Blason  Abtei Saint-Joseph de Clairval

F-21150 Flavigny-sur-Ozerain

Frankreich


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17. Januar 2000
Hl. Antonius


Lieber, verehrter Freund der Abtei Saint-Joseph,

Was schwach ist vor der Welt, wählte Gott aus, um das Starke zu beschämen; was niedrig ist vor der Welt und verachtet, wählte Gott aus, das, was nichts ist..., damit niemand sich rühme vor Gott (1 Kor 1, 27-29). «Gott hat gewählt, Er hat ein einfaches junges Mädchen vom Lande von armer Herkunft verherrlicht. Er hat es mit der Kraft seines Geistes verherrlicht... Liebe Brüder und Schwestern! Schaut auf Maria Goretti; schaut auf den Himmel, den sie durch die heldenhafte Befolgung der Gebote erreicht hat und wo sie sich in der Herrlichkeit der Heiligen befindet... Sie ist eine Freude für die Kirche und eine Quelle der Hoffnung für uns geworden», sagte Papst Johannes-Paul II. am 29. September 1991.

Maria Goretti wurde am 16. Oktober 1890 in Corinaldo in der Provinz Ancona (Zentralitalien) in einer an irdischen Gütern armen, aber an Glauben und Tugenden reichen Familie geboren: jeden Tag gemeinsame Gebete und Rosenkranz; am Sonntag Messe und heilige Kommunion. Maria war das dritte der sieben Kinder von Luigi Goretti und Assunta Carlini. Sie wurde schon am Tag nach ihrer Geburt getauft und der Seligsten Jungfrau geweiht. Das Sakrament der Firmung wurde ihr im Alter von sechs Jahren gespendet.

Nach der Geburt seines vierten Kindes wanderte Luigi Goretti, der zu arm war, um in seiner Heimat zu überleben, in die damals noch ungesunden weiten Ebenen der römischen Campagna aus. Er ließ sich in Le Ferriere di Conca nieder, im Dienste des Grafen Mazzoleni. Maria entwickelte schon bald einen frühreifen Verstand und ein frühreifes Urteil. Nie wurde sie bei einer Laune, einer ungehorsamen Handlung oder einer Lüge ertappt. Sie war wirklich der Engel der Familie.

Nach einem Jahr anstrengender Arbeit wurde Luigi von einer Krankheit heimgesucht, die ihn innerhalb von zehn Tagen dahinraffte. Für Assunta und ihre Kinder begann eine lange Leidenszeit. Maria weinte oft über den Tod ihres Vaters und nützte auch die kleinste Gelegenheit, um vor dem Gitter des Friedhofs niederzuknien: Vielleicht war ihr Papa ja im Fegefeuer, und da sie keine Mittel hatte, um für die Ruhe seiner Seele Messen lesen zu lassen, bemühte sie sich, ihm durch Gebete zu helfen. Man sollte nicht glauben, dass dieses Kind von Natur aus Güte praktizierte. Seine erstaunlichen Fortschritte waren Früchte des Gebets. Marias Mutter sagte, der Rosenkranz sei ihr gleichsam zum Bedürfnis geworden, sodass sie ihn stets um ihre Faust geschlungen mit sich tragen würde. Aus der Betrachtung des Kruzifixes schöpfte sie eine glühende Liebe zu Gott und einen tiefen Abscheu vor der Sünde.

«Ich will Jesus»

Maria sehnte sich nach dem Tag, an dem sie die heilige Eucharistie empfangen durfte. Wie das damals üblich war, musste sie bis zum Alter von elf Jahren warten. «Mama», fragte sie eines Tages, «wann werde ich die Erstkommunion machen?... Ich will Jesus. – Wie könntest du sie machen? Du kennst den Katechismus nicht, du kannst nicht lesen, wir haben kein Geld, um dir ein Kleid, Schuhe, einen Schleier zu kaufen und wir haben keinen Moment frei.» Schließlich fand Maria ein Mittel, sich vorzubereiten, nämlich mit Hilfe einer Person aus der Umgebung. Das ganze Dorf war ihr bei der Besorgung der Kommunionskleider behilflich. Sie empfing die heilige Eucharistie am 29. Mai 1902.

