Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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15. August 2000
Mariä Himmelfahrt


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Am 13. Oktober 1917 geschah in Fatima in Portugal ein großes Wunder: Während einer Erscheinung der Allerseligsten Jungfrau Maria vor den Augen von drei Kindern namens Lucie, Jacinte und Franz tanzte die Sonne etwa zwölf Minuten lang vor 70 000 Personen am Himmel. Dieses im Voraus angekündigte unerhörte Ereignis bestätigte die Worte unserer Lieben Frau über die Notwendigkeit für die Sünder, den Rosenkranz zu beten und Buße zu tun. Während die Menge mit Staunen die Bewegungen der Sonne verfolgte und das Ende der Welt für gekommen hielt, sahen die drei Kinder den heiligen Josef mit dem Jesuskind auf dem Arm, das die Welt segnete. Durch diese Vision machte Maria den drei Kleinen die bedeutende Rolle ihres Bräutigams für das Heil der Welt deutlich.

Etwa fünfzig Jahre zuvor, am 20. September 1870, drang eine Armee von 60 000 Piemontesen unter dem Befehl des sardischen Königs Viktor-Emmanuel II. nach Rom, der Hauptstadt der Christenheit, vor und raubte dem ehrwürdigen Papst Pius IX.1 die zeitliche Souveränität, die die Bischöfe von Rom seit der Zeit Karls des Großen innehatten. In dieser schweren Stunde waren der Papst und die ganze katholische Welt voller Angst, da sie nicht wussten, wie unter solchen Umständen die Kirche von politischen Behinderungen frei bleiben konnte. Da Pius IX. die Zukunft der Kirche der göttlichen Barmherzigkeit anvertrauen wollte, stellte er sie unter den besonderen Schutz des heiligen Josef, den er zum «Patron der Katholischen Kirche» erklärte.

Der heilige Josef ist ein «hervorragender Beschützer». Denn «Josef war der Hüter, der Verwalter, der Erzieher und das Oberhaupt der Familie, in der der Sohn Gottes auf Erden leben wollte. Er war mit einem Wort der Beschützer Jesu. Und die Kirche in ihrer Weisheit hat folgenden Schluss daraus gezogen: Wenn er der Beschützer des Leibes, des physischen und historischen Lebens Christi gewesen ist, so wird Josef im Himmel sicherlich der Beschützer des mystischen Leibes Christi, d.h. der Kirche, sein» (Paul VI., 19. März 1968). «Der Schutz des heiligen Josef, sagt Papst Johannes-Paul II., muss angerufen werden, und er ist stets notwendig für die Kirche, nicht nur um sie gegen die ohne Unterlass neu entstehenden Gefahren zu verteidigen, sondern auch und vor allem um sie in ihren verstärkten Bemühungen um die Evangelisierung der Welt und um die Neuevangelisierung der Länder und Völker zu unterstützen, in denen der Glaube und das christliche Leben einst überaus blühend waren und die nun auf eine harte Probe gestellt werden» (Apostolisches Schreiben Redemptoris Custos – der Hüter des Erlösers –, 15. August 1989, Nr. 29).

Auf den ersten Blick scheint der heilige Josef eine sehr verschwommene Persönlichkeit zu sein. «Im Spiegel des Berichts der Evangelien betrachtet», sagte Papst Paul VI., «wird Josef für uns hinter den am meisten ins Auge stechenden Zügen einer großen Demut sichtbar: ein bescheidener und armer Arbeiter im Dunklen, der nichts Besonderes an sich hat, der selbst im Evangelium keine Spur seiner Stimme hinterlässt. Dieses überliefert kein Wort von ihm und begnügt sich damit, von seiner Haltung, seinem Benehmen und seinen Taten zu sprechen, und all das mit einer stillen Zurückhaltung und in vollkommenem Gehorsam. Doch in Wirklichkeit ist der heilige Josef ein unvergleichlicher und sehr zugänglicher Lehrer: «Josef war zu jedem Zeitpunkt und auf vorbildliche Art ein unübertrefflicher Beschützer, Beistand und Lehrer» (19. März 1965).

