Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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5. Juni 2000
Hl. Bonifatius, Apostel Deutschland


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Oktober 1968 sagte der Schriftsteller Jean Guitton: «Ein Urteil über Padre Pio zu fällen, wird langwierig und komplex. Doch Tausende von Zeugen werden aufstehen und sagen, dass er ihre Überzeugung von der Gegenwart Gottes und von der Wahrheit des Evangeliums vergrößert hat.» Gott war in der Tat so gnädig, in diesem vom theoretischen und praktischen Atheismus so starkgeprägten Jahrhundert ein handgreifliches Zeichen seiner Gegenwart zu setzen: Dieser Kapuzinerbruder, in dem Jesus Christus ein halbes Jahrhundert lang das Mysterium seiner Passion erneuern wollte, ist ein außergewöhnlicher Zeuge. Der von Papst Johannes-Paul II. am 2. Mai 1999 seliggesprochene Padre Pio erinnert die Christen und die gesamte Menschheit daran, dass Jesus Christus der einzige Erretter der Welt ist.

Francesco Forgione wurde 1887 in Pietrelcina, einem süditalienischen Marktflecken geboren. Bereits in sehr jungem Alter wurde ihm die Gnade häufiger Visionen der Allerseligsten Jungfrau zuteil. Auch der Teufel erschien ihm, oft in der Nacht, in schrecklichen Gestalten. Bereits in seinem neunten Lebensjahr betrat er sozusagen einen Kreis schwerer Krankheiten, die erst bei seinem Tod aufhörten. Trotzdem wurde er mit sechzehn Jahren in den Kapuzinerorden aufgenommen und legte seine Gelübde unter dem Namen Bruder Pio ab. Doch die Gesundheit des jungen Mönches besserte sich nicht: Der linke Lungenflügel war schwer geschädigt; seine Fieberschübe brachten die Thermometer zum Platzen! In der Hoffnung, dass ein milderes Klima der Heilung dieser unerklärlichen Krankheit dienlich ist, ließ man ihn mehrfach das Kloster wechseln, dann kehrte er zwischen 1910 und 1916 nach Pietrelcina zu seiner Familie zurück. Am 10. August 1910 wurde er trotz allem zum Priester geweiht: «Wie war ich glücklich an diesem Tag», sagte er später. «Mein Herz brannte vor Liebe zu Jesus... Ich begann das Paradies zu schmecken.» Im Juli 1916 gelang es ihm schließlich, sich im Kloster San Giovanni Rotondo in der Nähe von Foggia in Apulien niederzulassen.

Wunder im zwanzigsten Jahrhundert

Am 20. September 1918 empfing er im Alter von 31 Jahren die Gnade der Stigmatisation, d.h. er bekam blutende Wunden an den Händen, an den Füßen und an der Seite, die denen des gekreuzigten Jesus entsprachen. Von da an verlor er fünfzig Jahre lang etwa so viel wie ein Glas Blut jeden Tag. «Er wies nicht nur Flecken auf», wie einer seiner Mitbrüder bezeugt, «sondern wirkliche Wunden, die durch seine Hände und Füße gingen. Ich konnte die Wunde an seiner Seite beobachten: Es war ein richtiger Riss, der ständig Blut absonderte.» Diese Wunden verursachten eine andauernde körperliche Schwäche, die, so süß sie ihm auch war, sich nicht weniger schmerzlich bemerkbar machte. Angesichts einer solchen Gnade fühlte sich Padre Pio zutiefst unwürdig, doch er war glücklich, äußerlich Christus gleichgemacht worden zu sein.

Seine Vorgesetzten zogen namhafte Ärzte zu Rate, um die Wundmale zu untersuchen. Die Spezialisten bestätigten die Echtheit der Verletzungen. Manche führten sie auf eine magnetische Kraft, andere auf Autosuggestion, wieder andere auf «physiologisch- pathologische Zusammenhänge» zurück; doch viele gaben zu, dass die Ursache dieser Wunden der medizinischen Wissenschaft entging. «Stigmen», schreibt der Kardinal Journet, «haben den Zweck, uns auf erschütternde Art an die Leiden des für uns zu Tode gequälten Gottes zu erinnern sowie an die Notwendigkeit für die gesamte Kirche, zu leiden und zu sterben, bevor sie in die Herrlichkeit eingehen kann... Die Stigmen sind eine blutende, tragische und zugleich glänzende Predigt. Sie lassen uns nicht vergessen, was die wahren Zeichen für die Aufrichtigkeit der Liebe sind.»