Der Empfang des himmlischen Brotes stärkte die Liebe zur Reinheit in Maria und ließ sie zu dem Entschluss kommen, diese engelhafte Tugend um jeden Preis zu bewahren. Nachdem sie eines Tages einem Austausch unanständiger Worte zwischen einem Jungen und einer ihrer Gefährtinnen beigewohnt hatte, sagte sie empört zu ihrer Mutter: «Mama, wie böse dieses Mädchen spricht! – Pass du gut auf, dass du nie an solchen Unterhaltungen teilnimmst. – Ich kann nicht einmal daran denken, Mama; bevor ich das täte, würde ich lieber...» und das Wort «sterben» kam ihr noch nicht über die Lippen. Einen Monat später wurde der Satz durch die Stimme ihres Blutes beendet...

Als er sich beim Grafen Mazzoleni verdingte, hatte sich Luigi Goretti mit Giovanni Serenelli und dessen Sohn Alessandro zusammengetan. Die beiden Familien hatten getrennte Wohnungen, aber eine gemeinsame Küche. Luigi hatte die Verbindung mit Giovanni Serenelli schon bald bereut, denn dieser war so anders als die Seinigen: Er trank und kannte in seinen Sprüchen keine Zurückhaltung. Nach dem Tode Luigis waren Assunta und ihre Kinder dem despotischen Joch der Serenellis ausgeliefert. Maria, die die Situation begriff, bemühte sich, die Mutter zu ermutigen: «Nur Mut, Mama, hab keine Angst, wir werden größer. Es reicht, wenn uns der Herr Gesundheit schenkt. Die Vorsehung wird uns helfen. Wir werden kämpfen, wir werden kämpfen!»

Frau Goretti, die seit dem Tode ihres Gatten immer auf den Feldern war, hatte keine Zeit, sich um den Haushalt und um die religiöse Erziehung der Kleineren zu kümmern. Maria übernahm alles, so gut sie konnte. Sie setzte sich erst zu Tisch, nachdem sie alle bedient hatte und nahm nur die Reste für sich. Ihre Hilfsbereitschaft erstreckte sich auch auf die Serenellis. Giovanni, dessen Frau in der psychiatrischen Klinik von Ancona gestorben war, kümmerte sich seinerseits kaum um seinen Sohn Alessandro, einen handfesten Burschen von neunzehn Jahren, grob und verkommen, der sich darin gefiel, sein Zimmer mit obszönen Bildern zu tapezieren und schlechte Bücher zu lesen.

Eine makellose Lilie

Im Kontakt mit den Gorettis waren bei Alessandro religiöse Gefühle erwacht. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, der unschuldigen Maria, die ihn zunächst gar nicht verstand, unanständige Anträge zu machen. Als diese dann die Perversität des jungen Mannes erahnte, nahm sie sich in Acht und wies seine Schmeicheleien wie seine Bedrohungen zurück. Sie bat ihre Mutter flehentlich, sie nicht mehr allein zu Hause zu lassen, aber sie traute sich nicht, ihr die Gründe für ihre Furcht klar darzulegen, denn Alessandro hatte sie gewarnt: «Wenn du deiner Mutter etwas sagst, bringe ich dich um». Ihre einzige Zuflucht war das Gebet. Noch am Vorabend ihres Todes bat Maria ihre Mutter unter Tränen, sie nicht allein zu lassen. Da Frau Goretti keine weiteren Erklärungen erhielt, hielt sie alles für eine Laune und maß der wiederholten flehentlichen Bitte keine Bedeutung bei.

Am 5. Juli wurden in der Tenne, etwa vierzig Meter vom Wohnhaus entfernt, Saubohnen gedroschen.

Alessandro lenkte einen Ochsenkarren, mit dem die auf dem Boden ausgebreiteten Bohnen immer wieder gewendet wurden. Gegen drei Uhr nachmittags, als Maria allein zu Hause war, bat Alessandro Assunta: «Assunta, willst du kurz die Ochsen an meiner Stelle führen?» Diese übernahm, ohne an etwas Böses zu denken. Maria saß an der Schwelle zur Küche und flickte ein Hemd, das Alessandro ihr nach dem Essen gegeben hatte; nebenbei passte sie auf ihre kleine Schwester Teresina auf, die neben ihr schlief.

