Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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11. Juli 2000
Hl. Benedikt, Patriarch der Abendlandsmönche


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

«In der Vergangenheit hegte man große Achtung vor den alten Menschen. Der lateinische Dichter Ovid schrieb in diesem Zusammenhang: ,Groß war einst die Hochachtung vor einem weißhaarigem Haupt'. Und heute? Bei einigen Völkern wird das Alter geachtet und steht in hohem Wert; bei anderen hingegen ist das wegen einer Geisteshaltung, die unmittelbare Nützlichkeit und Produktivität des Menschen an den ersten Platz stellt, weit weniger der Fall. Auf Grund dieser Haltung wird das sogenannte dritte oder vierte Lebensalter oft abgewertet, und die alten Menschen selbst müssen sich fragen, ob ihr Dasein noch zu etwas nütze sei. Man geht sogar soweit, mit zunehmender Eindringlichkeit die Euthanasie (eine direkte Herbeiführung des Todes) als Lösung für schwierige Situationen vorzuschlagen» (Johannes-Paul II., Brief an die alten Menschen, 1. Oktober 1999, Nr. 9).

Um dieser abwertenden Haltung entgegenzuwirken, muss man den Wert wiederentdecken, den das Leben alter Menschen besitzt. Zu diesem Zweck muss man «dringend die richtige Perspektive wiedergewinnen, aus der das Leben in seiner Ganzheit gesehen wird. Und diese richtige Perspektive ist die Ewigkeit, deren maßgebende Vorbereitung das Leben in jeder seiner Phasen ist. Auch dem Alter kommt seine Rolle zu» (ibid., Nr. 10). Um das zu beweisen, hat der Papst der Kirche und der Welt ein überzeugendes Beispiel vor Augen geführt: Am 3. Oktober 1982 sprach er Jeanne Jugan selig, die vom Heiligen Geist «ein prophetisches Erfassen der Bedürfnisse und der tiefen Erwartungen alter Menschen» empfangen hatte (Predigt in der Seligsprechungsmesse).

Die am 25. Oktober 1792 in Cancale (Bretagne) geborene Jeanne Jugan wurde noch am gleichen Tag getauft. Sie war das fünfte von sieben Kindern. Ihr Vater, ein Seemann wie die meisten Bewohner von Cancale, war seit dem Jahr, in dem Jeanne vier Jahre alt wurde, auf See verschollen. Die kleine Jeanne lernte schon sehr früh von ihrer Mutter, Haushaltsarbeiten zu erledigen, das Vieh zu hüten und vor allem zu beten. Wie viele andere Kirchen, war auch die Kirche von Cancale während der großen Revolution geschlossen worden. Es gab keinen organisierten Katechismusunterricht mehr, doch viele Kinder wurden insgeheim von frommen Leuten unterwiesen. 1803 empfing Jeanne ihre Erstkommunion. Von diesem Tage an war sie besonders folgsam und sanft, arbeitswillig und eifrig im Beten.

«Du wirst keine bessere Partie finden»

Ende 1816 fand in Cancale eine große «Missionierung» statt: Etwa zwanzig Priester teilten die Aufgaben unter sich auf: Predigten, Katechismus, Rosenkranz, Beichte, Hausbesuche usw. Es waren Tage der Gnade und der Andacht für die ganze Pfarrgemeinde. Jeanne fühlte, während sie betete, wie in ihrem Herzen der tiefe Wunsch aufkeimte, sich aus Liebe zu Gott dem Dienst der Armen zu weihen, ohne menschliche Belohnung zu erwarten. Am Ende der Missionierung lehnte sie endgültig einen Heiratsantrag ab. Ihre Mutter fragte sie: «Warum hast du abgelehnt? Du wirst nie eine bessere Partie finden. – Der liebe Gott hebt mich für ein Werk auf, das noch nicht gegründet ist», antwortete Jeanne.

Im folgenden Jahr verließ Jeanne Cancale und ihre Familie, um Christus in der Gestalt der Armen zu dienen und mit ihnen in Armut zu leben. Sie begann als Krankenschwester im Rosais-Hospital in Saint-Servan. Doch nach einigen Jahren Dienst erkrankte sie schwer. Eine mitleidige Person, Fräulein Lecoq nahm sie bei sich auf. In den folgenden zwölf Jahren führten die beiden ein Leben zwischen Gebet, täglicher Messe, Krankenbesuchen und Katechismusstunden für Kinder. Nach dem Tode von Frl. Lecoq begegnete Jeanne Françoise Aubert, die dasselbe Lebensideal teilte. Sie mieteten eine Wohnung und widmeten sich der Armenfürsorge. Bald schloss sich ihnen ein siebzehnjähriges Mädchen, Virginie Trédaniel, an.