Ein grenzenloses Vertrauen

Im Laufe der Geschichte haben sich viele Heilige dem heiligen Josef zugewandt, um seine Größe zu rühmen, seinen Schutz zu erflehen und seinen Tugenden nachzueifern. So hatte auch die von Papst Johannes-Paul II. am 4. Oktober 1981 seliggesprochene Nonne Maria Repetto grenzenloses Vertrauen zum heiligen Josef. Maria Repetto war die Tochter eines Notars und das Älteste von elf Kindern. Sie wurde am 31. Oktober 1807 in Voltaggio, nordwestlich von Genua (Italien), geboren und noch am gleichen Tag getauft. Die Eltern Repetto gaben ihren Kindern einen tiefen Glauben und große Liebe zu den Armen mit. Vier ihrer Töchter wurden später Nonnen, und ein Sohn wurde zum Priester geweiht. Am 7. Mai 1829 stellte sich Maria im Hause der Töchter unserer Lieben Frau der Zuflucht (der sogenannten «Brignolinen») in Bisagno (bei Genua) vor, um sich dem Ordensleben zu weihen. Am 15. August 1829 nahm sie den Schleier und legte zwei Jahre später ihre Gelübde ab.

Schwester Maria befolgte die Regel der Brignolinen mit ungewöhnlicher Treue, demütig und einfach, ruhig und erbaulich. Sie wurde zunächst in der Näherei eingesetzt: Die Werkstatt erlaubte den Schwestern den materiellen Unterhalt des Hauses. Es wurden Tischdecken, Hemden und erlesene Kleidungsstücke mit Seiden- oder Goldfäden bestickt und an begüterte Leute verkauft, die sich darum rissen, weil die Arbeit so vollkommen war. Die hervorragende Qualität dieser Arbeit kam von der Liebe, die die Schwestern nach dem Vorbild des heiligen Josef daran wandten. «Eine der Ausdrucksformen der Liebe im Leben der Familie von Nazareth war die Arbeit», schreibt Papst Johannes-Paul II.. «Der Text des Evangeliums erwähnt, durch welche Art von Arbeit Josef versuchte, den Unterhalt seiner Familie zu bestreiten: die des Zimmermanns... Der Gehorsam Jesu im Hause von Nazareth wurde auch als Teilnahme an der Arbeit Josefs verstanden. Er, der als 'Sohn des Zimmermanns' bezeichnet wurde, hatte den Beruf seines vermeintlichen Vaters erlernt» (Redemptoris custos, Nr. 22-23). Jesus hat vom heiligen Josef perfekt zu arbeiten gelernt: «Am menschlichen Wachsen Jesu an Weisheit, an Größe und an Gnade hatte eine Tugend einen wichtigen Anteil: die berufliche Gewissenhaftigkeit» (ibid.).

Der Patron der Diplomaten

Die minuziöse Arbeit von Schwester Maria zusammen mit den Kasteiungen, die sie sich auferlegte, hatte ihre Sehkraft so beträchtlich geschwächt, dass man ihr das Amt der Pförtnerin übertrug. Es ist einfach, eine Tür zu öffnen, doch es ist schwer, in einem Ordenshaus gute Pförtnerin zu sein, denn man muss eine Vermittlerrolle zwischen dem Leben des Klosters und dem Leben der Außenwelt spielen. Die Pförtnerin muss sich also diplomatisch verhalten; Schwester Maria wandte sich an den heiligen Josef als den Patron der Diplomaten um Hilfe.