«Maria!», rief Alessandro. «Was willst du? – Ich will, dass du mit mir kommst. – Warum? – Komm mit! – Sag mir, was du willst, sonst komme ich nicht mit.» Angesichts dieses Widerstandes, ergriff der junge Mann sie am Arm und zog sie in die Küche, wo er die Tür verriegelte. Das Kind schrie, doch das Geräusch drang nicht nach außen. Da es Alessandro nicht gelang, sein Opfer gefügig zu machen, knebelte er es und fuchtelte mit einem Dolch herum. Maria zitterte zwar, doch sie gab nicht nach. Wütend versuchte nun der junge Mann, ihr die Kleider vom Leib zu reißen. Maria befreite sich von ihrem Knebel und rief: «Tu das nicht... Das ist eine Sünde... Du kommst in die Hölle». Der Unselige kümmerte sich wenig um das Urteil Gottes und hob seine Waffe: «Wenn du nicht willst, töte ich dich». Als sie weiter Widerstand leistete, erdolchte er sie mehrmals. Das Kind schrie: «Mein Gott! Mama!», und fiel zu Boden. Da der Mörder es für tot hielt, warf er sein Messer weg und öffnete die Tür, um fortzulaufen; doch da hörte er Maria noch einmal stöhnen. Er kehrte zurück, hob die Waffe wieder auf und stach erneut auf sie ein; dann stieg er in sein Zimmer hinauf und verbarrikadierte sich dort.

Maria hatte vierzehn schwere Wunden erlitten; sie war ohnmächtig. Als sie wieder zu sich kam, rief sie Herrn Serenelli: «Giovanni! Alessandro hat mich umgebracht... Kommt...» Beinahe gleichzeitig stieß die durch den Krach wach gewordene Teresina einen durchdringenden Schrei aus, den auch Frau Goretti hörte. In diesem Moment stieg Giovanni Serenelli die Treppe hoch und rief bei dem entsetzlichen Anblick, der sich seinen Augen bot: «Assunta, kommt!» Dann kam auch die Mutter: «Mama!», stöhnte Maria. – «Was ist passiert? – Alessandro hat mir Böses gewollt!» Der Arzt und die Gendarmen wurden gerufen; sie kamen rechtzeitig, um die übererregten Nachbarn daran zu hindern, Alessandro auf der Stelle umzubringen.

Kein Tropfen Wasser!

Nach einer langen und überaus mühsamen Fahrt im Krankenwagen kamen sie gegen zwanzig Uhr im Krankenhaus an. Die Ärzte waren erstaunt darüber, dass das Kind seinen Verletzungen nicht erlegen war: der Herzbeutel, das Herz, der linke Lungenflügel, das Zwerchfell und der Darm waren verwundet. Da sie sahen, dass die Kleine verloren war, riefen sie den Geistlichen. Maria beichtete bei klarem Bewusstsein. Dann wurde sie zwei Stunden lang von den Ärzten versorgt. Sie beklagte sich nicht. Sie betete ununterbrochen und bot ihre Schmerzen der Allerseligsten Jungfrau, der Schmerzensmutter, dar. Ihrer eigenen Mutter war es erlaubt, an ihrem Bett zu bleiben. Maria fand die Kraft, sie zu trösten: «Mama, meine liebe Mama, mir ist jetzt wohl!... Wie geht es den kleinen Brüdern und Schwestern?»