Eines Abends kehrte Jeanne mit bekümmerter Miene von ihrem Arbeitstag heim. Françoise überwachte die Suppe, während sie am Spinnrad arbeitete. Jeanne sagte zu ihr: «Ich komme gerade von einer sehr beklagenswerten Person... Stellen Sie sich eine blinde alte Frau vor, halbseitig gelähmt, ganz allein in einer armseligen Behausung in diesen ersten Wintertagen mit strengem Frost!... Françoise, wenn Sie einverstanden sind, könnten wir sie zu uns nehmen. Für die Kosten werde ich eben mehr arbeiten. – Wie Sie wollen, Jeanne.» Die Kranke hieß Anne Chauvin. Schon am nächsten Tag wurde sie von Jeanne zu sich geholt und in ihr eigenes Bett gelegt. Anne war ganz besorgt: «Wie wollen Sie mich ernähren? Wo wollen Sie sich hinlegen, wenn Sie mir Ihr Bett überlassen? – Machen Sie sich keine Sorgen», antwortete Jeanne. Einige Zeit später klopfte ein vor Kälte zitterndes altes Fräulein, Isabelle Quéru, zaghaft an die Tür. Sie hatte lange Zeit ohne Entgelt bei Leuten gedient, die ruiniert waren. Nach ihrem Tod war sie obdach- und mittellos zurückgeblieben. «Isabelle», sprach Jeanne zu ihr. «Sie schickt der liebe Gott. Bleiben Sie mit uns.»

Eine Freundin von Virginie, Marie Jamet, wurde auch bald mit Jeanne und ihrer Hausgemeinschaft bekannt. Am 15. Oktober 1840 wurde von den drei Freundinnen ein kleiner wohltätiger Verein unter der Leitung von Pfarrer Auguste Le Pailleur, dem Seelsorger von Saint-Servan, gegründet. Françoise Aubert erklärte sich bereit, sie bei der Pflege und bei Näharbeiten zu unterstützen, doch sie hielt sich für zu alt, um sich mehr zu engagieren. Eine schwerkranke siebenundzwanzigjährige Arbeiterin, Madeleine Bourges, hingegen, die von Jeanne aufgenommen und gepflegt worden war, schloss sich der kleinen Gruppe an. So war um die beiden alten Frauen eine kleine Zelle entstanden, der Keim einer großen Kongregation, die sich «Kleine Schwestern der Armen» nennen sollte.

«Mit meinem Korb...»

Bald baten andere bedürftige alte Menschen um Unterbringung, und die Schwestern zogen in neue, größere Räumlichkeiten um. Die Freigebigkeit von Freunden sowie das Einkommen der Schwestern, von deren Arbeit der Unterhalt des Hauses bestritten wurde, reichten nicht mehr aus. Die alten Frauen, die früher gewohnt waren zu betteln, sagten zu Jeanne: «Treten Sie an unsere Stelle, sammeln Sie Almosen für uns!» Ein Ordensbruder des heiligen Johannes von Gott beschwor die Gründerin, den Ratschlag zu befolgen, und schenkte ihr ihren ersten Sammelkorb. Die stolze bretonische Natur Jeannes sträubte sich angesichts dieser Notwendigkeit, doch schließlich schickte sie sich darein. «Ihr werdet zum Betteln geschickt, meine Töchter», sagte sie später zu den Novizinnen, «das wird euch schwerfallen. Auch ich habe mit meinem Korb gebettelt; auch mir ist das schwergefallen, doch ich tat es für den lieben Gott und seine Armen.» So nahm das Spendensammeln, die größte Einkommensquelle der Kleinen Schwestern der Armen, seinen Anfang.

