick», sprach Thomas und befreite seinen Bart. «Er ist keines Verrats schuldig!» Sein Kopf fiel beim ersten Hieb. Thomas war nun für immer im Himmel.

Dem Beispiel des heiligen Thomas Morus folgend wollen wir bereit sein, alles zu verlieren, um Christus zu gewinnen, Ihm im Tode ähnlich zu werden und so mit Ihm zur Auferstehung zu gelangen (vgl. Phil 3, 8-11). Um diese Gnade beten wir zum heiligen Josef sowohl für Sie wie auch für alle, die Ihnen teuer sind.

Dom Antoine Marie osb

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