Maria hatte großen Durst: «Mama, gib mir einen Tropfen Wasser. – Meine arme Maria, der Doktor will es nicht, das würde dir noch mehr weh tun.» Erstaunt erwiderte Maria: «Ist es möglich, dass ich nicht einen Tropfen Wasser haben kann!» Sie warf einen Blick auf Jesus am Kreuze, der genauso gesagt hatte: «Mich dürstet!», und ergab sich in ihr Schicksal. Der Krankenhausseelsorger stand ihr väterlich bei. In dem Moment, in dem er ihr die heilige Kommunion reichte, fragte er sie: «Maria, vergibst du aus ganzem Herzen deinem Mörder?» Sie unterdrückte einen instinktiven Schauder und antwortete: «Ja, ich vergebe ihm aus Liebe zu Jesus...und ich will, dass er auch mit mir ins Paradies kommt... Ich will ihn neben mir haben... Gott möge ihm vergeben, weil ich ihm schon vergeben habe...» Mit diesen Gefühlen, denselben, die Christus auf dem Kalvarienberg hatte, empfing sie die Eucharistie und die letzte Ölung: heiter, ruhig und demütig in der Heldenhaftigkeit ihres Sieges. Das Ende nahte. Man hörte sie «Papa» rufen. Dann, nach einer letzten Anrufung an Maria ging sie in die unermessliche Freude des Paradieses ein. Das war am 6. Juli 1902 um drei Uhr nachmittags. Sie war noch nicht zwölf Jahre alt.

«Sie vergeuden Ihre Zeit, Herr Bischof»

Drei Monate nach diesem Drama fand der Prozess gegen Alessandro statt. Auf den Rat seines Anwaltes hin gestand er: «Maria gefiel mir. Ich habe sie zweimal zum Bösen aufgefordert und konnte sie zu nichts bewegen. In meinem Ärger bereitete ich den Dolch vor, dessen ich mich dann bedient habe». Er wurde zu dreißig Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Er tat so, als würde er überhaupt kein Bedauern über sein Verbrechen empfinden. Manchmal hörte man ihn rufen: «Freu dich, Serenelli, noch neunundzwanzig Jahre und sechs Monate, und du bist wieder ein Bürger!» Doch Maria Goretti vergaß ihn nicht. Einige Jahre später hatte Mgr. Blandini, der Bischof der Diözese, in der sich das Gefängnis befand, die Eingebung, den Mörder aufzusuchen und ihn zur Reue zu bewegen. «Sie vergeuden Ihre Zeit, Herr Bischof», sagte ein Wärter, «das ist ein Harter!» Alessandro empfing den Bischof murrend. Doch bei der Erinnerung an Maria, an ihre heldenmütige Vergebung, an die unendliche Güte und Barmherzigkeit Gottes, ließ er sich von der Gnade anrühren. Als der Bischof ging, weinte er zur großen Überraschung der Wärter in der Einsamkeit seiner Zelle.

Eines Nachts erschien ihm Maria im Traum, weiß gekleidet in den blühenden Gärten des Paradieses. Erschüttert schrieb Alessandro an Mgr. Blandini: «Ich bereue mein Verbrechen umso mehr, als ich mir dessen bewusst bin, dass ich einem armen, unschuldigen Mädchen das Leben geraubt habe, das bis zum letzten Augenblick seine Ehre retten wollte und sich lieber aufopferte als meinem kriminellen Trachten nachzugeben. Ich bitte Gott und die arme Familie öffentlich um Vergebung für dieses große Verbrechen. Ich will hoffen, dass auch ich Vergebung erlangen werde, wie so viele auf dieser Erde.» Seine aufrichtige Reue und seine gute Führung in der Strafanstalt führten dazu, dass er vier Jahre vor Verbüßung seiner Gesamtstrafe freigelassen wurde. Er fand eine Stelle als Gärtner in einem Kapuzinerkloster und benahm sich dort musterhaft. Er wurde in den Dritten Orden des heiligen Franziskus aufgenommen.

Wegen seiner guten Einstellung wurde Alessandro als Zeuge im Seligsprechungsprozess für Maria benannt. Das war eine recht heikle und sehr schmerzhafte Angelegenheit für ihn. Doch er bekannte: «Ich muss Wiedergutmachung leisten und alles, was in meiner Macht steht, für ihre Verherrlichung tun. Das Böse ist ganz auf meiner Seite. Ich habe mich von der brutalen Leidenschaft hinreißen lassen. Sie ist eine Heilige. Eine richtige Märtyrerin. Sie ist nach dem, was sie meinetwegen hat erleiden müssen, eine der Ersten im Paradies.»