Auf ihren Runden bat Jeanne um Geld, aber auch um Sachspenden: um Gemüse, gebrauchte Bettlaken, um Wolle, um einen Kessel usw. Sie fand nicht immer gute Aufnahme. Eines Tages klingelte sie bei einem reichen und geizigen alten Mann an; sie überredete ihn und nahm eine gute Spende entgegen. Am kommenden Tag wurde sie erneut bei ihm vorstellig: Diesmal war er verärgert. «Aber mein guter Herr», antwortete sie ihm. «Meine Armen hatten gestern Hunger, sie haben heute wieder Hunger und werden morgen ebenso Hunger haben...» Der Wohltäter beruhigte sich, gab erneut etwas und versprach so weiterzumachen. Ein anderes Mal wurde Jeanne von einem alten erzürnten Junggesellen geohrfeigt. Demütig sagte sie daraufhin zu ihm: «Danke; das ist für mich. Jetzt geben Sie etwas für meine Armen, bitte!» So viel Sanftmut öffnete den Geldbeutel des alten Mannes. So konnte sie mit ihrem Lächeln die Reichen zum Nachdenken, zur Entdeckung der Not der Armen bringen, und das Sammeln wurde zu einer wahren Evangelisierung, zu einem Appell, sich im Herzen zu bekehren.

Jeanne Jugan verabscheute Müßiggang. «Die Seligste Jungfrau war arm», sagte sie gern. «Sie machte es wie die Armen: Sie verlor keine Zeit, denn die Armen dürfen nie ohne Beschäftigung bleiben.» Sie besorgte sich Spindeln, Spinnräder und Haspeln und legte sie den Heimbewohnerinnen in die Hände, die am wenigsten unbeholfen waren. Diese waren stolz, durch ihre Arbeit ein paar Sous in die gemeinsame Kasse zu bringen und nahmen umso interessierter am Leben des Heims Anteil.

Nach und nach schlossen sich Jeanne und ihre Gefährtinnen immer organisierter zusammen. Sie zogen ähnliche Kleider an, legten sich Ordensnamen zu - Jeanne hieß «Schwester Maria vom Kreuz» - und legten private Gehorsams- und Keuschheitsgelübde ab. Etwas später kamen noch das Armutsgelübde und das Gelübde der Gastfreundschaft hinzu. Durch letzteres kamen sie dazu, auch arme alte Männer aufzunehmen. Ende 1843 beherbergten die Schwestern etwa vierzig Personen, Männer wie Frauen. Am 8. Dezember wurden Wahlen durchgeführt, und Jeanne wurde einstimmig als Oberin wiedergewählt. Doch am 23. wurde die Wahl von Pfarrer Le Pailleur eigenmächtig annulliert und die erst 23-jährige Marie Jamet zur Oberin bestimmt (Jeanne war 51 Jahre alt). Er befürchtete nämlich, dass er mit Jeanne, deren Erfahrung und Ruhm ihm hinderlich waren, die Kongregation nicht nach seinem Belieben würde lenken können. Jeanne blickte auf das Kruzifix an der Wand, dann auf eine kleine Statue der Jungfrau Maria und kniete dann vor ihrer Nachfolgerin nieder, um ihr Gehorsam zu geloben.

Eine einfache Almosensammlerin

Eine weniger gefestigte Seele hätte vor der Aussicht, die Befehlsgewalt über ein nach ihrer Vorstellung organisiertes Haus zu verlieren, um Bettlerin zu werden, gezögert. «In meinen Augen», erklärte ein aus Cancale stammender Franziskanermönch, «war das für meine verehrungswürdige Landsmännin eine großer Akt der Tugend, als sie ihre Position als Oberin verlor und eine einfache kleine Spendensammlerin wurde, weil die Frauen aus Cancale lieber unabhängig, ja sogar autoritär sind und das Befehlen mehr lieben als das Gehorchen.» Schon am 24. Dezember nahm Jeanne trotz des strengen Fastens der Weihnachtsvigil ihre Bettelrunden wieder auf. «Wer soll die Prüfungen und die Verdienste dieses angsterfüllten Bettelns aufzählen, das stets mit Blick auf die Not des jeweiligen oder des folgenden Tages durchgeführt wurde», sagte ein Prediger. «Sie musste bei jedem Wetter hinaus, musste Hitze, Kälte und Regen ertragen, alle Arten von Leuten ansprechen, lange Wege machen und schwere Lasten tragen!» Doch die Seele Jeannes war «in das Mysterium Christi des Erlösers, insbesondere in seine Passion und sein Kreuz, wahrhaft eingetaucht» (Johannes-Paul II., 3. Oktober 1982).