Papst Johannes XXIII. der zusammen mit Pius IX. bald seliggesprochen wird, betrachtete den heiligen Josef ebenfalls als ein Vorbild für Diplomaten. Bei seiner Ernennung als apostolischer Visitator in Bulgarien, sagte Bischof Roncalli, der künftige Johannes XXIII., zu Kardinal Gasparri, er hätte das Fest des heiligen Josef für den Empfang der Bischofsweihe ausgewählt, «weil dieser Heilige, wie es scheint, der beste Lehrer und Patron für die Diplomaten des Heiligen Stuhls ist. – Ach, wirklich erwiderte der Kardinal, auf diese Antwort war ich nicht gefasst. – Und doch, sehen Sie, Eminenz: Gehorchen können, schweigen können, sprechen, wenn es sein muss, mit Maß und mit Zurückhaltung, das ist die Rolle eines Diplomaten des Heiligen Stuhls, und das ist auch die des heiligen Josef. Er machte sich aus Gehorsam sofort auf die Reise nach Bethlehem; er begab sich auf die Suche nach einer Unterkunft und wachte dann in der Nähe der Höhle; acht Tage nach der Geburt Jesu vollzog er den jüdischen Ritus, der die Zugehörigkeit von Neugeborenen zu dem auserwählten Volk besiegelte; dann empfing er die Heiligen Drei Könige mit Ehren, jene prächtigen Botschafter des Morgenlandes, machte sich auf den Weg nach Ägypten, danach zurück nach Nazareth, stets gehorsam und still; nacheinander stellte er Jesus vor, verbarg ihn, verteidigte und ernährte ihn. Er selbst war stets unauffällig und blieb im Schatten der Geheimnisse des Herrn, auf die ein Engel bei jeder Gelegenheit einen leichten und flüchtigen Hauch von himmlischem Licht warf.»

Auf ihre Art folgte Schwester Maria Repetto dem Beispiel des heiligen josef. Sie empfing die Leute bereitwillig und freundlich und ließ niemanden ohne ein gutes Wort, einen Rat oder eine geistliche Empfehlung weggehen. Sie zeigte sich von großer Einfachheit, in ihren Worten einnehmend und doch zurückhaltend. Von ihrer Haltung ging eine Art Anziehungskraft aus, die zu Vertrauen und Achtung einlud. So engelgleich ihre Geduld auch zu sein schien, sie war ihr nicht angeboren. Sie selbst wiederholte: «Man muss gegen den Strom schwimmen», dank des Gebets und des Opfers. Trotz aller Unhöflichkeiten, Gewitter und Mühen wollte sie ihr Lächeln bewahren. Jeden Tag klingelten zehn oder zwanzig Leute an der Tür, doch dem Letzten begegnete sie ebenso freundlich wie dem Ersten.

«Der heilige Josef hat sich anrühren lassen!»

Ihr Vertrauen in den heiligen Josef war vollkommen. Sie riet stets dazu, bei ihm Zuflucht zu suchen. Wenn man sie eine etwas schwierigere Sache fragte, ging sie zunächst zu der Statue des heiligen Josef in den neben der Pforte liegenden Gang zum Beten, kehrte dann zurück und gab die erwartete Antwort. Eines Tages kam die Verwandte eines schwerkranken jungen Mädchens von 21 Jahren und klagte untröstlich darüber, dass diese den Glauben verloren hätte und nun ohne sich mit Gott zu versöhnen sterben würde. «Ich kann da nichts machen», antwortete Schwester Maria. «Beten Sie zum heiligen Josef!», bat die Besucherin. «Ich habe zu ihm gebetet; es ist nichts zu machen.» Doch plötzlich erhob sie die Augen zum Himmel und erklärte: «Hören Sie: Der heilige Josef hat sich anrühren lassen... Die Gnade ist gewährt. Gehen Sie nach Hause. Pfarrer X. wird alles Nötige tun.» Am Krankenlager der Sterbenden eingetroffen, fand die Besucherin tatsächlich diesen Priester vor, der von der Kranken gebeten worden war, ihr die Sakramente zu spenden.

An einem anderen Tag kam eine Ehefrau, um ihren erblindeten Mann zu empfehlen. Die Schwester riet ihr, zum heiligen Josef zu beten, ging dann in ihr Zimmer und wandte mit folgenden Worten die dort hängende Darstellung des Heiligen mit der Bildseite zur Wand um: «Du sollst auch ein wenig zu spüren bekommen, was es heißt, im Dunkeln zu leben.» Am nächsten Tag kam die Frau mit der Nachricht wieder, ihr Mann hätte plötzlich das Augenlicht wiedererlangt. Sogleich lief Schwester Maria in ihr Zimmer, drehte das Bild wieder um und sagte einfach: «Danke, heiliger Josef!» Ihre vielleicht überraschende Vorgehensweise verriet eine ganz kindliche Freimütigkeit im Umgang mit dem großen Heiligen.