Zu Beginn des Monats Mai 1919 wurde ein kleines Mädchen plötzlich geheilt, nachdem ihr Padre Pio erschienen war. Am 28. Mai ließ sich ein junger Soldat, der während des Krieges verletzt und von den Ärzten für unheilbar erklärt worden war, zu Padre Pio transportieren, der ihn segnete: Er war augenblicklich völlig geheilt. Diese zwei Wunder, von denen auch in der Presse berichtet wurde, rührten die Massen: Ab Juni 1919 begaben sich jeden Tag drei- bis fünfhundert Pilger oder Neugierige zu San Giovanni Rotondo. Es wurde das Gerücht verbreitet, dass Padre Pio im Inneren der Seele lesen könne. Und wirklich, das kam häufig vor. Die hübsche und überaus reiche Luisa V., die aus reiner Neugier zu San Giovanni Rotondo gekommen war, fühlte sich gleich nach ihrer Ankunft von einem solchen Schmerz wegen ihrer Sünden übermannt, dass sie mitten in der Kirche in Tränen ausbrach. Der Padre ging zu ihr und sagte: «Beruhigen Sie sich, mein Kind, die Barmherzigkeit kennt keine Grenzen, und das Blut Christi wäscht alle Verbrechen der Welt hinweg. – Ich will beichten, mein Vater. – Kommen Sie erst wieder zur Ruhe. Sie können morgen wiederkommen.» Luisa V. hatte seit ihrer Kindheit nicht mehr gebeichtet. Padre Pio kam ihr bei der Aufzählung der Sünden zu Hilfe und sagte dann: «Erinnern Sie sich an nichts weiter?» Luisa erzitterte beim Gedanken an eine schwere Sünde, die sie nicht zu bekennen wagte. Padre Pio wartete und bewegte still die Lippen... Sie fasste sich schließlich: «Es bleibt noch dieses, mein Vater. – Gott sei gelobt! Ich erteile Ihnen die Absolution, meine Tochter...»

Eine Seelenklinik

«Ich bin ein Beichtvater», pflegte Padre Pio zu sagen. Mitunter widmete er in der Tat fünfzehn bis siebzehn Stunden täglich dem Anhören der Pönitenten. Sein Beichtstuhl war mehr eine Seelenklinik denn ein Richter- oder ein Lehrstuhl. Die Beichtenden wurden von ihm in unterschiedlicher Weise, je nach den Bedürfnissen eines jeden begrüßt. Dem einen streckte er mit überschäumender Freude die Arme entgegen und sagte ihm, bevor er auch nur den Mund öffnete, woher er kam. Anderen verpasste er Vorwürfe; er ermahnte und bedrängte sie sogar. Bisweilen war er einem «guten Christen» gegenüber, der seine Pflichten nicht erfüllt hatte, anspruchsvoller als einem großen Sünder gegenüber, der die Gesetze Gottes mehr oder weniger gar nicht kannte. Streng fiel sein Urteil über die Sünden gegen die Reinheit und gegen die Gesetze der Weitergabe des Lebens aus; er vergab sie nicht, bevor er sich nicht von der festen Absicht des Beichtenden überzeugt hatte, und manch einer musste Monate der Bewährung hinter sich bringen, bevor er die Absolution erhielt. Padre Pio unterstrich so die Bedeutung der Reue und des festen Vorsatzes zur Besserung vor dem Empfang des Sakraments der Buße. Doch wo er Aufrichtigkeit vorfand, war er wohlwollend, und zwar von einem Wohlwollen, der einem das Herz aufgehen ließ.

Fünf oder sechs Minuten genügten ihm, um eine ganze Existenz zu verändern und ein aus der Bahn geratenes Leben wieder auf Gott hin auszurichten. Es kam vor, dass der Pater das Beichtkind noch vor dem Ende wegschickte: «Hinaus! Geh fort! Ich will dich nicht wiedersehen, bevor...» Sein Ton wurde befehlend und streng. Er wusste, dass das «Fortschicken» eine heilsame Maßnahme war, die den Sünder erschütterte, zum Weinen brachte und ihn zu einem Anlauf zur Umkehr zwang. Die mit dieser speziellen Energie behandelten Leute fanden keinen Frieden, bis sie sich nach aufrichtiger Reue ihrem Beichtvater zu Füßen werfen konnten, der sich dann als überaus zärtlicher Vater erwies. Doch der Padre litt unermesslich darunter, wenn er zu solchen Maßnahmen greifen musste: «Wenn du wüsstest, von welchen Pfeilen mein Herz zuvor durchbohrt worden ist!», bekannte er eines Tages einem Mitbruder, nachdem er einen schlecht vorbereiteten Pönitenten weggeschickt hatte. «Wenn ich aber nicht so handle, würden sich so viele nicht zu Gott bekehren!»