Der Aufschwung des Werkes zwang sie, die Haussammlungen in die Ferne auszudehnen. Jeanne wurde nach Rennes entsandt. Schon in den ersten Tagen fielen ihr die Bettler auf, unter denen die Ältesten dringend Unterstützung brauchten. Ganz offensichtlich musste in dieser Stadt ein Heim gegründet werden. Mit Hilfe des heiligen Josef wurde am 25. März 1846 ein Haus gekauft. Jeanne setzte ihre Sammlungen in den Städten Westfrankreichs fort. Es wurden Heime in Dinan, Tours, Paris, Besançon, Nantes, Angers usw. eröffnet. Mehrmals rettete Jeanne das Werk, dessen Leitung ihr aus der Hand genommen worden war, vor dem Untergang, weil sie das Vertrauen aller besaß. Sie kam, erhielt die fehlenden Mittel, ermunterte die einen und die anderen und verschwand dann, um anderswo auszuhelfen. Sie schien nichts zu haben, wo sie ihren Kopf hinlegen konnte, aber sie verließ sich völlig auf die göttlicheVorsehung.

«Heiliger Josef, Butter!»

Jeanne Jugan wollte, dass sich die alten Leute in den sie aufnehmenden Häusern wirklich heimisch fühlten. Eines Tages bemerkte sie in dem Heim von der Stadt Angers, dass die Alten ihr Brot trocken aßen. «Das ist das Land der Butter hier», rief sie. «Wieso bitten Sie den heiligen Josef nicht darum?» Sie entzündete ein Lämpchen vor einer Statue des Nährvaters Jesu, ließ sämtliche leeren Buttergefäße herbeischaffen und legte einen Zettel dazu: «Guter heiliger Josef, schicke uns Butter für unsere Alten!» Die Besucher wunderten oder amüsierten sich über diese Einfalt. Doch unter der scheinbaren Naivität verbarg sich ein tiefer Glaube. Einige Tage später ließ ein anonymer Spender eine sehr bedeutende Menge Butter anliefern, und alle Töpfe wurden gefüllt. Jeanne wollte ihren Armen auch Fröhlichkeit bescheren. So begab sie sich zum kommandierenden Obersten einer in Angers stationierten Einheit und bat ihn, am Nachmittag eines Festtages ein paar Musiker des Regiments vorbeizuschicken, um ihre Alten zu erfreuen. «Aber Schwester, ich werde Ihnen die ganze Kapelle schicken, um Ihnen einen Gefallen zu tun und ihre lieben Alten zu erfreuen.» Und die Militärkapelle von Angers kam, um die Festfreude zu mehren.

Im Mai 1852 billigte der Erzbischof von Rennes, wo sich das Mutterhaus der Schwestern niedergelassen hatte, offiziell die Statuten des Werks und verlieh diesem den Namen: Familie der Kleinen Schwestern der Armen. Die Schwestern leisteten nicht nur alten verwahrlosten Menschen Beistand, sondern hoben den unersetzlichen Wert des menschlichen Lebens im Alter hervor. Ihr Zeugnis erhält eine ganz besondere Bedeutung für unsere Zeit, in der die Fortschritte der Technik und der Medizin eine Verlängerung der durchschnittlichen Lebensdauer zur Folge haben.

Die den Vorfahren gezeigte Hochachtung beruht auf dem Naturgesetz, das im Gebot Gottes zum Ausdruck kommt: Ehre deinen Vater und deine Mutter (Dtn 5, 16). «Den alten Menschen Ehre entgegenzubringen, das umfasst eine dreifache Verpflichtung ihnen gegenüber: Annahme, Beistand und Wertschätzung ihrer Eigenschaften» (Johannes-Paul II., Brief an die alten Menschen, Nr. 12). Alte Menschen benötigen wegen des Nachlassens ihrer Kräfte und wegen möglicher Behinderungen Beistand, doch sie können als Gegenleistung viel für die Gesellschaft bewirken. Die während ihres Lebens erlebten Wechselfälle des Schicksals haben ihnen eine Erfahrung und eine Reife beschert, durch die sie die Ereignisse der irdischen Lebens mit mehr Weisheit betrachten können. Bei ihnen erhalten die jüngeren Generationen Geschichtslektionen, die ihnen helfen müssten, die Irrtümer der Vergangenheit nicht zu wiederholen. Unsere von Hektik und Betriebsamkeit beherrschte Gesellschaft vergisst die grundlegenden Fragestellungen nach der Berufung, der Würde und der Bestimmung des Menschen. In diesem Zusammenhang stellen die von den alten Menschen vorgelebten affektiven, moralischen und religiösen Werte einen für das Gleichgewicht der Gesellschaft, der Familie und der Einzelperson unverzichtbaren Schatz dar. Angesichts des Individualismus erinnern sie daran, dass niemand allein leben kann und dass unter den Generationen, die sich mit ihren Gaben gegenseitig bereichern, eine Solidarität notwendig ist.