An Weihnachten 1937 begab er sich nach Corinaldo, wohin Assunta Goretti sich mit ihren Kindern zurückgezogen hatte, in der einzigen Absicht, Wiedergutmachung zu leisten und die Mutter seines Opfers um Vergebung zu bitten. Sobald er vor ihr stand, bat er sie weinend: «Assunta, können Sie mir vergeben? – Maria hat Ihnen vergeben, warum sollte nicht auch ich Ihnen vergeben können?», stammelte diese. Am Weihnachtstag waren die Einwohner von Corinaldo nicht wenig erstaunt und gerührt, als sie Alessandro und Assunta Seite an Seite sich der Tafel des Herrn nähern sahen.

«Seht ihr sie an!»

Die Ausstrahlung Maria Gorettis, die am 26. Juni 1950 von Papst Pius XII. heilig gesprochen worden ist, wirkt auch heutzutage noch fort: «Unsere Berufung zur Heiligkeit, die die Berufung eines jeden Getauften ist, wird durch das Beispiel dieser jungen Märtyrerin ermutigt. Seht ihr sie an, vor allem ihr Heranwachsenden und Jugendlichen. Seid wie sie fähig, die Reinheit des Herzens und des Leibes zu verteidigen; bemüht euch, gegen das Böse und die Sünde zu kämpfen, indem ihr eure Gemeinschaft mit dem Herrn durch das Gebet, das tägliche Üben von Selbstbeherrschung und die gewissenhafte Befolgung der Gebote nährt» (Papst Johannes-Paul II., 29. September 1991).

Die völlige Befolgung der Gebote ist eine Frucht der Liebe. «Die Gottesliebe und die Nächstenliebe sind nicht zu trennen von der Einhaltung der Gebote des Bundes», mahnte der Papst in seiner Enzyklika Veritatis splendor (6. August 1993, Nr. 76). Wer sagt, er habe Gott erkannt, und seine Gebote nicht hält, ist ein Lügner, und in ihm ist nicht die Wahrheit... Denn das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten (1 Joh 2, 4; 5, 3). Es ist immer möglich, mit dem Beistand der göttlichen Gnade die Gebote zu halten. «Gott verlangt keine unmöglichen Dinge, sondern indem er Gebote gibt, lädt er dich ein, das zu tun, was du kannst, darum zu bitten, was du nicht kannst, und er wird dir helfen, damit du es kannst. Seine Gebote aber sind nicht schwer (1 Joh 5, 3), denn gut zu tragen ist sein Joch, und seine Bürde ist leicht» (Konzil von Trient, VI. Sitzung, Kap. 11). Die Tugend der Hoffnung steht dem Menschen immer offen. Im Kreuz Jesu, in der Gabe des Heiligen Geistes und in den Sakramenten der Buße und der Eucharistie findet er die Kraft, seinem Schöpfer treu zu sein, auch unter größten Schwierigkeiten (vgl. Veritatis splendor, 103).

Die Wirklichkeit und die Macht des göttlichen Beistands offenbaren sich besonders greifbar bei den Märtyrern. Sicherlich sind nicht alle Christen zum Martyrium berufen. Doch «ist der Christ angesichts der vielfältigen Schwierigkeiten, welche die Treue zur Unbedingtheit der sittlichen Ordnung auch unter den gewöhnlichsten Umständen verlangen kann, mit der im Gebet erflehten göttlichen Gnade zu mitunter heroischem Bemühen aufgerufen, wobei ihn die Tugend des Starkmutes stützen wird, mit deren Hilfe er - wie der heilige Gregor der Große lehrt - sogar ,die Schwierigkeiten dieser Welt im Blick auf den ewigen Siegespreis lieben kann'» (id. 93).

Daher schreckt der Papst nicht davor zurück, den Jugendlichen zu sagen: «Habt keine Angst, gegen den Strom zu schwimmen, die Idole der Welt abzulehnen». Und er erklärt: «Durch die Sünde wendet man sich von Gott, unserem einzigen Gut, ab und entscheidet sich dafür, sich auf die Seite der ,Idole' zu begeben, die uns in den Tod und die ewige Verdammnis, in die Hölle, führen». Maria Goretti «ermutigt uns, die Freude der Armen zu erfahren, die auf alles verzichten können, wenn sie nur die einzige notwendige Sache nicht verlieren: die Freundschaft mit Gott! Liebe Jugendliche, hört auf die Stimme Christi, der euch, auch euch, auf den engen Weg der Heiligkeit ruft» (29. September 1991).