Für die Ausübung ihres Apostolats hatte Schwester Maria stets Medaillen mit dem Bild des heiligen Josef zur Hand, die sie großzügig verteilte. Oft wurden von ihr auch sogenannte «Giuseppini» (kleine heilige Josefs) verschenkt: Bilder des Heiligen auf anderthalb Zentimeter kleinen Stoff- oder Papierquadraten. Nach einer schwierigen Operation kam eine Frau zu ihr und bat um Fürbitte, da sich ihre Wunde nicht schließen wollte. «Legen Sie einen Giuseppino auf die kranke Stelle», antwortete Schwester Maria. «Ich werde zum heiligen Josef beten, und er wird Sie heilen.» Bald danach wurde das Gebet erhört: Die Wunde hörte auf zu eitern und vernarbte. Auf die gleiche Art wurden zahlreiche weitere Heilungen erreicht.

Durch den Gebrauch von Medaillen stellen sich die Gläubigen unter den Schutz der dargestellten Heiligen; sie möchten sich ihnen anvertrauen, und das an sie gerichtete Gebet kann vielfache Gnadenerweise erlangen.

Egoistischer Geiz oder fürsorgliche Nächstenliebe?

Die Verehrung Schwester Marias für den heiligen Josef brachte sie dazu, die Güter dieser Welt im Geiste der Armut zu gebrauchen. «Mit dem armen und arbeitsamen heiligen Josef, der wie wir damit beschäftigt war, etwas zum Leben zu verdienen», sagte Papst Paul VI., «werden wir der Meinung sein, dass auch die wirtschaftlichen Güter unser Interesse als Christen verdienen, unter der Bedingung, dass sie nicht als Selbstzweck betrachtet werden, sondern als Mittel, das auf höhere Ziele ausgerichtete Leben zu erhalten; unter der Bedingung, dass sie nicht zum Objekt eines egoistischen Geizes werden, sondern zum Antrieb und zur Quelle einer fürsorglichen Nächstenliebe; unter der Bedingung, dass sie nicht dazu dienen sollen, uns von persönlicher Arbeit zu entlasten und ein leichtes und lockeres Genießen der sogenannten ,Freuden des Lebens' zu begünstigen, sondern im Gegenteil, um ehrlich und großzügig zum Nutzen aller ausgegeben zu werden. Die fleißige und würdige Armut dieses Heiligen aus dem Evangelium ist uns auch heute noch ein hervorragender Führer, um in unserer modernen Welt die Fußspuren Christi wiederzufinden» (19. März 1969).

Schwester Maria eiferte dem armen Christus nach. Sie trug niemals neue Kleidung, sondern begnügte sich mit von den anderen Schwestern abgelegten Stücken, die sie ausbesserte und flickte: «Es ist ein Luxus», sagte sie, «Neues zu tragen, wenn das Alte genügt.» Ihre Liebe zur Armut bewies sie auch durch ihre Fürsorge für die Bedürftigen, die sich an sie wandten. Nie sah man so viele Arme an der Tür der Brignolinen betteln wie zu der Zeit, als Schwester Repetto Pförtnerin war. Da sie keine großartigen Geschenke verteilen konnte, gab sie ihnen, was sie hatte: Brot, Reste aus der Klosterküche, Kleidungsstücke, ein paar Pfennige. Im Speisesaal stellte sie eine Sammelbüchse mit der Inschrift «Für die Armen von Schwester Repetto» auf, und die anderen Schwestern halfen ihr, die Not der Unglücklichen zu lindern. Sie bettelte auch bei der Oberin, bei Verwaltungsbeamten und begüterten Leuten, die das Kloster besuchten, für sie. Was sie mit der einen Hand einnahm, teilte sie mit der anderen aus.

Sobald sie mich nur hören...