Da er in außergewöhnlicher Weise leiblich wie seelisch am Erlösungswerk beteiligt war, nahm er mit besonderer Schärfe die Schwere der Sünden wahr. Eines Tages kniete ein Mann reiferen Alters, der seit dem Alter von sieben Jahren nicht mehr gebeichtet hatte, im Beichtstuhl von Padre Pio nieder. Während er sein Gewissen erleichterte, wurde der Pater zusehends immer blasser und verschwitzter. Manche Pönitenten behaupteten, sie hätten Bluttropfen auf seiner Stirn perlen gesehen, während sie ihre Treulosigkeit schilderten. «Seelen, Seelen! Welchen Preis kostet euer Heil!», rief der Pater eines Tages aus. «In den Beurteilungen von heute», sagte Papst Paul VI., «betrachtet man die Menschen nicht mehr als Sünder; sie werden als Gesunde, Kranke, Rechtschaffene, Gute, Starke, Schwache, Reiche, Arme, Gebildete und Unwissende eingestuft; doch das Wort Sünde kommt niemals vor» (20. September 1964). Es gibt indessen auch Menschen wie den Padre Pio, die nicht mit dem Bösen paktieren und angesichts der Sünde und des Unglücks derer, die im Zustand der Todsünde leben, erschüttert sind.

Der Katechismus der Katholischen Kirche lehrt: «Die Sünde ist eine Beleidigung Gottes: Gegen dich allein habe ich gesündigt. ich habe getan, was dir missfällt (Ps. 50, 6). Die Sünde lehnt sich gegen die Liebe Gottes zu uns auf und wendet unsere Herzen von ihm ab... Die Sünde ist somit ,die bis zur Verachtung Gottes gesteigerte Selbstliebe' (Heiliger Augustinus)» (Katechismus, Nr. 1850). Ihre ewige Folge für diejenigen, welche sich vor ihrem Tode nicht bekehren, ist furchterregend: die Hölle. «Die Lehre der Kirche sagt, dass es eine Hölle gibt und dass sie ewig dauert. Die Seelen derer, die im Stand der Todsünde sterben, kommen sogleich nach dem Tod in die Unterwelt, wo sie Qualen der Hölle erleiden, das ewige Feuer» (Katechismus, Nr. 1035). Padre Pio weinte und schluchzte, als er bei der Lektüre der Besuche bei der Allerseligsten Jungfrau Maria vom heiligen Alphons von Liguori folgende Worte sprach: «Ich danke dir für alles, was du getan hast, insbesondere dafür, dass du mich vor der Hölle bewahrt hast, die ich so viele Male verdient habe.»

Die wichtigste Sache

Die übernatürliche Kraft, das Böse zu bekämpfen, schöpfte Padre Pio aus dem Gebet. Trotz seiner durch die fünf Wundmale verursachten Schmerzen betete er viel. Jeden Tag widmete er sich vier Stunden lang religiösen Betrachtungen. Er betete mit dem Seufzen seines Herzens, mit Stoßgebeten (kurzen Gebeten die wie Pfeile zum Himmel geschleudert werden), vor allem aber mit seinem Rosenkranz. Man hörte ihn oft sagen: «Geht zur Madonna, lasset sie geliebt werden! Betet immer den Rosenkranz. Betet ihn richtig! Betet ihn so oft, wie ihr könnt!... Seid Seelen des Gebets. Werdet nie müde, zu beten. Das ist die wichtigste Sache. Das Gebet bezwingt das Herz Gottes, es erwirkt die notwendigen Gnadengaben!»