Die heilige Maria Goretti erinnert uns daran, dass der «enge Weg der Heiligkeit» über die Treue zur Tugend der Keuschheit führt. Heutzutage wird die Keuschheit oft verspottet und verachtet. Kardinal López Trujillo schreibt: «Für manche, die sich in Milieus befinden, wo man die Keuschheit beleidigt und in Verruf bringt, kann das keusche Leben einen harten, manchmal heldenhaften Kampf erfordern. Auf jeden Fall können mit der Gnade Christi, die aus seiner ehelichen Liebe für die Kirche entspringt, alle auf keusche Weise leben, selbst wenn sie sich unter dafür wenig günstigen Bedingungen befinden» (Wahrheit und Bedeutung der menschlichen Sexualität, 8. Dezember 1995).

Ein langes und langsames Martyrium

Die Bewahrung der Keuschheit impliziert die Ablehnung bestimmter sündiger Gedanken, Worte und Werke sowie das Meiden von Gelegenheiten zur Sünde. «Die lachende Kindheit und die feurige Jugend mögen lernen, sich nicht kopflos den vergänglichen und eitlen Freuden der Wollust hinzugeben, auch nicht den Freuden betörender Laster, die die friedliche Unschuld zerstören, eine finstere Traurigkeit erzeugen und früher oder später die Kräfte der Seele und des Leibes schwächen», mahnte Papst Pius XII. bei der Heiligsprechung von Maria Goretti. Der Katechismus der Katholischen Kirche erinnert: «Entweder ist der Mensch Herr über seine Triebe und erlangt so den Frieden, oder er wird ihr Knecht und somit unglücklich» (Katechismus, 2339). So muss man notwendigerweise eine Lebensregel befolgen, die «Kraft, ständige Aufmerksamkeit sowie eine mutige Absage an die Verführungen des Lebens verlangt. Wie müssen eine unablässige Wachsamkeit an den Tag legen, von der wir unter keinem Vorwand ablassen dürfen... bis zum Ende unseres irdischen Lebenslaufs. Es handelt sich da um einen Kampf gegen sich selbst, den wir einem langsamen und langen Martyrium gleichsetzen können. Das Evangelium ermuntert uns klar zu diesem Kampf:... das Himmelreich leidet Gewalt, und Gewaltsame reißen es an sich (Mt 11, 12)» (Johannes-Paul II., id.).

Um ein für die Keuschheit günstiges Klima zu schaffen, ist es wichtig, im Sprechen, Handeln und in der Kleidung Bescheidenheit und Zurückhaltung zu üben. Durch diese Tugenden wird die Person um ihrer selbst willen geachtet und geliebt, anstatt als Lustobjekt betrachtet und behandelt zu werden. So sollen Eltern wohl darüber wachen, dass bestimmte Moden nicht über die Schwelle ihres Hauses dringen, insbesondere durch den falschen Gebrauch der Massenmedien (vor allem des Fernsehens). Kinder und Heranwachsende sollten ermutigt werden, Selbstbeherrschung und Zurückhaltung zu schätzen und zu üben, ordentlich zu leben, persönliche Opfer zu bringen im Geiste der Liebe zu Gott und der Großzügigkeit zu anderen, ohne Gefühle und Neigungen zu ersticken, sondern indem sie sie in ein tugendhaftes Leben kanalisieren (Vgl. Päpstlicher Rat für die Familie, id., Nr. 56-58). Wenn die Jugendlichen dem Beispiel der heiligen Maria Goretti folgen, werden sie «den Wert der Wahrheit, die den Menschen von der Knechtschaft der materiellen Wirklichkeit befreit», entdecken, und sie können dann «den Geschmack der wahren Schönheit und des Gutes, das das Böse besiegt, genießen» (Johannes-Paul II., id.).

Heilige Maria Goretti, erwirke uns von Gott durch die Fürsprache der Allerseligsten Jungfrau und des heiligen Josef jene übernatürliche Kraft, die dich veranlasst hat, den Tod der Sünde vorzuziehen, damit wir deinen leuchtenden Spuren mit Freude, Kraft und Eifer folgen können!

Dom Antoine Marie osb

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