Doch ihre Fürsorge für die Armen wurde in der Gemeinschaft nicht immer richtig verstanden und führte zu einiger Unruhe. So wurde sie eines Tages von der Oberin gebeten, sich nicht mehr um die Pforte zu kümmern. «Meine Sünden sind schuld daran», dachte Schwester Maria; doch sie unterwarf sich demütig dem durch ihre Oberin zum Ausdruck gebrachten Willen Gottes. Unverzüglicher Gehorsam «kennzeichnet alle, die nichts höher schätzen als ihre Liebe zu Christus», schreibt der heilige Benedikt. «Wegen des heiligen Dienstes, den sie gelobt haben, oder aus Furcht vor der Hölle oder wegen der Herrlichkeit des ewigen Lebens dulden sie nach einem Befehl des Obern keinerlei Zögern, sondern führen ihn aus, als wäre er Gottes Befehl... Wer so denkt, ahmt ohne Zweifel den Herrn nach, der sagt: Ich bin nicht gekommen, meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat» (Regel, Kap. 5). Da Schwester Maria nun nicht mehr von Besuchern beansprucht wurde, verbrachte sie umso mehr Zeit in der Kapelle beim Gebet. Doch einige Monate später wurde ihr das Amt der Pförtnerin erneut anvertraut. In ihrem Gehorsam dem Wohlgefallen Gottes gegenüber, ahmte sie das bemerkenswerte Beispiel des heiligen Josef nach.

«Die charakteristische Fügung des heiligen Josef in den Willen Gottes ist das Beispiel, über das wir heute nachdenken müssen», sagte Papst Paul VI. «Wir sehen beim heiligen Josef eine erstaunliche Folgsamkeit, eine außergewöhnliche Promptheit des Gehorchens und seiner Ausführung. Er diskutiert nicht, er zögert nicht, er verweist nicht auf Rechte und Hoffnungen... Josef nimmt sein Schicksal hin, denn es wurde ihm gesagt: Fürchte dich nicht, Maria, deine Braut, zu dir zu nehmen; denn was in ihr gezeugt ist, stammt vom Heiligen Geist. Und Josef gehorcht. Später wird ihm mitgeteilt: Du musst gehen, denn der neugeborene Heiland ist in Gefahr. Und er unternimmt eine lange Reise durch brennend heiße Wüsten, ohne Mittel, ohne Kenntnisse, ein Flüchtling in einem fremden und heidnischen Land; stets getreu und schnell der Stimme des Herrn folgend, der ihm danach befiehlt, den Rückweg anzutreten. Kaum nach Nazareth zurückgekehrt, nimmt er sein gewohntes Leben als Handwerker wieder auf».

Der hl. Josef teilte sein Leben zwischen Arbeit und Gebet. Auch Schwester Maria widmete sich neben ihren beruflichen Pflichten als Pförtnerin dem Gebet. Stets andächtig, befand sie sich ständig im Zwiegespräch mit Gott, selbst auf den Fluren des Hauses. Ohne die geringste Heuchelei sprach sie die Namen von Jesus und Maria stets mit einem Ton der Liebe aus. Sie stellte fleißig Betrachtungen über die Passionsgeschichte an und betete jeden Tag den Kreuzweg nach. Um gut zu beten, vertraute sie sich dem heiligen Josef an, denn «dieser himmlische Beschützer fördert in erstaunlicher Weise das geistige Vorankommen der Seelen, die sich ihm empfehlen», behauptet die heilige Teresa von Avila. Die Reformerin vom Karmel schrieb weiter: «Da ich aus langer Erfahrung den erstaunlichen Einfluss des heiligen Josef bei Gott kenne, möchte ich alle Welt überreden, ihn mit einem besonderen Kult zu ehren. Bis heute habe ich immer die Leute, die für ihn eine echte und durch Werke unterstützte Verehrung hatten, in der Tugend Fortschritte machen sehen... Ich möchte folglich alle, die mir nicht glauben sollten, lediglich beschwören, um der Liebe Gottes willen die Probe zu machen; sie werden aus eigener Erfahrung sehen, wie vorteilhaft es ist, sich diesem ruhmreichen Vater anzuvertrauen und ihn mit einem besonderen Kult zu ehren. Die Personen, die sich dem Gebet weihen, sollten ihn stets mit kindlicher Zärtlichkeit lieben... Derjenige, der niemanden findet, der ihn das Beten lehren kann, möge diesen bewunderungswürdigen Heiligen zum Lehrmeister wählen, und er wird nicht befürchten müssen, unter seiner Führung irrezugehen» (Mein Leben, Kap. 6).