Missionare des dritten Alters

Den alten Menschen fällt auch eine Evangelisierungsrolle zu: In vielen Familien empfangen die Enkel von ihren Großeltern die ersten Grundlagen des Glaubens. Selbst schwerkranke oder zur Bewegunglosigkeit gezwungene Personen können zum Wohle der Kirche und der Welt den Dienst des Gebetes leisten. Durch das Gebet nehmen sie gleichermaßen an den Schmerzen und an den Freuden der anderen teil; sie durchbrechen den Kreis der Isolierung und der Ohnmacht. Indem sie aus dem Gebet Kraft schöpfen, werden sie fähig, selbst durch das Zeugnis eines im Vertrauen auf Gott und in Geduld angenommenen Leidens Mut zu spenden.

Die alten Leuten finden die Gelegenheit, in ihrem Leib und in ihrem Herzen das, was an der Passion Christi noch aussteht (vgl. Kol 1,24), zu ergänzen, indem sie die Prüfung der Krankheit und des Leidens - ihr gemeinsames Schicksal - zum Besten der Kirche und der Welt als Opfer darbringen. Für diese Mission jedoch brauchen sie das Gefühl, geliebt und geehrt zu werden, denn es ist nicht leicht, das Leiden demütig anzunehmen. So sind die von großen Schmerzen heimgesuchten Personen mitunter der Versuchung der Erbitterung und der Verzweiflung ausgesetzt. Ihre Mitmenschen können sich dann dazu geneigt fühlen, aus falsch verstandenem Mitleid heraus die direkte Herbeiführung des Todes (Euthanasie) für vernünftig zu halten. Doch sie «bleibt ungeachtet der Absichten und Umstände eine in sich schlechte Handlung, eine Verletzung des göttlichen Gesetzes, eine Beleidigung der Würde der menschlichen Person» (Brief an die alten Menschen, Nr. 9; Enzyklika Evangelium vitæ, Nr. 65). Gott allein bestimmt den Anfang und das Ende des menschlichen Lebens nach seinem Plan als Schöpfer, und Er ruft jeden Menschen auf, durch die Teilnahme an seinem eigenen göttlichen Leben sein Kind zu werden. Diese unvergleichliche Würde kommt von Christus, der sich in der Menschwerdung «gewissermaßen mit jedem Menschen vereinigt» (II. Vatikanum, Gaudium et spes, Nr. 22); sie muss also respektiert werden. Das ist das Hauptmotiv für die Hingabe der Kleinen Schwestern der Armen an die Alten, in denen Jesus Christus zu sehen sie Jeanne Jugan gelehrt hatte.

«Ich überlasse es Ihnen von Herzen gern!»

Nachdem sie Christus durch ihre Haussammlungen gedient hatte, schickte sich die Selige an, ihr Leben in der Stille zu beenden. Im Laufe des Jahres 1852 befahl ihr nämlich Pater Le Pailleur, sich ins Mutterhaus zurückzuziehen. Von da an hatte sie keine regelmäßigen Kontakte mehr mit den Wohltätern, auch keine bedeutende Funktion in der Kongregation. Sie lebte noch siebenundzwanzig Jahre lang verborgen für die Augen der Menschen und widmete sich ohne irgendwelche Ansprüche bescheidenen Haushaltsarbeiten. In Bezug auf ihre Lage sehr hellsichtig, bewahrte sie sich ein hinreichend freies Herz, um im Scherz zum Pater Le Pailleur sagen zu können: «Sie haben mir mein Werk gestohlen; aber ich überlasse es Ihnen von Herzen gern!» Im Frühjahr 1856 zog das Mutterhaus der Kleinen Schwestern auf ein riesiges Gut, das in der Bretagne angekauft worden war: La Tour Saint-Joseph (St. Josefsturm). Dort versorgte Jeanne die Novizinnen reichlich mit geistlichen Ratschlägen. In schweren Stunden sagte sie: «Sucht Jesus auf, wenn ihr am Ende eurer Geduld und eurer Kraft seid, wenn ihr euch allein und ohnmächtig fühlt; Er erwartet euch in der Kapelle. Sagt ihm: ,Du weißt wohl, was vorgeht, gütiger Jesus, ich habe nur dich, der du alles weißt. Komm mir zu Hilfe.' Und dann könnt ihr gehen, und macht euch keine Sorgen darüber, wie ihr handeln solltet; es reicht, dass ihr es dem lieben Gott gesagt habt, er hat ein gutes Gedächtnis.»