Der Höhepunkt des Tages und des Betens von Padre Pio war die Zelebrierung des heiligen Messopfers. «In diesem göttlichen Opfer, das in der Messe vollzogen wird, ist jener selbe Christus enthalten und wird unblutig geopfert... der auf dem Altar des Kreuzes ein für allemal sich selbst blutig opferte» (Konzil von Trient; vgl. Katechismus, Nr. 1367). Durch seine Stigmen Christus ähnlich geworden, erlebte Padre Pio die Messe in inniger Verbundenheit mit der Passion Christi. Oft weinte der Pater während des Messopfers und erklärte das jemandem, der sich darüber wunderte, so: «Erscheint es Ihnen etwa von geringer Bedeutung, dass Gott mit seinen Geschöpfen spricht? Und dass ihm manchmal von diesen widersprochen wird? Und dass Er durch ihre Undankbarkeit und ihren Unglauben ständig verletzt wird?» Die Messe von Padre Pio konnte anderthalb bis zwei Stunden dauern. Ein französischer Botschafter beim Heiligen Stuhl, der einer dieser Messen beiwohnen durfte, schrieb: «Nie in meinem Leben habe ich eine so erschütternde Messe erlebt. Die Messe wurde – was sie in Wirklichkeit ja auch ist – zu einem absolut übernatürlichen Akt. Als die Glocke zur Elevation der Hostie und dann des Kelches erklang, erstarrte Padre Pio in Betrachtung. Für wie lange Zeit?... Zehn, zwölf Minuten, vielleicht mehr...»

Doch Padre Pio betete nicht nur viel, er brachte auch andere zum Beten und organisierte auf ausdrücklichen Wunsch von Papst Pius XII. Gebetsgruppen für Laien. Jeden Abend leitete er persönlich die Zeremonie, die in der kleinen Kirche des Klosters die Gläubigen zusammenführte. Es wurde der Rosenkranz gebetet und der Segen des Heiligen Sakramentes gespendet; es wurde die «unwiderstehliche Novene» zum heiligsten Herzen Jesu ebenso gefeiert wie die «Heimsuchung Mariä». Die von Padre Pio ins Leben gerufenen Gebetsgruppen breiteten sich in der ganzen Welt aus. Zu seinem 80. Geburtstag entsandten mehr als tausend dieser Gruppen Vertreter nach San Giovanni Rotondo.

Eine lästige Präsenz

So erwachte nach und nach die religiöse Inbrunst in San Giovanni Rotondo wieder, dessen spiritueller Zustand vor der Ankunft Padre Pios erbärmlich gewesen war. Doch der apostolische Eifer des jungen Kapuziners rief Widerstand hervor. Mehrere Domherrn des Landes, die sich daran gewöhnt hatten, ein liederliches Leben zu führen und ihre Amtspflichten zu vernachlässigen, fanden seine Präsenz überaus lästig. Darüber hinaus missfielen einem Teil der örtlichen Geistlichkeit sowohl die plötzliche Berühmtheit des Stigmatisierten als auch der Zustrom der Pilger und die reichlich fließenden Almosen für sein Kloster. Der Bischof des Ortes, dessen Ruf überaus schlecht war, ließ von Priestern und Gläubigen eine Anzeige über die angeblichen Skandale im Kloster San Giovanni Rotondo unterschreiben und leitete somit einen langen, in Rom geführten gerichtlichen Prozess ein. Als Folge der schweren Verleumdungen wurden von der irregeführten kirchlichen Obrigkeit ab Juni 1922 strenge Maßnahmen gegen Padre Pio verfügt: Verbot jeglicher geistlicher Korrespondenz, selbst mit seinen Beichtvätern; Verbot öffentlicher Messfeiern; Verlegung des Paters in ein anderes Kloster. Tatsächlich konnten die letzten beiden Verfügungen wegen des heftigen Widerstandes der örtlichen Bevölkerung nicht durchgesetzt werden. 1931 gipfelte dann die Verfolgung darin, dass ihm die Ausübung jeden Amtes untersagt wurde, mit Ausnahme der privaten Messfeier. Padre Pio sollte abgeschieden in seinem Kloster leben. Diese schmerzliche Situation dauerte zwei Jahre, danach erhielt der Padre alle priesterlichen Befugnisse wieder (Juli 1933). Währenddessen endete eine Untersuchung über das skandalöse Verhalten mancher dem Pater feindlich gesonnener Kleriker mit der Verurteilung der Schuldigen.