Der heilige Josef ist nicht nur ein unvergleichlicher Lehrmeister im Beten, sondern auch der «Schutzengel der Jungfrauen» und der Beschützer der ehelichen Keuschheit. Von Gott zum Gatten Marias auserwählt, war er mit einer heller als die Sonne leuchtenden Reinheit ausgestattet. So hat sich Unsere Liebe Frau in völliger Sicherheit ihm als dem Behüter ihrer Jungfräulichkeit anvertraut. Ebenso vertraute Schwester Maria ihre jungfräuliche Weihe dem mächtigen Schutz des heiligen Josef an. Sie bat ihn auch mit Inbrunst um die Bekehrung der Sünder. Ihr lag in erster Linie das Wohl der Seelen am Herzen. Wenn man ihr Kranke empfahl, so antwortete sie: «Die erste Gnade, um die man bitten muss, ist das Seelenheil.» Um ihr Gebet wirksamer zu machen, stützte sie es durch Bußübungen. Dem lieben Gott gefiel es, diesem schlichten und demütigen Geist bestimmte zukünftige Ereignisse zu enthüllen. Als eine Familie ein Jahr lang ohne Nachricht von einem gewissen Bartholomeo war, schickte dessen Mutter ihre Tochter zu Schwester Maria. Diese begab sich daraufhin in die Kirche, um vor dem Bildnis des heiligen Josef zu beten, und kam dann mit freudiger Miene zurück: «Sie bitten mich um Nachricht von Ihrem Bruder: Er ist schon in Genua und erwartet Sie.» Eines Tages wurde sie von Schwester Emmanuelle gefragt, wann die Gründerin des Ordens, Virginia Centurione, zur Ehre der Altäre erhoben würde. Schwester Maria versicherte: «Vor ihr wird erst eine ihrer Töchter geehrt», wusste jedoch nicht, dass sie sich selbst damit meinte, sonst hätte sie nichts gesagt! Virginia Centurione wurde tatsächlich 1985, vier Jahre nach Maria Repetto, seliggesprochen.

Noch nicht!

Trotz aller Arbeiten und Bußübungen führte Schwester Maria 60 Jahre lang ihr Ordensleben, ohne jemals krank gewesen zu sein. Doch schließlich machte sich die Last der Jahre doch bemerkbar. Am 8. September 1888 bat sie den Herrn, sie zu sich ins Paradies zu nehmen. Er antwortete ihr: «Ich werde dich nehmen, aber du darfst noch nicht kommen; du musst durch das Fegefeuer gehen. – Lass mich hienieden, solange ich deiner noch nicht würdig bin», antwortete sie. Im Krankenzimmer ertrug sie ihre Leiden mit Geduld und Gefasstheit, so dass sie des Himmels würdig wurde. Jeden Tag empfing sie die heilige Kommunion und verharrte lange in Andacht. Denen, die sie ansprachen, erzählte sie gerne vom Paradies.

Am 5. Januar 1890 wurde Schwester Maria von einem leichten Krampf ergriffen. Bald danach öffnete sie die Augen, erhob sie, streckte die Arme aus und murmelte lächelnd: «Regina cæli, lætare, alleluia» (Königin des Himmels, freue dich, halleluja!). Schließlich verschied sie: Ihre Seele ist im Himmel in der unendlichen Liebe der Heiligen Dreifaltigkeit. Am 4. Oktober 1981 wurde sie von Papst Johannes-Paul II. seliggesprochen, der bei dieser Gelegenheit sagte: «Mehr noch als die Pforte ihres Klosters hat sie ihr Herz für alle offen gehalten, um Gott und den Armen heiter und freudig immer und von allem zu geben.»

Nach dem Vorbild der seligen Maria Repetto wollen wir in all unseren zeitlichen und geistlichen Nöten den heiligen Josef zu Hilfe rufen und uns bemühen, seinen Tugenden nachzueifern. Papst Johannes XXIII. sagte am 19. März 1961: «Wer auch immer gerettet werden will, muss sich lediglich nach der ewigen Lehre des Evangeliums und der Kirche richten, wofür das demütige Leben des heiligen Josef uns ein sehr anziehendes Beispiel bietet.» Diese Gnade wünschen wir Ihnen.

Dom Antoine Marie osb

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