Sie warnte die Novizinnen nachdrücklich davor, zu viele Gebetsandachten abzuhalten: «Ihr ermüdet eure Alten damit, sie werden sich langweilen und zum Rauchen gehen... Selbst während des Rosenkranzes!» Sie ließ die jungen Nonnen an ihrer Erfahrung teilhaben: «Meine Kleinen, man muss immer guter Laune sein; unsere lieben Alten mögen keine traurigen Gesichter!... Man darf keine Mühe scheuen, weder für die Küchenarbeit noch für die Pflege, wenn sie krank sind. Wie eine Mutter soll man sein für die, die dankbar sind, und auch für die, die gar nicht alles erkennen können, was ihr für sie tut. Sagt in eurem Inneren: 'Das ist für dich, Jesus!'» Ein andermal riet sie: «Man muss beten und überlegen, bevor man handelt. Das habe ich mein ganzes Leben getan. Ich habe all meine Worte abgewogen.»

In den letzten Jahren ihres Lebens sprach Jeanne oft mit Fassung von ihrem Tod. Doch bevor sie verschied, wurde ihr noch eine letzte Freude zuteil. Am 1. März 1879 billigte Leo XIII. die endgültige Anerkennung der Konstitutionen der Kleinen Schwestern der Armen. Die Kongregation zählte damals etwa 2400 Schwestern und 177 Heime. Am 29. August desselben Jahres verstarb Jeanne sanft mit den Worten: «O Maria, meine gute Mutter, komm zu mir. Du weißt, wie sehr ich dich liebe und dich sehen möchte!»

Ein so demütiges Leben musste viele Früchte tragen. An der Schwelle des dritten Jahrtausends wirken 3460 Schwestern in 221 auf allen Kontinenten verteilten Heimen. Durch eine wunderbare Fügung der Vorsehung leben sie hauptsächlich von Spenden.

Bei der Seligsprechung Jeanne Jugans sagte Papst Johannes-Paul II.: «Die ganze Kirche und die Gesellschaft selbst müssen einfach das wunderbare Wachsen jenes ganz kleinen Saatkorns des Evangeliums bestaunen und bewundern, das durch die überaus demütige, an Gütern so arme, aber an Glauben so reiche Tochter Cancales in die bretonische Erde gesät wurde! Et exaltavit humiles (Er erhöhte die Demütigen): Diese wohlbekannten Worte aus dem Magnificat erfüllen meinen Geist und mein Herz mit Freude und Rührung... Die aufmerksame Lektüre der Jeanne Jugan und ihrer heldenhaften Umsetzung der evangelischen Nächstenliebe gewidmeten Biographien lässt mich sagen, dass Gott keine demütigere Dienerin hätte verherrlichen können. Und als Jeanne den Kleinen Schwestern empfahl: ,Seid klein, ganz klein! Bewahrt den Geist der Demut, der Schlichtheit! Wenn wir uns für irgendetwas zu halten begännen und die Kongregation aufhörte, den lieben Gott zu preisen, so würden wir fallen', da gab sie in Wahrheit ihre eigene spirituelle Erfahrung weiter. In unserer Zeit finden Hochmut, Leistungsstreben und die Versuchung durch mächtige Mittel leicht Verbreitung in der Welt und manchmal leider auch in der Kirche. Sie stehen dem Anbrechen des Reichs Gottes im Wege. Deshalb kann die spirituelle Prägung Jeanne Jugans die Jünger Christi anziehen und ihre Herzen mit aus Gott und aus der Selbstverleugnung geschöpfter Hoffnung und evangelischer Freude erfüllen.»

Selige Jeanne Jugan, lehre uns, unserem Nächsten aus Liebe zu Jesus Christus demütig zu dienen.

Dom Antoine Marie osb

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