«Nach dem Sündenfall», sagte Padre Pio, «wurde das Leiden zum Hilfsinstrument der Schöpfung; es ist der mächtigste Hebel zur Wiederaufrichtung der Welt; es ist der rechte Arm der Liebe, die unsere Wiederherstellung erreichen will.» Da er jedoch Schmerz und Krankheit aus eigener Erfahrung kannte, war er eifrig bemüht, sie nach dem Vorbild des Erlösers zu lindern, der die der Heilung Bedürftigen gesund machte und seine Apostel aussandte, das Reich Gottes zu verkünden, und die Kranken zu heilen (Lk 9, 11 und 9, 2). Zu diesem Zweck fasste Padre Pio die Errichtung eines Krankenhauses in San Giovanni Rotondo ins Auge: Dort würden vor allem arme Kranke in einem bequemen und würdigen Rahmen fachkundige Aufnahme und Pflege erhalten, doch man würde sich ebenso um ihre Seelen kümmern, damit «die geistig und körperlich Erschöpften dem Herrn näherkommen und in ihm Trost finden können». 1947 wurde mit dem Bau der «Casa Sollievo della Sofferenza» (des Hauses zur Linderung von Leiden) begonnen, die eines der modernsten Krankenhäuser Italiens wurde und bis zu tausend Kranke aufnehmen kann.

Ein begehrter Besitz

Dieses Werk führte allerdings zu einer erneuten Verfolgung des Padre, der auf Grund eines ausdrücklichen Dispenses vom Armutsgelübde durch Papst Pius XII. Besitzer des Krankenhauses wurde. Denn trotz aller Warnungen des Heiligen Stuhles hatten sich mehrere Diözesanverwaltungen und religiöse Einrichtungen Italiens unvorsichtigerweise in eine Finanzaffäre verstrickt, wodurch sie all ihr Hab und Gut verloren. Angesichts der hohen Geldverluste, versuchten dann einige Kapuzinerpatres und andere Kleriker, sich an den finanziellen Reserven des Padre Pio schadlos zu halten, der sich in weiser Voraussicht nicht an der Affäre beteiligt hatte. Diskussionen, Drohungen und Pressekampagnen sollten den Padre sowie die von ihm für die Führung der Casa ausgewählten Verwalter in Verruf bringen. Im April 1960 gingen einige Geistliche in ihrer Anmaßung so weit, dass sie an verschiedenen Orten Abhörmikrophone anbrachten, um die Gespräche der Gläubigen mit dem Padre aufzuzeichnen. Dieses Manöver hatte frevelhaften Charakter, denn es wurden dabei auch während der Beichte erteilte Ratschläge abgehört, um den Beichtvater bei einem Fehler zu ertappen. Die Abhörmaßnahmen dauerten vier Monate lang; dann förderte eine rasche Untersuchung die Namen der Schuldigen und ihrer Komplizen ans Tageslicht, und sie wurden allesamt bestraft. Um das Werk des Krankenhauses vor aller Begehrlichkeit zu schützen, ersuchte der Heilige Stuhl 1961 den Padre, das Ganze ihm zu vermachen, was dieser mit beispielhaftem Gehorsam auch tat. Dennoch wurde er immer noch wie ein «Verdächtiger in Halbfreiheit» behandelt, bis Papst Paul VI. zu Beginn des Jahres 1964 ihm die völlige Freiheit zur Ausübung seines Priesteramtes wieder verlieh.

Bei all diesem Ärger übte Padre Pio heldenhaften und beständigen Gehorsam. «Den Vorgesetzten gehorchen, heißt Gott gehorchen», pflegte er zu sagen. Nie stellte er die Anordnungen seiner Vorgesetzten in Frage, mochten sie auch noch so ungerecht sein. Bei der Seligsprechungsmesse für Padre Pio sagte Papst Johannes-Paul II.: «In der Geschichte der Heiligkeit kommt es mitunter vor, dass der Auserwählte durch eine spezielle Erlaubnis Gottes zum Gegenstand von Unverständnis wird. Bewahrheitet sich das, so wird der Gehorsam für ihn zum Schmelzofen der Reinigung, zum Weg der schrittweisen Assimilation an Christus, zur Bestätigung der echten Heiligkeit.» Doch die Angleichung an Christus kann sich lediglich durch und in der Kirche vollziehen. Für Padre Pio waren die Liebe zu Christus und die Liebe zur Kirche untrennbar. Einem seiner geistlichen Söhne, der seine Verteidigung in unannehmbarer, weil für die Kirche demütigender Weise betreiben wollte, schrieb er: «Wenn du in meiner Nähe wärst, würde ich dich an mein Herz drücken, ich würde mich dir zu Füßen werfen, um dich anzuflehen, und ich würde dir sagen: Lass den Herrn über das menschliche Elend urteilen und kehre in dein Nichts zurück. Lass mich den Willen des Herrn ausführen, dem ich mich völlig ausgeliefert habe. Lege unserer heiligen Mutter, der Kirche, alles zu Füßen, was ihr Vorurteile und Trauer einbringen könnte.»

In der Kirche sah er eine Mutter, die trotz der Schwächen ihrer Kinder immer geliebt werden muss. Sein Herz bebte vor Liebe für den Stellvertreter Christi, wie sein kurz vor seinem Tod an Papst Paul VI. gesandter Brief vom 12. September 1968 zeigt: «Ich weiß, dass Ihr Herz in diesen Tagen viel leidet wegen des Schicksals der Kirche, wegen des Friedens in der Welt, wegen der so vielen Nöte der Völker, vor allem aber wegen des Ungehorsams bestimmter Katholiken der hohen Lehre gegenüber, die Sie mit Beistand des Heiligen Geistes und im Namen Gottes erteilen. Ich biete Ihnen mein Gebet und mein tägliches Leiden an..., damit der Herr Sie durch seine Gnade trösten möge und Sie den geraden und schweren Weg weitergehen können, indem Sie die ewige Wahrheit verteidigen... Ich danke Ihnen auch für die klaren und entschiedenen Worte, die Sie insbesondere in der letzten Enzyklika Humanæ vitæ (über der Geburtenregelung) gesprochen haben, und ich bekennne erneut meinen Glauben und meinen unbedingten Gehorsam Ihren erleuchteten Weisungen gegenüber.»

Das Kreuz bereitwillig auf sich nehmen

Padre Pio erfüllte bis zum Schluss seine Mission als Beichtvater und Opfer. Im Jahre 1967 nahm er etwa 70 Personen täglich die Beichte ab. Unter seiner Ausstrahlung gab es immer mehr Wunder, Prophetien, Bekehrungen und religiöse Berufungen. Doch sein eigenes spirituelles Leben spielte sich in der «Nacht des Glaubens» ab. «Ich weiß nicht, ob ich richtig oder falsch handele», gestand er. «Und das überall, in allem, am Altar, im Beichtstuhl, überall. Ich schreite wie durch ein Wunder vorwärts, doch ich begreife nichts... So zu leben ist recht mühsam... Ich überlasse Jesus Christus die Sorge, darüber nachzudenken.» Der heilige Johannes vom Kreuz schrieb: «Die Dürre lässt die Seele auf dem Wege der reinen Liebe zu Gott vorwärtskommen. Sie fühlt sich danach nicht mehr dazu getrieben, unter dem Einfluss des Gefallens und des Geschmacks zu handeln, die sie früher an ihren Handlungen gefunden hat; sie regt sich nur noch, um Gott zu gefallen.» Die gleiche Lehre lässt sich aus den Briefen des Padre herauslesen: «Ich sage euch, liebt eure Zerstörung. Das besteht darin, in den Zeiten der Finsternis und der Ohnmacht demütig, heiter, sanft und vertrauensvoll zu bleiben; das besteht darin, euch nicht zu sorgen, sondern euer Kreuz und eure Ungewissheiten bereitwillig auf euch zu nehmen – ich sage nicht freudig, sondern entschlossen und standhaft.» Doch über all seine verschiedenen Belastungen hinweg war Padre Pio im Grunde zufrieden, glücklich und fröhlich: Darin liegt das christliche Geheimnis.

Padre Pio starb sanft am 23. September 1968 in seinem Kloster San Giovanni Rotondo. Er hatte geschrieben: «Wenn unsere letzte Stunde geschlagen hat, wenn unsere Herzschläge verstummt sind, wird alles für uns beendet sein, die Zeit, Verdienste zu erwerben, und die Zeit, sie zu verspielen... Es ist schwierig, heilig zu werden; schwierig, aber nicht unmöglich. Der Weg der Vollkommenheit ist lang wie das Leben eines jeden. Bleiben wir also nicht auf halbem Wege stehen, und der Herr wird uns unfehlbar den Trost seiner Gnade schicken; Er wird uns helfen und uns durch einen ewigen Triumph krönen.»

Seliger Padre Pio, lehre uns, wie wir «in Geduld am Leiden Christi teilnehmen, damit wir auch verdienen, an seinem Reiche teilzuhaben» (Regel des heiligen Benedikt, Vorwort).

Dom Antoine Marie osb

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